Chronologie einer Jagd - Wie Uber Eats half, den meistgesuchten IS-Terroristen Europas zu fangen
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Chronologie einer JagdWie Uber Eats half, den meistgesuchten IS-Terroristen Europas zu fangen

Die spanische Polizei folgt der Spur einer Gruppe von Flüchtlingen, die mit Booten über das Mittelmeer gekommen waren. Erst nachdem sie die Essensbestellungen eines ihnen verdächtigen Accounts überprüfen, werden die Behörden fündig.

von
Karin Leuthold
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Am 18. April 2020 beobachtete die Polizei, wie ein Lieferant von Uber Eats eine Bestellung an Calle Cádiz 24 in Almería brachte.

Am 18. April 2020 beobachtete die Polizei, wie ein Lieferant von Uber Eats eine Bestellung an Calle Cádiz 24 in Almería brachte.

El Pais/Policia Nacional
Zwei Tage später konnten die Behörden drei gefährliche IS-Terroristen festnehmen.

Zwei Tage später konnten die Behörden drei gefährliche IS-Terroristen festnehmen.

El Pais/Policia Nacional
Auf Social Media zeigte sich der Islamist mit schweren Waffen.

Auf Social Media zeigte sich der Islamist mit schweren Waffen.

El Pais/Policia Nacional

Darum gehts

  • Die spanische Polizei nimmt am 20. April 2020 den IS-Terroristen Abdel-Majed Abdel Bary in Almería fest.

  • Zuvor hatten die Beamten das Nutzerprofil eines anderen Terroristen bei der Essenslieferungs-App Uber Eats identifizieren können.

  • Der 31-jährige Abdel Bary ist Sohn eines bekannten Al-Qaida-Terroristen.

Die spanischen Sicherheitskräfte konnten am 20. April 2020 einen der meistgesuchten islamischen Terroristen Europas festnehmen. Die polizeilichen Akten, in die die Zeitung «El País» jetzt erstmals Einsicht hatte, beschreiben die Jagd auf den 31-jährigen Abdel-Majed Abdel Bary, ein ägyptischer Ex-Rapper, der 2013 nach Syrien gereist war, um für den Islamischen Staat zu kämpfen.

Die Alarmglocken der Polizei läuteten am 14. April 2020 inmitten der strengen Ausgangssperre der Corona-Pandemie als Grenzwächter an der Küste von Almería in Südspanien die Ankunft von fünf kleinen Booten bemerkten. Die Flüchtlinge hatten es an Land geschafft, doch «nicht alle wurden abgefangen», heisst es im Polizeidossier.

Ein Terrorist bestellt auf Uber Eats

Die Behörden machten sich sofort auf die Suche nach den unregistrierten Migranten, denn sie hatten davon Wind bekommen, dass Abdel-Majed Abdel Bary, sowie der 29-jährige Algerier Abderrezak Siddiki, ein weiterer bekannter «Foreign Fighter» des IS, die Überfahrt über das Mittelmeer planten, um nach Europa zu gelangen. «Operación Altepa» war damit in Gang gesetzt worden.

Die Sicherheitsdienste überprüften die Liste der Kunden sämtlicher Gästehäuser in der Region Almería ohne Erfolg. Den besten Hinweis lieferten ihnen aber die Mobiltelefone. Die Polizei hatte die sozialen Netzwerke der Verdächtigen analysiert und konnten so Siddikis Nutzerprofil bei der Essenslieferungs-App Uber Eats identifizieren. Sie stellten beim Dienstleister eine Anfrage: Hatte Siddiki in letzter Zeit Bestellungen aufgegeben? Uber Eats antwortete: «Ja, zweimal

Drei Essensbestellungen innert vier Tagen

Eine erste Bestellung war am 15. April 22.46 Uhr eingegangen. Abderrezak Seddiki bestellte im Kebab Shop und gab als Lieferadresse Calle Ledesma 6 in Almería an. Die zweite Bestellung am nächsten Tag wurde um 22 Uhr bei Makro Döner gestellt. Als Lieferadresse war die Calle Cádiz 24 angegeben worden. Die Behörden postieren Beamten in Zivil an beiden Adressen.

Am 18. April geht um 14.48 Uhr die dritte Bestellung ein. Wieder an die Calle Cádiz. Als der Lieferant ankommt, fordert er Siddiki auf, sich über die Balkonbrüstung zu lehnen. Der Polizist erkennt den Islamist. Als Siddiki wieder in die Wohnung geht, folgt der Polizist den Uber-Eats-Lieferanten bis zum Gebäudeeingang. Er bleibt bei dem Zwischenpodest zum zweiten Stock stehen und blickt in Richtung Türe. Als diese aufgeht, nimmt ein Mann die Essensbestellung entgegen. Es ist Abdel-Majed Abdel Bary.

Konfiszierte Geräte und sehr viel Geld

Dann geht alles sehr schnell. Die Polizei bekommt eine richterliche Erlaubnis, um die Wohnung, die die Terroristen auf Airbnb gemietet hatten, zu durchsuchen: Am 20. April überrascht ein Kommando die Bewohner. Dabei werden Abdel-Majed Abdel Bary, Abderrezak Siddiki und der 26 Jahre alte Algerier Kossaila Chollouah festgenommen.

Die Beamten konfiszieren fünf Handys, einen USB-Stick, einen Computer und verschiedene Dokumente. Abdel Bary wird nach Madrid gebracht. Seither sitzt er in einer Isolierzelle des Gefängnisses Soto del Real.

Bei seiner Einvernahme durch die Polizei bestreitet der Ägypter, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Nach Südspanien sei er gekommen, um «in Gewächshäusern oder bei der Obsternte zu arbeiten», sagt er. Dass er in Syrien war, dementiert er nicht. Er sei dorthin gereist, «um Muslimen aus humanitären Gründen im Rahmen der Revolution zu helfen».

Bary ist Sohn eines bekannten Al-Qaida-Terroristen

Die Ermittler glauben Bary kein Wort: Zusammen mit Siddiki, der im Moment seiner Festnahme einen falschen Pass dabei hatte, hatte Bary drei Wohnungen im Raum Almería gemietet. Neben den beschlagnahmten Geräten wurden in der Wohnung an der Calle Cádiz eine hohe Summe Bargeld sichergestellt. Abdel Bary besitzt auch 49'812 Euro in Bitcoins obwohl er «erst seit einer Woche in Spanien weilte», heisst es in den Dokumenten.

Die Staatsanwaltschaft und Richterin María Tardón sind überzeugt, dass es Hinweise darauf gibt, dass die Verhafteten der Terrorgruppe IS angehören und dass sie aus der Türkei über Algerien nach Almería gereist waren. Die Polizei vermutet, dass es sich beim Trio um eine «Wanderzelle» mit «spezifischen Aufgaben» handelt und dass «nicht ausgeschlossen werden kann», dass sie weitere «Mitglieder und Unterstützer» in Spanien oder in Europa hat.

Die Behörden halten Abdel Bary, dem Grossbritannien die Staatsangehörigkeit entzogen hat, für den Anführer der Gruppe. Nicht zuletzt wegen seiner Herkunft: Der als L Jinny bekannte ehemalige Musiker ist der Sohn von Adel Abdelmajed Abdelbary, einem bekannten Al-Qaida-Terroristen, der 2002 wegen seiner Beteiligung an den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania an die USA ausgeliefert wurde.

Der 31-jährige Sohn, der auch von Interpol als Terrorist ausgeschrieben ist, liess sich Anfang 2014 in Raqqa fotografieren, wie er den Kopf eines enthaupteten Menschen in der Hand hielt. Dabei habe er – wie sein Vater – «dem Westen den totalen Krieg versprochen», heisst es im Polizeibericht.

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