Wie wurde Calvin evangelisch?
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Wie wurde Calvin evangelisch?

Wie kam Johannes Calvin eigentlich zum evangelischen Glauben? Wie stand er zu Martin Luther? Und hat der strenge Glaubenslehrer auch mal Witze gemacht?

von
Matthias Armborst (AP)

Auf der Internetseite calvin.de der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beantwortet der Beauftragte für das «Calvinjahr 2009», Achim Detmers, zahlreiche Fragen zum Leben des grossen Reformators und widerspricht dabei auch einigen Vorurteilen. Hier einige Auszüge:

Wie kam Calvin zum evangelischen Glauben?

Schon früh wurde Calvin von Zweifeln gequält, ob er mit seinem althergebrachten Glauben vor Gott bestehen könne. Am Schicksal seines Vaters hatte er ausserdem gesehen, wie zweifelhaft die römische Kirche handelte. Über den Vater war nämlich wegen einer ungeklärten Erbschaftsfrage der kleine Kirchenbann verhängt worden. Deswegen sollte er nicht auf dem kirchlichen Friedhof beerdigt werden. Unter anderem sein Vetter Pierre Robert Olivétan brachte Calvin dann den evangelischen Glauben nahe.

Hat Calvin Luther persönlich gekannt?

Nein. Auch viele seiner Schriften, die nur auf Deutsch vorlagen, hat Calvin nicht gelesen. Über Bucer und Melanchthon, die beide Luther sehr gut kannten, erhielt Calvin einen guten Eindruck von dessen Persönlichkeit. Calvin verehrte den deutschen Reformator. Aber er wusste auch deutlich um dessen Grenzen. Die sah er vor allem da, wo Luther nicht in der Lage war, aus kirchenpolitischen Gründen innerprotestantisch Rücksicht zu nehmen.

Wer Calvin der gefürchtete Diktator der Stadt Genf, als der er oft dargestellt wird?

Nein. Calvin war lange in Genf umstritten und erhielt erst viereinhalb Jahre vor seinem Tod die Bürgerrechte. Ausserhalb der Kirche bekleidete er kein öffentliches Amt. Bis 1555 war die Mehrheit im Rat der Stadt für die Reformation unsicher. Calvin rechnete in dieser Zeit ständig damit, die Stadt wieder verlassen zu müssen. Seine Bücher unterlagen der städtischen Zensur. Calvin galt in Genf als Ausländer, dem man auf der Strasse hinterher pfiff und nach dessen Namen man Hunde rief.

War Calvin auch mal in Deutschland?

Ja, sogar mehrere Jahre. Das deutschsprachige Strassburg, wo Calvin von 1538-41 als Pfarrer der französischen Flüchtlingsgemeinde arbeitete, gehörte damals als freie Reichsstadt zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Von Strassburg aus unternahm Calvin längere Reisen zu den Religionsgesprächen in Frankfurt am Main, Hagenau, Worms und Regensburg. Dort lernte er die führenden deutschen Reformatoren kennen, auch Melanchthon.

Was für einen Charakter hatte er?

Im Grunde war er schüchtern, empfindlich, der Wirksamkeit nach aussen hin abgeneigt und voller Furcht vor harten Auseinandersetzungen. Zugleich wird er als energisch, ungeduldig, reizbar und rechthaberisch beschrieben. Mehrfach entschuldigt sich Calvin für sein leidenschaftliches und ungeduldiges Wesen. In seinen letzten Lebensjahren erlebt seine Umwelt Calvin aufgrund der jahrzehntelangen Arbeitsbelastung und seiner Krankheiten als verdrossen und schwierig.

War Calvin ein Workaholic?

Ja, zweifellos. Er hat nicht nur zahlreiche Schriften veröffentlicht und einen umfangreichen Briefwechsel geführt. In seinen letzten 15 Lebensjahren hat er auch etwa 2300 Predigten gehalten; also etwa drei Predigten pro Woche. Regelmässig hat er spätabends noch gearbeitet und manchmal nur vier Stunden geschlafen. 1553 beklagt sich Calvin einmal, dass er schon seit einem Monat nicht mehr zum Stadttor hinausgekommen sei.

Hat Calvin auch Witze gemacht?

Offenbar war Calvin geselligen Runden nicht abgeneigt. So berichtet Calvins einstiger Hausgenosse und späterer Gegner, Sebastian Castellio, einmal empört, in Calvins Haus werde zu viel gescherzt. Ausserdem wird von zahlreichen Gelegenheiten berichtet, bei denen Calvin seine Gegner mit spöttischer Ironie überzog.

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