Luftfahrt: Wie überlebt man einen Absturz?
Aktualisiert

LuftfahrtWie überlebt man einen Absturz?

Ein Flugzeug stürzt ab und nur eine Person überlebt – Fälle wie jener des Airbus-Crashs vor den Komoren gibt es häufiger, als man glaubt. Ein Patentrezept zum Überleben gibt es aber nicht.

von
Peter Blunschi

In den letzten 40 Jahren gab es zwölf Flugzeugabstürze, bei denen nur eine Person überlebt hat (siehe Box). Diese Zahl hat CNN ermittelt, basierend auf statistischen Daten. Auffällig ist: fünf Überlebende waren Kinder und vier Crewmitglieder. Eine plausible Erklärung dafür gibt es nicht. Der Aviatikautor David Nolan verweist darauf, dass Mitglieder der Besatzung in der Regel im Cockpit oder bei den Notausgängen sitzen. Doch damit ist das Überleben nicht gesichert, betonte John Eakin, Chef der Firma Air Data Reserach, gegenüber CNN.

Für ihn gibt es zwei Faktoren, dank denen man einen Crash überleben kann: «Glück und die Art, wie das Flugzeug runterkommt.» Es gibt auch keinen Beweis, dass Kinder eine grössere Überlebenschance haben. Kleinkinder seien im Gegenteil stärker gefährdet als andere Passagiere, sagte der Sicherheitsexperte Ed Galea von der Universität Greenwich dem «Independent», weil sie häufig im Schoss ihrer Eltern sitzen: «Es gibt Beweise, dass der in vielen Flugzeugen verwendete Schlaufengurt mehr Verletzungen verursacht als verhindert.»

40 Prozent mehr Chance im Heck

David Nolan glaubt dennoch, dass es einen Faktor gibt, der die Überlebenschance erhöht: Nach der Auswertung von 20 Abstürzen in den USA kam er zum Schluss: «Passagiere in der Nähe des Hecks haben eine um 40 Prozent grössere Überlebenschance als jene in den vordersten Sitzreihen.» Nolan zitierte einen Mitarbeiter der nationalen Flugsicherheitsbehörde: «Flugzeuge prallen nicht rückwärts in einen Berg.»

Ein Flugzeug bewege sich immer vorwärts, deshalb findet laut Nolan selbst bei Notlandungen oder anderen Absturzarten der Aufprall meist vorne statt: «Aus diesem Grund werden Flugschreiber im Heck platziert.» Andere Experten verweisen darauf, dass man in grossen Flugzeugen wie der Boeing 747 oder dem Airbus A340 eher davonkommt als in kleinen. Für John Eakin ist der wohl wichtigste Punkt das Vorhandensein eines Fluchtwegs: «Je schneller man aus dem Flugzeug rauskommt, umso besser.»

Doch im «Ernstfall» ist dies alles nur Theorie, ein Patentrezept zum Überleben gibt es letztlich nicht. Selbst der Autor David Nolan insistiert auf seinen Flügen trotz seiner Statistik nicht darauf, einen Platz im Heck zu bekommen, wie er zu CNN sagte: «Ich wähle einen Sitz am Fenster, denn Flugzeuge sind unglaublich sicher. Die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes ist dermassen klein, dass ich mir keine Sorgen mache.»

Abstürze mit Einzel-Überlebenden

26. Januar 1972, Tschechoslowakei: DC-9 der jugoslawischen JAT; 27 Tote; Stewardess Vesna Vulovic überlebt im Heck der Maschine

29. Januar 1985; Nevada (USA): Lockheed Electra der Galaxy Airlines; 70 Tote; ein 17-Jähriger wird aus dem Wrack geschleudert und landet in seinem Sitz auf einer Strasse

3. Januar 1987, Elfenbeinküste: Boeing 707-300 der brasilianischen Varig; 50 Tote; ein Passagier überlebt den Absturz im Dschungel mit Verbrennungen

16. August 1987, Michigan (USA): MD-82 der Northwest Airlines; 154 Tote; ein 4-jähriges Mädchen wird lebend im Wrack gefunden, ihre Eltern und ihr Bruder kommen ums Leben

14. November 1992, Vietnam: Yak 40 der Vietnam Airlines; 30 Tote; die Rettungskräfte erreichen das Wrack erst nach acht Tagen und finden eine Frau aus Holland lebend vor

20. November 1993, Mazedonien: Yak 42D der mazedonischen Avioimpex; 223 Tote; der Flug von Genf nach Skopje kollidiert mit einem Berg, ein Passagier überlebt

11. März 1995, Kolumbien: DC-9-10 der Intercontinental Colombia; 51 Tote; ein 9-jähriges Mädchen übersteht den Crash

3. September 1997, Kambodscha: Tu-134B der Vietnam Airlines; 65 Tote; der einzige Überlebende ist ein kleiner Bub

16. Dezember 1997, Vereinigte Arabische Emirate: Tu-154B der Tajikistan Airlines; 85 Tote; ein Crewmitglied überlebt

6. März 2003, Algerien: Boeing 737-200 der Air Algerie; 102 Tote; ein algerischer Soldat überlebt den Crash kurz nach dem Start in Tamanrasset

8. Juli 2003, Sudan: Boeing 737-200C der Sudan Airways; 116 Tote; ein dreijähriger Bub überlebt

27. August 2006, Kentucky (USA): CRJ-100 der Comair; 49 Tote; der Kopilot überlebt mit schweren Verletzungen

(Quellen: airsafe.com, planecrashinfo.com)

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