Umgang mit Bettlern: Wie viel Geld soll ich Obdachlosen spenden?
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Umgang mit BettlernWie viel Geld soll ich Obdachlosen spenden?

Sie kämpfen auf der Strasse um ihr Überleben. Wie kann man ihnen helfen – und welcher Betrag ist zu tief?

von
Noah Zygmont

Das sagen zwei Passanten über das Betteln in der Schweiz.

Als eine Leserin einem Obdachlosen Luxemburgerli schenken wollte, kamen diese postwendend zurück. «Er schmiss sie mir gleich wieder an», sagt sie. Ein anderer Leser wurde schroff angegangen, als er einem Obdachlosen 10 Rappen geben wollte. «Ich habe auch schon eine Bratwurst gekauft. Der Bettler hat die Wurst dann abgelehnt, weil er lieber Geld wollte», sagt eine andere Leserin. Wann ist eine Spende hoch genug – und was brauchen die Obdachlosen wirklich?

Claudia (46) lebt in Zürich seit drei Jahren auf der Strasse. Jeder Rappen zähle, sagt sie: «10 Rappen sind ein Anfang. Wenn du den ganzen Tag dran bist, sieht das Endergebnis ganz in Ordnung aus.» An guten Tagen sammle sie bis zu 100 Franken, an schlechten auch einmal nur fünf. Es gehe darum, dass jemand seinen guten Willen zeige: «Für mich ist es wichtig, dass jemand anhält und sich die Zeit nimmt.» Obdachlose, die Kleingeld nicht annehmen, hätten es auch nicht nötig: «Das finde ich unter aller Kanone», sagt Claudia. Wenn jemand tatsächlich bedürftig sei, sei es egal, wie viel man gebe. «Ich finde es respektlos, wenn man die Spende nicht annimmt.»

«Mit ein paar Rappen kommt ein Bettler nicht weiter»

Eine andere Meinung vertritt Paul Rubin, Leiter des Tageshauses für Obdachlose in Basel. Ein kleiner Batzen helfe nicht sonderlich viel. «Mit ein paar Rappen kommt ein Bettler nicht weiter. Er kann nicht 100 Leute fragen und schlussendlich 10 Franken damit verdienen», sagt er. Grundsätzlich sei es empfehlenswert, Geld zu geben. Essen könnten sich Obdachlose auch gratis besorgen.

Teilweise werde das Geld für die Notschlafstelle oder für Möbel verwendet. Meistens werde es allerdings für Suchtmittel ausgegeben. «Sie haben oft keinen Hunger und geben das erhaltene Geld für Alkohol oder Drogen aus», sagt Rubin.

«Manchmal haben diese Menschen einfach Angst vor Ämtern»

Auch Claudia konsumierte nach eigenen Angaben 25 Jahre lang Heroin und Kokain. «Du rennst nur noch für den nächsten Schuss. Das raubt dir enorm viel Energie, sodass du irgendwann nicht mehr weiterkannst», sagt sie, die mit 18 Jahren zum ersten Mal auf der Strasse gelandet war. Sie habe die Kontrolle über ihre Finanzen verloren, weil sie alles für Drogen ausgegeben habe. Seit fünf Jahren ist sie clean.

Nicht nur Süchte führten Menschen in die Obdachlosigkeit. Oft seien die Gründe auch auf psychische Erkrankungen oder mangelnden Wohnraum zurückzuführen: «Manchmal haben diese Menschen einfach Angst vor Ämtern oder sonstigen Beratungen.» Dennoch schrecken Passanten vor alkoholisierten Bettlern zurück: «Wenn ein Bettler auf Drogen ist, gebe ich kein Geld», sagt ein Pfleger. Eine Pharmaassistentin sagt: «Wenn das Geld nur für Drogen ausgegeben wird, verzichte ich lieber auf einen Beitrag.»

«Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig geben»

Ob man einem Obdachlosen direkt Geld geben wolle oder über eine Organisation, sei eine individuelle Entscheidung, sagt Paul Rubin vom Basler Tageshaus. «Organisationen erreichen natürlich auch nur gewisse Bettler. Dennoch gibt es viele, die den direkten Austausch mit den Obdachlosen pflegen», sagt Rubin. Man solle sich vorab genau informieren, was hinter der jeweiligen Organisation stecke. Trotzdem: «Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig geben.»

Claudia möchte noch besser auf ihr Erscheinungsbild achten: «Ich gebe auch ab und zu mein gesammeltes Geld für neue Kleider aus, die ich selber einkaufen möchte. Ich besitze drei Paar Jeans.» Dass das Aussehen ein Entscheidungsfaktor fürs Spenden ist, zeigt auch ein Experiment von Alpi. Es hat gezeigt, dass gut gekleidete Bettler schneller an Geld kommen als ungepflegte.

Würdest du diesem Typen Geld geben?

(Video: Murat Temel)

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