Geld oder Leben: Wie viel darf ein kranker Mensch kosten?
Aktualisiert

Geld oder LebenWie viel darf ein kranker Mensch kosten?

Ist eine «gesunde» Krankenkasse mehr wert als ein leidender Patient, dem nur durch teure Medikamente geholfen werden kann? Die Debatte ist entfacht.

von
rre
1 / 10
Der Schweizer Dr. Albert Hofmann (1906 - 2008) war nicht nur Vater des LSDs: Beim Zerlegen sogenannter Mutterkorn-Alkaloide stiess er auf einen Wirkstoff, der besonders häufig in der Geriatrie zum Einsatz kommt.

Der Schweizer Dr. Albert Hofmann (1906 - 2008) war nicht nur Vater des LSDs: Beim Zerlegen sogenannter Mutterkorn-Alkaloide stiess er auf einen Wirkstoff, der besonders häufig in der Geriatrie zum Einsatz kommt.

Chaos hat auch etwas Gutes: Weil der Forscher Leo Sternbach aufgrund einer Masse von Aufträgen nicht mehr an einem Schlafmittel forschen konnte, liess er einige Substanzen stehen. Dies wiederum hatte eine chemische Reaktion zur Folge,...

Chaos hat auch etwas Gutes: Weil der Forscher Leo Sternbach aufgrund einer Masse von Aufträgen nicht mehr an einem Schlafmittel forschen konnte, liess er einige Substanzen stehen. Dies wiederum hatte eine chemische Reaktion zur Folge,...

... die das Schlaf- und Beruhigungsmittel Librium hervorbrachte. Sein Nachfolger ist noch heute in aller Munde: das Medikament Valium.

... die das Schlaf- und Beruhigungsmittel Librium hervorbrachte. Sein Nachfolger ist noch heute in aller Munde: das Medikament Valium.

Medikamente sind teuer – doch wann ist die Kostenschallmauer bei wirkungsvollen Therapien für kranke Menschen durchbrochen? Wie viel darf es kosten, einen Menschen durch Arzneien vor dem Tode zu bewahren? Was ist die gesteigerte Lebensqualität eines Patienten wert? Fragen wie diese sind heikel – der Wunsch nach ihrer Beantwortung führt bei Schweizer Politikern regelmässig zu Morbus Verschiebitis. Wer mag sich schon freiwillig an derart heissen Eisen die Finger verbrennen? Hier geht es schliesslich nicht nur um Geld oder Ethik, sondern insbesondere um Wählerstimmen.

Nun nahm sich das Schweizer Bundesgericht des Problems an. Auslöser dafür war die Klage einer Patientin, die unter der seltenen Stoffwechselerkrankung Morbus Pompe leidet. Behandelt wurde die Frau mit dem Medikament Myozyme. Da es nicht auf der Spezialitätenliste kassenpflichtiger Medikamente zu finden ist, sah sich die Krankenkasse der Patientin nicht verpflichtet, für die Kosten der Arznei von rund einer halben Million Franken im Jahr aufzukommen.

90 Millarden Franken - wer soll das bezahlen?

Wie der «Tages-Anzeiger» in der Ausgabe vom Freitag berichtet, ist eine entsprechende Gesetzesvorlage nicht vorhanden. Deshalb kam das Gericht zu folgendem Schluss: «Ist der Aufwand nicht verallgemeinerungswürdig, so kann er aus Gründen der Rechtsgleichheit auch im Einzelfall nicht erbracht werden». In anderen Worten: Bezahlt die Kasse die Medikamente der Patientin in Höhe von einer halben Million Franken jährlich, müsse man das auch anderen Patienten mit einer vergleichbaren Erkrankung gewähren.

In der Schweiz treffe das auf rund 180 000 Personen zu. Dabei entstünden jährlich zusätzliche Kosten von rund 90 Milliarden Franken – ein untragbarer Posten für die Schweizer Grundversicherung. Und weil man sich dem pikanten Thema in der Politik bislang lieber verweigerte, legte das Bundesgericht mit einer weiteren Überlegung nach: Für die Judikative sei die Schmerzgrenze bei jährlich 100 000 Franken pro gerettetem Lebensjahr erreicht.

Ganz überlassen will man die Entscheidung dem Bundesgericht dennoch nicht: FDP-Nationalrat und Arzt Ignazio Cassis reichte im März einen Vorstoss ein. Sein Vorschlag: Die nationale Ethikkommission, die Akademie der medizinischen Wissenschaften und die Eidgenössische Kommission für Grundsatzfragen sollen gemeinsam Grundlagen schaffen, die dann im Bundesrat debattiert werden könnten. Die Idee stösst bei allen anderen Parteien auf Wohlwollen.

Kann es ein Fonds richten?

Eine Entscheidung sei gemäss Ruth Baumann-Hölzle vom Institut für Ethik im Gesundheitswesen von der Politik «eminent gefordert». Ihrer Meinung nach fehlten in der Schweiz verbindliche Kriterien. Eine Rationierung von Medikamenten finde heute oft willkürlich durch Pfleger und Mediziner statt.

Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schaltet sich in die entfachte Debatte ein. Bis zu den Sommermonaten wird ein Konzept erarbeitet. Es soll Klarheit darüber schaffen, wie die Kassen bei seltenen Krankheiten vorgehen sollen. Auch über die Idee eines speziellen Fonds, der die Kosten für teure Therapien decken soll, wird laut nachgedacht.

Umfrage: Leben und leben lassen - koste es, was es wolle?

Das Leben ist das höchste Gut - doch teure Spezialtherapien sprengen das Budget der Krankenkassen. Die Diskussion ist in vielen Punkten unethisch - und doch ist sie unvermeidbar: Sollen die Medikametenkosten pro Patient limitiert werden? Nehmen Sie jetzt an unserer Umfrage teil!

Deine Meinung