Aktualisiert 19.05.2014 09:15

Mundart-Perlen

Wie übersetzt man eigentlich «chröömle»?

In knapp 400 Kommentaren diskutierten unsere Leser über Dialekt-Ausdrücke, für die ihnen das hochdeutsche Gegenstück fehlt. Dialektologe Christian Schmid schafft Abhilfe.

von
L. Hüttenmoser

Die Schweizer Mundart, welch bunte, eigenartige und vielfältige Palette an Wörtern und Redewendungen: In Hunderten von Kommentaren diskutierten die 20-Minuten-Leserinnen und -Leser über schweizerdeutsche Ausdrücke, die ihnen auf Hochdeutsch partout nicht einfallen wollen. So fragt sich beispielsweise Leserin Jocelyne, was das Pendant für «gschpässig» ist: «Das wird mit den deutschen Worten ‹speziell› oder ‹eigenartig› nur annähernd übersetzt.» Nina kommt jeweils ins Rudern, wenn sie auf Hochdeutsch sagen will, dass «öppis verhebet» (zum Beispiel ein Konzept): «Ich habe noch keine passende Übersetzung gefunden. Es funktioniert? Es erfüllt die Anforderungen?», schreibt sie.

Im Gegensatz zu Ninas Frage blieb die von Leserin Monika nicht unbeantwortet. «Wie viel ist eigentlich ein ‹Gutsch›?», warf sie in die muntere Diskussionsrunde. Für «Pizzajola» ist ein «Gutsch» etwa zwei bis fünf Deziliter Flüssigkeit, was «Glugärä» jedoch anders sieht: «Für mich ist ein ‹Gutsch› eher eine Menge unter einem Deziliter. Also gerade so viel wie aus der Flasche kommt, wenn man sie einmal kurz kippt und dann wieder aufrichtet.» Auch an Martin gaben die Leser gern ihr Wissen weiter. Er fragte: «Wie sagt man zu ‹Spitzguugä›, also dem Treten eines Balls mit der Spitze des Fusses?» «Das nennt man Pike», schrieb «Deathclock» und trumpfte mit Zusatzwissen auf: «Eine Pike war ein Kampfspiess, also ein Lanze. Sie kennen den Begriff bestimmt aus dem französischen Kartenblatt.»

Ist «Spiise» gleich «Splitter»?

Viele Mundart-Perlen blieben jedoch ohne zufriedenstellende Übersetzung im Raum stehen, wie «toibälä», «spienzle», «schnäderfrässig» oder «gaagele». Wir haben deshalb jemanden gefragt, der es wissen muss. Christian Schmid beschäftigte sich in der Sendereihe «Schnabelweid» auf Radio SRF 1 über 20 Jahre lang mit Mundartthemen und kennt die Herkunft und den Gebrauch von Dialektausdrücken wie seine Westentasche. In der Bildstrecke erklärt Schmid, wie man die eingereichten Begriffe der 20-Minuten-Leser auf Hochdeutsch sagen würde. «Ein Unikat, in dem Sinn, dass es dafür keine hochdeutsche Übersetzung gibt, ist keines dieser Wörter», sagt er. «Man muss beim Übersetzen jedoch immer sagen, dass ein Wort aus der einen Sprache mit dem entsprechenden in einer anderen meist nicht identisch ist.»

So kann man «Spiise» durchaus mit «Splitter» übersetzen, aber assoziieren wir nicht etwas viel Dramatischeres mit einem Splitter? Steckt in «schnoigge» nicht mehr als in «herumschnüffeln» oder «stöbern»? Und dann sind da noch die Ausdrücke, die man auf Hochdeutsch kaum in einem Wort sagen kann. «Chröömle» übersetzt Schmid mit «eine Kleinigkeit kaufen» und «schnäderfrässig» mit «wählerisch beim Essen». «Die Mundartwörter sind oft bildhafter», so der Dialektologe, «aber wenn wir ein Allerweltswort wie ‹gäbig› brauchen, brauchen wir es ja in einem Sinn und nicht mit allen seinen Bedeutungen gleichzeitig.» In den Kommentaren zeigen sich auch die verschiedenen Assoziationen mit einem Wort, je nach Kantonsherkunft und Dialekt. «Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir einander so gut verstehen. Jede Region kennt ihre eigenen Wörter, die je nach Situation sehr unterschiedliche, zum Teil sogar gegenteilige Bedeutungen haben», schreibt Leserin Ella. «Meines Erachtens nach eine tolle Sache!»

Christian Schmid

Sprachwissenschaftler und Autor Christian Schmid war bis 2012 Redaktor beim Radio SRF 1 (damals noch DRS 1) und ist bekannt aus der Mundart­sendung «Schnabelweid», die er 1991 begründete. Schmid schrieb mehrere Bücher, die sich mit der Schweizer Mundart beschäftigen, darunter «Blas mer i d Schue», das 2013 erschien und in dem er die Herkunft und Bedeutung von 75 Redensarten erklärt. (Bild: zvg)

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