Aktualisiert

Wiedergeburt der Schweizer «Riesen»-Tradition

Die Schweizer «Riesen»-Tradition lebt wieder auf. Im Riesenslalom von Are als vierter WM-Disziplin verhinderte nur Aksel Lund Svindal den totalen Triumph. Daniel Albrecht errang Silber, Didier Cuche, endlich, Bronze - die Medaillen 4 und 5.

Nach dem ersten Lauf hatte es noch verrückter ausgesehen. Daniel Albrecht, mit der hohen Nummer 23 gestartet, führte vor François Bourque und - Marc Berthod (Startnummer 19). In vierter Position lauerte Svindal. Die vier lagen nur 23 Hundertstel auseinander. Und auch Didier Cuche und Didier Défago befanden sich als Siebenter und Achter mit Rückständen von 0,54 und 0,64 Sekunden noch in aussichtsreicher Position.

Die Bäume wuchsen (fast) in den Himmel

Dass die Bäume dann doch nicht ganz in den Himmel wuchsen, dafür sorgte Svindal, der im zweiten Durchgang einen Traumlauf hinlegte und nach der Abfahrt seine zweite Goldmedaille gewann. Auch ohne Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus, die zusammen 36 WM- und Olympiamedaillen gewannen, geht die norwegische Titelhatz an Grossanlässen weiter.

Défago und insbesondere Berthod konnten ihre gute Ausgangslage nicht ausnützen. Der Romand fiel vom 8. auf den 13. Platz zurück, der St. Moritzer vom 3. auf den 11. «Ich habe nach einem Fehler den Schwung verloren, wollte das wieder wettmachen und war fast bei jedem Tor zu früh.»

Dafür steigerte sich Cuche vom 7. auf den 3. Platz. Endlich durfte sich der 32-Jährige seine erste WM-Medaille umhängen lassen. «Und das», so Cuche, «in der Disziplin, in der ich am wenigsten damit rechnete. Darum ist diese Medaille umso schöner.»

Adrenalin-Schub durch Leaderposition

Mit Albrecht und Berthod (im ersten Lauf) sorgten erneut die beiden aufstrebenden Ski-Zwillinge für Furore, die, wenn man die Selektionskriterien so stur interpretiert wie bei Swiss Olympic, gar nicht hätten starten dürfen. Albrecht stieg mit einem 16. Rang als saisonalem Bestresultat (sonst noch 17., 22., und 26.) in den WM-Riesenslalom, Berthod mit einem 24. (und drei Ausfällen).

Beide hatten in Are nichts (mehr) zu verlieren und konnten bedingungslos angreifen. Zum ersten Mal in seiner Karriere befand sich Albrecht, der mit einem 10. bis 15. Rang rechnete, in der Leaderposition. Statt nervös zu werden, schöpfte er aus dieser Rolle zusätzliche Energie: «Ich bin gerne nach dem ersten Lauf Erster. So bekomme ich das Gefühl, dass es um etwas geht. Das gibt einen zusätzlichen Adrenalin-Schub. Deshalb fahre ich ja auch an einer WM meist besser als bei sonstigen Rennen.» Wie an den Junioren-WM 2003, als er dreimal Gold und einmal Silber holte.

Schon früher WM-Duelle mit Svindal

Mit Aksel Lund Svindal hat sich Daniel Albrecht auf Junioren- Stufe schon einige WM-Duelle geliefert, die meist knapp zu Gunsten des Norwegers ausgingen. An den Junioren-WM 2002 in Tarvisio räumte dieser, wie Albrecht 2003, vier Medaillen ab (1-1-2).

Obwohl nur fünf Monate älter, hat Svindal im Weltcup ungleich mehr Erfahrung als der Walliser, der bei der Siegerehrung die Kantonalflagge schwenkte. Er bestritt schon 150 Rennen, stand schon zehnmal auf dem Podest (viermal als Sieger in vier verschiedenen Disziplinen, ausser Slalom). Albrecht hat auf dieser Stufe erst 68 Rennen absolviert. «Aber ich habe die Karriere von Svindal immer aufmerksam verfolgt, weil er ebenfalls ein Allrounder ist. Mich interessierte, ob es funktioniert, in allen fünf Disziplinen zu starten.»

Neuer Ski, neuer Schuh...

An der Basis zum zweiten Exploit von Albrecht stand erneut eine Materialänderung. Erstmals verwendete er einen neuen Schuh, nachdem er bisher im Riesenslalom mit der Abstimmung nicht restlos zufrieden gewesen war. So ging er am Montag, im Gegensatz zu seinen Kollegen, die ein «Eistraining» absolvierten, auf dem oberen Teil der Abfahrtspiste frei skifahren und testete die neue Kombination: «Ich hatte sofort ein gutes Gefühl und dann auch die nötige Geduld, mit der Schwungauslösung zu warten.»

Mit solchen Wechseln kurz vor einem wichtigen Wettkampf hatte Albrecht bisher Glück: In Sestriere stieg er auf einen neuen Abfahrtsski um und verpasste in der Kombination Olympia-Bronze nur um sechs Hundertsel, in der Super-Kombination in Are wechselte er auf einen neuen Slalom-Ski und holte Gold, jetzt wurde er mit einem neuen Schuh WM-Zweiter - und ist nun auch ein heisser Kandidat im Slalom, um? «... unter die ersten zehn zu kommen», dämpft Albrecht die aufkommende Euphorie geschickt.

Eine Jahrhundert-Schlappe bezogen die Österreicher, deren bester Mann, Hermann Maier, sich mit dem 21. Rang begnügen musste. Das bisher schlechteste «Riesen»-Resultat an einem Grossanlass lieferten die Österreicher an den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck ab, als Hansi Hinterseer als Bester 14. wurde. Auch damals holten die Schweizer zwei Medaillen (Gold und Silber durch Heini Hemmi und Ernst Good).

(si)

Fünf Fragen an Aksel Lund Svindal Aksel Lund Svindal, die Skandinavier feiern in Are Erfolge wie noch selten. Drei Titel gab es bisher für Anja Pärson, zwei für Sie.

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Svindal: «Die Bedingungen hier sind aufgrund der Kälte anders als in Mitteleuropa. Man kann das am ehesten mit Nordamerika vergleichen, wo ich letzte Saison mein erstes Weltcuprennen gewonnen habe. Dass die WM in Skandinavien stattfindet, ist ein Vorteil für mich. Auf diesem Schnee fahre ich am liebsten.»

Das grosse Saisonziel dürften Sie schon erreicht haben. Nun folgt vielleicht als Dreingabe noch der Gesamt-Weltcup?

Svindal: «Der Gesamt-Weltcup ist mehr als eine Dreingabe. Wenn ich die grosse Kugel gewinnen würde, wäre dies das absolut Grösste für mich. Den Overall-Titel gewinnt der Beste des Jahres. An Weltmeisterschaften gewinnen die Besten von zwei Wochen.»

An den Olympischen Spielen letzten Winter in Turin lief es Ihnen weniger gut.

Svindal: «Damals begann ich die Saison gut, aber dann brach ich mir bei einem Crash in Val Gardena zwei Rippen. Die Voraussetzung waren deshalb bei Olympia nicht die besten. Jetzt aber bin ich gesund.»

Was sagen Sie zum Debakel der Österreicher?

Svindal: «Für den Skirennsport ist es gut, wenn sie nicht mehr so dominant sind wie auch schon. Aber von einer Krise kann man nicht sprechen. Sie sind immer noch die Stärksten, wenngleich auffallend war, dass sie heute mit keinem einzigen jungen Fahrer am Start waren.»

Sie sind der Nachfolger der inzwischen zurückgetretenen Ski- Legenden Aamodt und Kjus, mit denen Sie ständig verglichen werden. Wie stark konnten Sie von den beiden noch profitieren?

Svindal: «Ich musste schon letzten Winter fast immer ohne sie auskommen. Kjus war ständig krank und Aamodt verletzt. Natürlich wäre es schön, sie würden noch in unserem kleinen Team fahren. Aber wenn man sich im Starttor befindet, ist sowieso jeder alleine.»

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