Haiti - sechs Monate danach: Wiederaufbau ist das falsche Wort
Aktualisiert

Haiti - sechs Monate danachWiederaufbau ist das falsche Wort

Am 12. Januar um 16.53 Uhr bebte die Erde auf Haiti. Sechs Monate später hat sich die Lage der Menschen zwar stabilisiert, die Not ist aber geblieben.

von
Daniela Karst
SDA

Von über 1,6 Millionen Obdachlosen hausen die meisten noch immer in Zelten. «Erschütternd ist, dass es in Port-au-Prince praktisch nur Zeltstädte gibt, sonst sieht man nur Trümmer», sagte Caritas- Direktor Hugo Fasel am Telefon aus Port-au-Prince der Nachrichtenagentur SDA. «Die Menschen haben sonst nichts. Ich kann nur hoffen, dass nicht auch noch ein Hurrikan die Zelte wegfegt.»

Weitere 600 000 Menschen sind gemäss Hilfsorganisationen aus der Hauptstadtregion geflohen. Dort wurden sie jedoch nicht ausreichend versorgt, wie Guerty Aimé, Landeskoordinatorin von Terre des Hommes (TdH) Schweiz, am Donnerstag sagte.

So hat TdH an 600 Bauern Samen und Hühner verteilt. «Ein Tropfen auf den heissen Stein», sagte Aimé. «Viele Menschen haben in ihrer Verzweiflung die Samen gegessen, die für die Aussaat reserviert waren.» Heute gibt es wieder lokale Lebensmittel zu kaufen, doch sie sind enorm teuer, wie wiederum Handicap International erklärte.

Millionen Menschen bleiben auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Allein das UNO-Welternährungsprogramm WFP ernährt mit Hilfe eines Programms «Nahrung und Geld für Arbeit» die Familien von 35 000 Menschen. Ziel ist, 140 000 Menschen so zu unterstützen. Zudem werden hunderttausende Kinder, Schwangere und stillende Mütter mit Mahlzeiten versorgt.

Kein Wiederaufbau

Dagegen ist von einem Wiederaufbau nichts zu sehen. «In der Schweiz wären bereits überall Kräne und Baumaschinen an der Arbeit», sagte Caritas-Direktor Fasel. Auf Haiti versuchten die Menschen mit blossen Händen ihre Häuser aufzubauen. Glück habe, wer etwas Zement und eine Schaufel besitze.

Das Problem, vor dem die Helfer stehen, ist die Armut. «Wie soll man einen Wiederaufbau betreiben, wenn vorher nichts da war», fragte Fasel. Im Zusammenhang mit Haiti von Wiederaufbau zu sprechen sei falsch. Nötig sei Entwicklung - jahrelang. Und der Vizechef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), Toni Frisch, geht davon aus, dass der Aufbau des Landes 20 Jahre dauern dürfte.

Falsche Versprechen?

Caritas-Direktor Fasel ist pessimistisch: «Ich befürchte, dass das an den Geberkonferenzen gesprochene Geld Haiti nicht erreichen wird.» Die Gefahr sei gross, dass das Land vergessen werde.

«Es gibt eine erschütternde Kluft zwischen dem Enthusiasmus und den Hilfsversprechen der ersten Wochen und der düsteren Realität ein halbes Jahr später», stellte auch der Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen (MSF), Stefano Zannini, fest. «Die Frustration wächst.»

Anfang April wurden an einer UNO-Geberkonferenz in New York 9,8 Milliarden Dollar für Haiti versprochen. Wie viele Staaten ihre Versprechen halten werden, bleibt abzuwarten.

Haiti galt bereits vor dem Beben als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre und lag auf dem Index des UNO-Entwicklungsprogramms UNDP für menschliche Entwicklung nur auf Rang 149. Inzwischen ist es gemäss DEZA-Angaben auf Rang 153 abgerutscht.

Gemäss CIA-Factbook gelten auf Haiti über die Hälfte der insgesamt 80 Prozent Armen als extrem arm. «Heute leben die Menschen in Armut minus; sie haben nichts», beschrieb Caritas-Direktor Fasel deren Lage.

UNO und Kirche ersetzen den Staat

Ohne die UNO würden sie kaum überleben, denn mit dem Beben brach auch der bereits geschwächte Staat zusammen. «Die UNO spielt bei der Stabilisierung und beim Wiederaufbau eine Schlüsselrolle», sagte Fasel dazu.

Eine wichtige Rolle spiele auch die katholische Kirche, die lokal gut verankert sei. Deshalb setze Caritas beim Wiederaufbau auch auf eine Zusammenarbeit mit dieser. Das katholische Hilfswerk will 1700 Häuser und 5 Schulen bauen.

Die Schwächsten sind vom Beben auf Haiti am härtesten getroffen

Die Schwächsten - Kinder, alte Menschen und Behinderte - haben an den Folgen des verheerenden Bebens auf Haiti am stärksten zu leiden. So trifft die Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes (TdH) Schweiz auch ein halbes Jahr danach noch auf sich allein gestellte Kinder an.

Derzeit seien es rund zwanzig Kinder, sagte Guerty Aimé, TdH- Landeskoordinatorin, am Donnerstag der Nachrichtenagentur SDA am Telefon. Kurz nach dem Beben seien es Hunderte gewesen. Die meisten hätten inzwischen zu ihren Familien zurückkehren können.

Viele der verlassenen Kinder hätten vor dem 12. Januar bei wohlhabenderen Städtern als Diener gearbeitet. Sie seien nach dem Beben einfach zurückgelassen worden.

Durch das Beben wurden auch die meisten Schulen zerstört. Das Resultat: Erst 40 Prozent der Schulkinder erhalten wieder Unterricht - viele unter erschwerten Umständen in Provisorien.

Übergriffe und Entführungen

In der ersten Zeit nach dem Beben nahm die Gewalt gegen Kinder stark zu, wie Aimé sagte. So wurden Kinder entführt, weil sie an Adoptiveltern verkauft werden sollten. Ihre genaue Zahl liege im Dunkeln; die Entführungen hätten aber abgenommen, sagte Aimé.

Auch nahmen die sexuellen Übergriffe auf Kinder sprunghaft zu. Ein Grund sei, dass die Menschen in den Zeltlagern eingepfercht seien, sagte Aimé. Zudem konnten aus zerstörten Gefängnissen Tausende Männer fliehen, die wegen Sexualdelikten verurteilt worden waren.

Inzwischen sei die Zahl der Übergriffe dank Sensibilisierungskampagnen auf das Mass wie vor dem Beben zurückgegangen, sagte die TdH-Landeschefin.

Behinderte werden ausgestossen

Ein schweres Los haben auch Behinderte auf Haiti, die im Karibikstaat als «kokobés» (Taugenichtse) beschimpft werden. Sie gelten als verflucht und werden aus der Gesellschaft ausgestossen.

Seit dem Beben ist deren Zahl um bis zu 4000 Menschen angestiegen, weil ihnen Körperteile amputiert wurden, wie die Hilfsorganisation Handicap International erklärte. (sda)

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