Aktualisiert 31.12.2012 07:56

«Zero Dark Thirty»

Wie viel Folter verträgt ein Bin-Laden-Film?

Eine toughe CIA-Agentin, eine Folter-Kontroverse und die Tötung von Osama Bin Laden: «Zero Dark Thirty» ist der beste Film 2012 – und der umstrittenste.

von
Peter Blunschi, New York

Der Trailer zur «Zero Dark Thirty».

Wenige Tage vor Weihnachten verschickte Michael Morell eine Mitteilung an seine Belegschaft. Sie enthielt keine Festtagsgrüsse. Der Interims-Direktor des US-Geheimdienstes CIA kritisierte gemäss der «New York Times» vielmehr den Spielfilm «Zero Dark Thirty» über die Jagd auf Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden. Er erwecke den «starken Eindruck», dass «erweiterte Verhörmethoden» der Schlüssel zu Bin Ladens Aufspürung gewesen seien. «Dieser Eindruck ist falsch», betonte Morell.

Damit hat die Kontroverse um einen Film ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, der von der Kritik für seinen nüchternen, quasi-dokumentarischen Stil geradezu überschwänglich gelobt wird. Es geht um jene «erweiterten Verhörmethoden» wie Waterboarding und Schlafentzug, die von der CIA nach den Terrroranschlägen vom 11. September 2001 beim Verhör von mutmasslichen Al-Kaida-Mitgliedern intensiv angewendet wurden. Präsident Barack Obama hatte sie nach seinem Amtsantritt 2009 verboten. In «Zero Dark Thirty» würden diese Foltermethoden gerechtfertigt, wenn nicht sogar verherrlicht, lautet der Vorwurf.

Drei Senatoren protestieren

Besonders vehement äusserte sich der Autor Michael Wolff in der Online-Ausgabe des «Guardian». Er bezeichnete Regisseurin Kathryn Bigelow als «Fetischistin und Sadistin», ihr Film sei «ein übles Stück Schund und Propaganda». Nicht ganz so harsch fällt der Befund des CNN-Analysten Peter Bergen aus. Er hatte Osama Bin Laden in den 90er-Jahren als erster westlicher Journalist interviewt und bei den Dreharbeiten als Berater mitgewirkt. «Zero Dark Thirty» sei sehr gut gemacht, räumt Bergen ein. Allerdings vermittle der Film ein «irreführendes Bild» in Sachen Folter, das «von den Fakten nicht gestützt wird».

Drei führende Mitglieder des US-Senats fühlten sich sogar genötigt, in einem Brief an die Produktionsfirma Sony Pictures gegen den Film zu protestieren. Die Andeutung, dass Folter zum Aufenthaltsort von Osama Bin Laden geführt habe, sei «extrem unzutreffend und irreführend», schrieben Dianne Feinstein, die Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Senat, ihr demokratischer Parteikollege Carl Levin und der Republikaner John McCain. Er war im Vietnamkrieg von den Vietcong gefoltert worden und hatte als einziges prominentes Mitglied seiner Partei die «erweiterten Verhörmethoden» stets abgelehnt.

Der gefolterte Al-Kaida-Mann

Eine Weglassung der Folterszenen wäre einer «Reinwaschung» gleichgekommen, rechtfertigten sich Regisseurin Kathryn Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal. Sie riefen dazu auf, sich selbst ein Bild zu machen. Gesagt, getan: In New York und Los Angeles wird «Zero Dark Thirty» bereits in einigen Kinos gezeigt (landesweit startet der Film am 11. Januar, in der Deutschschweiz läuft er am 31. Januar an). Fazit: «Zero Dark Thirty» ist ein überwältigendes Dokudrama, das beim Thema Folter einen ambivalenten Eindruck hinterlässt. Der Film beschönigt nichts, dennoch kann man die Kritik gut nachvollziehen.

Das gilt besonders für Ammar, eine Kunstfigur, zusammengesetzt aus mehreren Al-Kaida-Verdächtigen. Er wird in den ersten 30 Minuten des Films auf diverse Arten gefoltert. Den entscheidenden Hinweis liefert Ammar jedoch, als die CIA-Agenten einen Trick anwenden und ihm vorgaukeln, er habe bereits ausgepackt und könne sich wegen der Folter nicht daran erinnern. Jetzt erst nennt Ammar den Namen Abu Ahmed al Kuwaiti. Es ist jener Kurier, der die Ermittler zu Osama Bin Ladens Versteck in Abbottabad führen wird.

Die verbissene Agentin

Bis dies gelingt, vergehen Jahre mit mühseliger Geheimdienst-Arbeit. Diesen Aspekt schildert der Film auf packende Weise anhand einer Agentin namens Maya (gespielt von Jessica Chastain). Sie ist die Heldin des Films, oder vielmehr Anti-Heldin, denn die Verbissenheit, mit der sie ihr ganzes (Privat-)Leben der Jagd nach Osama Bin Laden opfert, lässt eine Identifikation kaum zu. Und doch ist es ihre Beharrlichkeit, welche die vielen Zweifler in CIA und US-Regierung überzeugt, dass Bin Laden in Abbottabad steckt.

Maya ist im Gegensatz zu Ammar keine Kunstfigur, sie existiert wirklich. Auch im Buch «No Easy Day» des Ex-Navy-Seals Matt Bissonnette alias Mark Owen taucht sie auf, unter dem Namen Jen. Und auch in der Realität scheint die toughe Agentin nicht pflegeleicht zu sein. Im Frühjahr wurde sie laut «Washington Post» mit der höchsten Auszeichung für Agenten geehrt, die nicht unter Feuer geraten. Statt sich zu freuen, beschwerte sie sich in einem «Mail an alle» darüber, dass weitere Agenten für ihre Beteiligung an der Bin-Laden-Jagd geehrt wurden: «Ich allein verdiene diese Auszeichnung», wetterte die echte Maya.

Bleiben die Folterbilder haften?

Diese Insubordination kostete die Agentin eine Beförderung, so die «Washington Post». Was sie vom Film hält, weiss man nicht. Dessen letzter Teil widmet sich dem Navy-Seal-Einsatz in der Nacht zum 2. Mai 2011 in Abbottabad («Zero Dark Thirty» ist der militärische Ausdruck für 30 Minuten nach Mitternacht, den Zeitpunkt von Bin Ladens Tod). Selbst auf dem Höhepunkt bleibt der Film seinem nüchternen Stil treu. Für plumpen Hurrapatriotismus eignet er sich jedenfalls nicht. In der von 20 Minuten Online am Weihnachtstag besuchten Vorstellung in einem ausverkauften Kino in New York gab es am Ende nur verhaltenen Beifall.

«Zero Dark Thirty» macht es dem Publikum nicht leicht. Einerseits ist er um Längen besser als alles andere, was Hollywood 2012 herausgebracht hat. Und doch hinterlassen die Folterszenen ein ungutes Gefühl. «Sie werden bei den Zuschauern haften bleiben», fürchtet CNN-Kommentator Peter Bergen. Er kennt den Fall Bin Laden wie kaum jemand sonst und ist überzeugt, dass Folter nur eine marginale Rolle bei der Suche nach dem Terrorpaten gespielt hat. Diese Tatsache könnte durch das im Film gezeigte Bild verdrängt werden.

Vielleicht führt die Kontroverse sogar dazu, dass «Zero Dark Thirty», der fast jeden in diesem Winter in den USA verliehenen Filmpreis erhalten hat, die Krönung verweigert wird: Der Oscar für den besten Film des Jahres. Die stets um politische Korrektheit bemühte Filmakademie in Hollywood könnte den in jeder Hinsicht mehrheitsfähigen «Lincoln» von Steven Spielberg vorziehen. Ein guter Film, aber bei weitem nicht so eindringlich wie «Zero Dark Thirty». Osama Bin Laden mag tot sein, sein Geist jedoch wird die Amerikaner noch lange nicht loslassen.

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