Aktualisiert 08.12.2016 10:47

Vögel, Fische, LandschaftWie Umweltverbände die Energiewende torpedieren

Die Umweltorganisationen sind zwar für die Energiestrategie 2050. Doch fast alle Wind- oder Wasserkraftprojekte sind durch ihre Einsprachen blockiert.

von
D. Waldmeier
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Windparks haben hierzulande einen schweren Stand. Alle 106 geplanten Windräder sind von Einsprachen durch Verbände oder Privatpersonen betroffen.

Windparks haben hierzulande einen schweren Stand. Alle 106 geplanten Windräder sind von Einsprachen durch Verbände oder Privatpersonen betroffen.

Keystone/Olivier Maire
Auch bei der Wasserkraft ist der Widerstand gross: Der WWF wehrt sich gegen die Zuleitung Lugnez.

Auch bei der Wasserkraft ist der Widerstand gross: Der WWF wehrt sich gegen die Zuleitung Lugnez.

WWF Schweiz / E.T. Studhalter
Um die Erhöhung der Staumauer am Grimsel wird seit Jahren gerungen. Betroffen wären Landschaften von nationaler Bedeutung.

Um die Erhöhung der Staumauer am Grimsel wird seit Jahren gerungen. Betroffen wären Landschaften von nationaler Bedeutung.

Keystone/Alessandro Della Bella

Will die Schweiz ihre AKW abstellen, muss sie knapp 40 Prozent der Stromproduktion ersetzen. Das Parlament hat darum die Energiestrategie 2050 beschlossen: Neben effizienteren Geräten sollen die Wasserkraft, aber auch Wind- oder Solarenergie die Lücke schliessen.

Wie steinig der Weg ist, zeigt ein Blick auf die geplanten Projekte: Obwohl sich alle wichtigen Umweltverbände zur Energiewende bekennen, blockieren sie häufig den Zubau erneuerbarer Energien.

Viele Beschwerden

Beispiel Windenergie: In den letzten drei Jahren konnten schweizweit gerade einmal fünf Windräder gebaut werden. Laut Reto Rigassi vom Branchenverband Suisse Eole sind von 106 geplanten Windrädern 87 durch Beschwerden von Verbänden blockiert. «Namentlich die Allianz von Pro Natura, Vogelschutz, Landschaftschutz und Helvetia nostra macht leider extensiv vom Beschwerderecht Gebrauch.»

Auch bei der Wasserkraft sind Ausbauten oft von jahrelangem juristischem Hickhack begleitet – etwa die Erhöhung der Staumauer am Grimsel oder das Wasserkraftprojekt Lugnez. Roger Pfammatter vom Wasserwirtschaftsverband ist konsterniert: «Ich frage mich, wie wir so auf die Erneuerbaren einschwenken wollen.» Er bezweifle angesichts der Blockade, dass die Ziele bei den erneuerbaren Energien erreicht würden. «Derzeit sehe ich eher schwarz.»

Die Umweltorganisationen wehren sich gegen den Vorwurf, ein Doppelspiel zu betreiben. Als Gründe für die Beschwerden führen sie Vögel, Fische oder das Landschaftsbild an.

Vögel und Fledermäuse

BirdLife Schweiz hat gegen mehrere Windpark-Projekte Einsprache erhoben. Das Problem: Vögel und Fledermäuse kollidieren mit den Rotoren der Windanlage, zudem könnten die Lebensräume von Brutvögeln zerstört werden. Eine Studie ermittelte im Kanton Neuenburg 20,7 tote Vögel pro Windrad und Jahr.

Laut BirdLife-Sprecher Stefan Bachmann nehmen nicht alle aktuellen Projekte genügend Rücksicht auf die Natur. «Wir wehren uns bloss bei Standorten mit starkem Vogelzug oder seltenen Brutvögeln wie dem Auerhuhn.» In Deutschland seien einige Greifvogelarten wegen Windparks empfindlich dezimiert worden. Auch das Argument, dass viel mehr Vögel in der Schweiz Katzen zum Opfer fallen, lässt Bachmann nicht gelten: «Ein Problem in einem anderen Bereich ist kein Grund, die Augen vor den Schlagopfern zu verschliessen.»

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Mag keine Windräder: Das Auerhuhn.

Mag keine Windräder: Das Auerhuhn.

Michael Gerber
Laut BirdLife wurden

Laut BirdLife wurden

Michael Gerber
Für Lachse sind Flusskraftwerke ein Hindernis.

Für Lachse sind Flusskraftwerke ein Hindernis.

WWF/Michel Roggo

Fische

Kraftwerke in Flüssen schränken den Lebensraum von Wanderfischen wie Lachs, Aal oder Äsche massiv ein. Umweltorganisationen melden bei Aus- und Neubauten von Kraftwerken oft Bedenken an. Jüngst machten sie Einsprache gegen den Neubau des Wasserkraftwerks Tuurau bei Bischofszell TG, weil dieses zwei Auengebiete von nationaler Bedeutung beeinträchtige.

«Wir torpedieren die Energiewende nicht, sondern machen dort Einsprache, wo Projekte den gesetzlichen Anforderungen nicht genügen», sagt Aqua-Viva-Geschäftsführerin Antonia Eisenhut. Es sei aber unnötig, ein kleines Kraftwerk wie in Bischofszell höher aufzustauen, wo Auen gefährdet seien. Potenzial bestehe vor allem noch bei bestehenden, grossen Wasserkraftwerken. Mit effizienteren Turbinen könne man die Produktion optimieren.

Landschaft bewahren

Für intakte Landschaften setzt sich unter anderem die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz ein. Sie kämpft gegen mehrere Wasserkraftprojekte. Aber auch Windparks sind ihr ein Dorn im Auge. «Eine Einpassung der 200 Meter hohen Masten in das Landschaftsbild ist schlicht nicht möglich», sagt Geschäftsleiter Raimund Rodewald. Die kleinräumige und dichtbesiedelte Schweiz sei für Windparks kaum geeignet. Schweizer Stromkonzerne würden aber erneuerbare Energien im Ausland zubauen.

Man unterstütze die Energiestrategie, weil die Steigerung der Effizienz im Vordergrund stehe. Bei den Erneuerbaren sehe man vor allem in der Solarenergie Potenzial.

«Lieber ein Windpark, als Kohlestrom»

Für Rigassi von Suisse Eole ist aber klar, dass es für die Energiewende Kompromisse brauchen wird. Er ruft zu einer ganzheitlichen Betrachtung auf: «Ich hätte lieber einen Windpark in der Nähe, als Strom aus Kohlekraftwerken im Ausland. Ich meine, dass müsste auch im Sinnne des Umweltschutzes sein.» Zumindest der WWF ist offenbar auch dieser Ansicht: Er hat sich diese Woche zum Ziel von 400 Anlagen in der Schweiz bekannt – heute sind es zehnmal weniger.

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