Falsch gedacht: Wie uns das Gehirn zum Narren hält

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Falsch gedachtWie uns das Gehirn zum Narren hält

Menschen sind abergläubisch, können schlecht mit Zahlen umgehen und fallen auf Werbung herein. Schuld sind Konstruktionsfehler des Gehirns.

Eigentlich leistet unser Gehirn Erstaunliches. So entwirrt es das Informationschaos, mit dem unsere Sinnesorgane laufend bombardiert werden. Und wenn es zum Beispiel darum geht, Gesichter zu erkennen, ist es jedem Computer überlegen. Doch es hat auch Schwächen: Wir vergessen Namen, können uns Telefonnummern nicht merken oder schätzen die Zeit falsch ein.

Kein Wunder, denn solche Fähigkeiten wurden nicht gebraucht, als sich der Homo sapiens vor über 100'000 Jahren entwickelte. Damals ging es vor allem um Nahrungssuche und Schutz vor wilden Tieren, heute hingegen müssen wir in einer überwiegend digitalisierten Welt zurechtkommen. Welche Fehler dem Gehirn dabei passieren, erklären Forscher um den amerikanischen Neurobiologen Dean Buonomano in dessen Buch «Brain Bugs». Hier eine Auswahl der Macken des Gehirns.

Werbung missbraucht die Sehnsucht nach der ewigen Liebe

Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen: Werbung wirkt. Sie beeinflusst unsere Kaufentscheidungen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Und manchmal gelingt es ihr sogar, neue Traditionen zu schaffen.

Ein Beispiel ist der diamantbesetzte Verlobungsring. Solche Ringe waren vor 1938 nicht üblich. Doch dann startete der Diamanten-Konzern De Beers einen gross angelegten Werbefeldzug. Er lancierte den Slogan «Ein Diamant ist für die Ewigkeit» und platzierte glitzernde Verlobungsringe in romantischen Hollywood-Filmen. So gelang es, die Sehnsucht der Menschen nach der ewigen Liebe mit dem Diamantring zu verknüpfen – bis heute.

Gefahren erkennen wichtiger als zählen

Diese Nachricht dürfte all jene beruhigen, die schlecht im Rechnen sind: Forscher gehen davon aus, dass das menschliche Gehirn gar nicht dazu gemacht ist, mit Zahlen umzugehen (siehe Box). In der Evolution war es wohl wichtiger, Muster zu erkennen – zum Beispiel, dass gerade ein paar Schlangen über den Boden kriechen.

Um wie viele Schlangen es sich dabei genau handelte, war nebensächlich. Denn schon vor einer einzigen Giftschlange musste man sich in Acht nehmen.

Der Trick mit der gedehnten Zeit

Dass wir gesprochene Sprache verstehen, erscheint uns völlig selbstverständlich: Mühelos können wir in einem Satz einzelne Wörter unterscheiden. Doch das Gehirn leistet dabei Schwerstarbeit. Denn es muss permanent analysieren, wo ein Wort endet und wo das nächste anfängt.

Damit das leichter gelingt, wendet das Hirn offenbar einen Trick an: Es dehnt die winzigen Pausen, die ein Sprecher zwischen zwei Wörtern macht, künstlich aus. Davon gehen Forschende des Unispitals Lausanne aus. Sie untersuchten dies im Experiment zwar nicht mit Sprache, jedoch mit Tönen. Dazu spielten sie Probanden zwei Tonfolgen vor, zwischen denen es eine kurze Pause von etwa einer halben Sekunde gab. Die Probanden mussten durch Drücken auf einen Knopf angeben, wie lange die Pause gedauert hatte. Sie schätzten diese grundsätzlich länger ein, als sie tatsächlich war.

Fazit: Unser Hirn manipuliert die wahrgenommene Zeit, ohne dass wir es merken – und hilft uns wahrscheinlich dadurch, die Sprache besser zu verstehen.

(Autoren: Santina Russo, Claudia Hoffmann, Fabio Schönholzer)

Rechnen – oh je!

Wie schwer wir uns mit dem Rechnen tun, zeigt folgende Aufgabe: Rechnen Sie tausend plus vierzig. Zählen Sie tausend hinzu. Plus dreissig. Addieren Sie tausend. Plus zwanzig. Plus tausend. Plus zehn. Wie viel gibt das?

Auflösung: Die meisten Menschen kommen fälschlicherweise auf fünftausend, weil sie im letzten Rechnungsschritt um eine Dezimalstelle verrutschen. Das richtige Ergebnis lautet viertausendeinhundert.

«Wissen»

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