Keimland Schweiz: Wie Thorpe infizieren sich Tausende im Spital
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Keimland SchweizWie Thorpe infizieren sich Tausende im Spital

Ian Thorpe wird wegen einer postoperativen Infektion im Arm nie wieder schwimmen. Auch in der Schweiz infizieren sich jedes Jahr 70'000 Personen im Spital. Ein vergleichsweise hoher Wert.

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hal

Wer aus dem Spital entlassen wird, hat das Schlimmste hinter sich. Sollte man zumindest meinen. Doch Zehntausende lesen im Operationssaal erst richtig gefährliche Krankheiten auf. Einer von ihnen ist Ian Thorpe (31). Der Schwimmstar liegt mit einer schweren Infektion in seinem linken Arm auf der Intensivstation einer Klinik in Sydney. Die Ärzte pumpen ihn mit Antibiotika voll. Thorpe wird überleben, aber nie mehr schwimmen können.

Anfänglich berichteten viele Medien, dass sich der Australier die Infektion bei einer Schulteroperation in einem Tessiner Spital geholt haben soll. Dies wurde mittlerweile von seinem Manager dementiert, der Profisportler soll sich die Infektion bei einem Eingriff in Australien zugezogen haben. Fakt ist aber, dass es in allen Schweizer Spitälern zu Infektionen kommt. Und zwar zu vielen.

Mehr Infektionen als in EU und USA

Gemäss einer Hochrechnung von Swissnoso, einer Gruppe von leitenden Ärzten und Spezialisten, sterben landesweit im Schnitt jeden Tag fünf Menschen durch einen Erreger, den sie sich im Spital geholt haben. 70'000 Personen werden demnach jährlich infiziert, 2000 sterben in der Folge – und das sind noch vorsichtige Schätzungen. «Die tatsächlichen Zahlen könnten höher liegen», teilte Swissnoso mit.

Die Schweiz nimmt damit international einen unrühmlichen Spitzenplatz ein. Wie der nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) ermittelte, gibt es in der Schweiz je nach Operationstyp bis zu doppelt so viele sogenannte postoperative Wundinfektionen wie im EU-Schnitt und in den USA. Mit ein Grund: In mehreren Ländern ist es im Gegensatz zur Schweiz öffentlich, in welchem Spital sich wie viele Patienten eine Infektion holen – damit kommen die schwarzen Schafe unter Druck.

Keime auf Händen und Haut

Mindestens ein Drittel der Infektionen könnte vermieden werden, etwa durch bessere Hygiene. Seit 20 Jahren hat sich Swissnoso diesem Kampf verschrieben. Doch die Aufrufe verhallen. Noch immer desinfizieren sich Chirurgen und Pfleger je nach Studie in 40 bis 50 Prozent der Fälle die Hände nicht. Krankheitserreger wie Staphylococcus aureus, Escherichia coli oder Enterococcus faecalis werden so leicht verbreitet.

Viele Infektionen kommen allerdings auch von Keimen, die der Patient selbst mit ins Spital bringt – meistens auf seiner Haut. Wird ihm ein Katheter oder eine Kanüle gesetzt, hat der Eindringling beim durch Operation und Krankheit ohnehin schon geschwächten Immunsystem des Patienten leichtes Spiel.

250 Millionen Franken pro Jahr

Nicht alle Schweizer Spitäler schneiden in den Studien gleich schlecht ab. Welche besonders schlecht sind, erfuhren die Patienten bisher nicht. Die Studien sind anonymisiert. Das soll sich jedoch ändern: Seit 2013 müssen die Kliniken alle Infektionen dokumentieren. Zudem hat der Ständerat vor wenigen Wochen einen Vorstoss angenommen, der mehr Transparenz für Patienten bringen soll. Sobald die Datenqualität genügend sei, würden die Resultate veröffentlicht, versprach Gesundheitsminister Alain Berset.

Er hat angesichts der explodierenden Gesundheitskosten ein grosses Interesse daran, die Zahl der Infektionen zu senken – zumal Massnahmen wie striktes Händewaschen fast nichts kosten. Die Behandlung einer Wundinfektionen kostet schnell mehrere Zehntausend Franken. SP-Nationalrat Thomas Hardegger schätzte in einem Vorstoss die Gesamtkosten pro Jahr auf 250 Millionen Franken.

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