Shutdown in den USA: «Wie verwöhnte Gören!»
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Shutdown in den USA«Wie verwöhnte Gören!»

Stunde null in den USA: Erstmals seit 17 Jahren ist die öffentliche Verwaltung lahmgelegt. Das erzürnt Bürger und Beamte gleichermassen. Die Politiker nerven - und sind nicht mehr glaubhaft.

von
gux

Nicht weniger als rund 800'000 Menschen müssen ab sofort unbezahlte Zwangsferien antreten, weil die heillos zerstrittenen Mitglieder des Kongresses sich in ihrer nächtlichen Sitzung nicht auf einen Haushalt einigen konnten. Sie redeten und redeten, stellten Anträge, gaben Stimmen ab, traten vor die Medien.

Doch je länger diskutiert, erklärt und gestritten wurde, desto näher rückte die bedrohliche Stunde null: Um Mitternacht, dem Glockenschlag zum 1. Oktober, begann in der grössten Volkswirtschaft der Welt das neue Haushaltsjahr. Allerdings ohne einen gültigen Haushalt.

«Das ist verrückt!»

Aufgebracht, mitunter wütend machten die Abgeordneten ihrem Ärger in der nächtlichen Debatte Luft. «Das ist verrückt!», rief James Moran, Demokrat aus Virginia, den Mitgliedern der Parlamentskammer zu. «Unsere Gründer wären beschämt über das, was aus dem Kongress geworden ist», wetterte er. «Dieser Wahnsinn muss aufhören», bekräftigte die Demokratin Rosa DeLauro.

Den grössten Schaden im Gezerre dürfte allerdings die US-Politik selbst nehmen. 26 Prozent der Amerikaner sind «wütend» auf die Regierung und 51 Prozent «frustriert», wie das Pew Research Center in seiner jüngsten Umfrage herausfand.

«Verwöhnte Gören!»

Lediglich 17 Prozent der Befragten erklärten, dass sie grundsätzlich mit der Arbeit der Regierung zufrieden seien. Auch für Unternehmen, die von öffentlichen Aufträgen leben, sieht es nun düster aus. Als Erkenntnis aus dem nächtlichen Zank bleibt, das alle Beteiligten verlieren.

Eine junge Frau dürfte vielen Amerikanern aus dem Herzen gesprochen haben: Sie stand gestern mit einem Plakat vor dem Kongress. Darauf stand: «Hört auf, euch wie verwöhnte Gören zu benehmen!»

«Ich schäme mich!»

Auch die Beamten, die heute Dienstag ihrer Arbeit nicht oder nur eingeschränkt nachgehen können, sind sauer: «Ich habe seit drei Jahren keine Gehaltserhöhung mehr erhalten, statt dessen wurde meine Bonus beschnitten und ich musste aber mehr Steuern zahlen. Das alles, während die im Kongress sich ohne jegliche Legitimation in eine Sackgasse manövrieren», so eine wütende Steuerbeamtin gegenüber der «Washington Post».

Die Untätigkeit des Kongresses «dient weder mir, meinen Kollegen oder unserem Land, und ich schäme mich, dass das grossartigste Land der Welt sich so entwickelt hat!»

In Chicago gingen Beamte gestern Mittag auf die Strasse, um gegen die Zwangsferien zu demonstrieren. «Wir sind wütend und müde angesichts all dieser Spielereien», sagte einer von ihnen zu CBS Chicago. «Die Moral der Politiker ist so tief, es ist unglaublich. Ich weiss auch gar nicht, wie junge Leute noch für den Staat arbeiten wollen.»

Keine «temporäre Unannehmlichkeit»

Der republikanische Abgeordnete Steve King goss noch mehr Öl ins Feuer: «Es entsteht eine temporäre Unannehmlichkeit für viele Leute», sagte er gestern. «Aber wenn Obamacare jemals implementiert wird, werden wir uns als Nation nie mehr erholen. Wir werden nie mehr ein freies Volk sein.»

Solche notorische Schwarzmalerei kommt zunehmend schlecht an. «Eine temporäre Unannehmlichkeit, das ist, wenn die Metro Verspätung hat», enerviert sich eine Angestellte des Justizministeriums. «Keinen Lohn zu haben ist mehr als eine ‹temporäre Unannehmlichkeit›!»

Touristen betroffen

Nicht nur Hunderttausende Amerikaner trifft der «Shutdown» hart. Unzählige Touristen stehen nun vor beliebten Museen oder Nationalparks vor verschlossenen Türen. Auch einige US-Konsulate und Botschaften könnten geschlossen bleiben, teilte das Aussenministerium mit. Als die Regierung vor 17 Jahren schon einmal lahmgelegt wurde, blieben zwischen 20'000 und 30'000 Visumanträge täglich unbearbeitet. (SDA)

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