27.06.2014 15:31

WM-EntzugWie überleben wir das nur?

Nach 48 WM-Partien in zwei Wochen ist der heutige spielfreie Tag eine Herausforderung für unseren Autor. Er besucht eine Selbsthilfegruppe und hofft auf Tipps.

von
mec

Ein grosses Zimmer, gedämpftes Licht, die Stühle stehen im Kreis und sind alle besetzt. In der Ecke steht eine Vase mit einer welkenden Pflanze. Der Gesprächsleiter sortiert seine Papiere.

«Danke, dass ihr alle kommen konntet. Wir gehen der Reihe nach.»

Er blickt in meine Richtung: «Wenn Sie den Anfang machen wollen ..?»

War ja klar, dass das mit dem letzten freien Platz einen Haken hatte.

«Ja, also?» meine Stimme ist dünn wie Papier, erstmal räuspern. «Ich heisse Christian und ich steh auf Fussball» So. Jetzt ists raus.

Die Gruppe, gelangweilt: «Hallo Christian.»

«Möchten Sie etwas mit uns teilen, Christian? In diesem Kreis können Sie frei sprechen. Wir wollen nicht richten, sondern uns gegenseitig helfen.»

«Ja, also, das ist so: Ich habe schon wieder den Grill bereit, das Bier kaltgestellt, Chips eingekauft und kann mir einfach nicht vorstellen, dass heute Abend ... also dass ... »

Unbehagliche Stille. Der Gesprächsleiter will helfen:

«Dass heute kein Fussball im Fernsehen gezeigt wird?»

Kollektiver Aufschrei der Gruppe. «Wie können Sie so was aussprechen?!??»

«Das war jetzt etwas unsensibel von mir», entschuldigt er sich, «ich sehe in meinen Unterlagen, dass Sie verheiratet sind und Kinder haben ...»

Jetzt bin ich verwirrt. «Sind das die Leute in meiner Wohnung, die immerzu ?Hallo Schatz? oder ?Hallo Papi? sagen und mich so besorgt anblicken?»

«Das ist gut möglich. Möchten Sie mit ihnen heute vielleicht etwas unternehmen?»

«Ich weiss nicht. Da lag ein Zettel auf meinem Kopfkissen, dass der Fernseher heute besetzt sei, weil sie die verpassten Folgen von ?Game of Thrones?, ?24?, und so n'Zeug schauen wollen.»

Der Gesprächsleiter übernimmt wieder: «Damit fällt das Alternativprogramm mit der Familie wohl flach.»

Das Thema macht mich nervös, ich schaffe es nicht, meine Hand ruhig zu halten.

Dem Gesprächsleiter entgeht dies nicht: «Dieses Zucken - ist das ihre Fernbedienungshand?»

Ich fühle mich ertappt, doch dann lässt er mich endlich von der Angel: «Vielleicht möchten wir hier unterbrechen und eine weitere Stimme hören.»

Die Bekenntnisse sind erschütternd: Einer will sich in eine geschlossene Public-Viewing-Zone schleichen, ein anderer versuchte, sich verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel zu verschaffen, mit denen er bis zum nächsten Spiel durchgedämmert wäre, ein dritter probierte mit seinen knappen Ersparnissen zwei lokale Clubs zu motivieren, heute Abend ein Spiel auszutragen - es bricht einem das Herz.

Wie geht es Ihnen an diesem spielfreien Tag? Möchten Sie Ihre Empfindungen mit der Gruppe teilen? Schreiben Sie Ihre Gedanken im Kommentarfeld nieder und seien Sie versichert:

Wir wollen helfen, nicht richten.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.