Unter der Hand: Wieso der Schwarzmarkt gute Seiten hat
Aktualisiert

Unter der HandWieso der Schwarzmarkt gute Seiten hat

Auf den Schattenmärkten dieser Welt werden jährlich über 10 000 Milliarden Franken umgesetzt. Den Steuerbehörden entgehen enorme Summen. Die Schweiz ist jedoch ein Musterknabe.

von
Alex Hämmerli
Die Schattenmärkte der Welt (Anteil der Schwarzmärkte am BIP in Prozent). Quelle: «New Estimates for the Shadow Economies all over the World»

Die Schattenmärkte der Welt (Anteil der Schwarzmärkte am BIP in Prozent). Quelle: «New Estimates for the Shadow Economies all over the World»

Haben Sie schon einmal einen Handwerker unter der Hand bezahlt? Gibt Ihre Putzfrau ihren Lohn in der Steuerabrechnung an? Oder haben Sie je eine gefälschte Handtasche gekauft? Wenn ja, dann haben auch Sie dazu beigetragen, dass heute jährlich über 10 Billiarden Franken in sogenannt informellen, Schwarz- oder Schatten-Märkten umgesetzt werden. Wäre der Schwarzmarkt ein Land, dann wäre es nach den USA die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Zu diesem Ergebnis kommt der Ökonom Friedrich Schneider von der Johannes Kepler Uni in Linz in seiner Arbeit «New Estimates for the Shadow Economies all over the World».

Charakteristisch für Schattenmärkte ist, dass auf die produzierten Güter und erbrachten Dienstleistungen keine Steuern bezahlt werden – weder aufs Einkommen noch auf den Mehrwert. Das bedeutet, dass den Steuerämtern jährlich hunderte Milliarden Franken flöten gehen. Gerade zu Zeiten der Schuldenkrise ist das den Regierungen ein Dorn im Auge – schliesslich könnte man mit dem Geld die klaffenden Löcher in den Staatskassen stopfen.

Griechen sind die Schwarzhändler Europas

Besonders ausgeprägt florieren die Schwarzmärkte in Südamerika und in der afrikanischen Sub-Sahara-Region. Dort machen Strassenhändler, Schwarzarbeiter & Co. laut Schneider und seinen Forschungskollegen über 40 Prozent der Wirtschaft aus. Die beiden Hauptgründe für die ausufernde Schattenwirtschaft seien die hohen Steuern und die starke Regulierung – insbesondere im Arbeitsmarkt. In Europa am stärksten betroffen sind Griechenland (28,8% gemessen am BIP), Italien (26,9%) und Spanien (21,9%). Am schlimmsten ist die Situation aber in Georgien: Am Ostufer des Schwarzen Meers bleiben fast drei Viertel der Umsätze unversteuert! (vgl. Box)

Die Schweiz dagegen ist ein Musterknabe. «Nur» 8,2 Prozent der Wirtschaft läuft verdeckt ab. Damit liegen wir an der Spitze der Welt, gefolgt von den USA Österreich, Luxemburg und Japan. Der Grund fürs gute Abschneiden der Schweiz liegt laut Schneider darin, dass hierzulande der öffentliche Sektor relativ klein sei – und damit auch die Steuerlast gering. Ausserdem sei die Steuermoral hier besonders hoch. «Die Schattenwirtschaft kann als Indikator für ernsthafte Defizite in der Legitimierung der sozialen Ordnung und der Regeln der offiziellen ökonomischen Aktivitäten angesehen werden», schreibt Schneider in schönster Wissenschafts-Sparche.

Die Milliarden-Franken-Frage

Dass die Regierungen dieser Welt keine Freude daran haben, wenn das Geld am Staat vorbei fliesst, ist klar. Doch sind Schattenmärkte auch schädlich für die Wirtschaft? In dieser Frage scheiden sich die Geister der Ökonomen. Die einen argumentieren, dass wegen den fehlenden Steuereinnahmen wichtige Güter und Dienstleistungen fehlen. Und dass deswegen die Wirtschaft lahmt. Beispiele dafür sind ein funktionierendes Strassennetz oder ein öffentliches Schulwesen.

Andere kommen zu einem gegenteiligen Schluss: So genannt neoklassische Wirtschaftswissenschaftler sind der Ansicht, dass Schattenmärkte (je nach Umfeld) «optimal» funktionieren. Diese Meinung Vertritt beispielsweise der Amerikaner Robert Neuwirth, der soeben das Fachbuch «Stealth of Nations: The Global Rise of the Informal Economy» veröffentlicht hat. Besonders in städtischen Gegenden und in kleinen Handwerksbetrieben seien die im Schwarzmarkt tätigen Unternehmen enorm wichtige Innovationstreiber. Mit anderen Worten: Die Bedürfnisse der Konsumenten sind einfacher zu befriedigen, wenn einem der Staat nicht im Nacken sitzt. Neuwirth nennt beispielsweise die Wasserversorgung in Nigeria: Weil die Wasserversorgung mangelhaft ist, füllen Unternehmer Wasser in Plastikbeutel ab und verkaufen diese schwarz auf der Strasse.

Wachstum selbst in der Rezession

Im Interview mit der US-Ausgabe des Magazins «Wired» behauptet Neuwirth, dass heute die Hälfte der Weltbevölkerung in Schwarz- oder Graumärkten tätig seien. Das mag übertrieben sein. Dass diese Märkte aber weiter wachsen, davon sind sowohl Schneider als auch Neuwirth überzeugt. Selbst während der internationalen Rezession seien die Schattenmärkte gewachsen – und sie haben für mehr Jobs gesorgt und die Leben von hunderten von Millionen Menschen verbessert, so Neuwirth. Er prophezeit: «Der Anteil der Arbeitnehmer, die in Schattenmärkten arbeiten, wird bis 2020 auf zwei Drittel wachsen.»

Die Top Ten: Schwarzmarkt-Anteil gemessen am offiziellen Bruttoinlandprodukt

Die Top Ten: Schwarzmarkt-Anteil gemessen am offiziellen Bruttoinlandprodukt

1. Georgien 72,5%

2. Bolivien 70,7%

3. Aserbaidschan 69,6%

4. Peru 66,3%

5. Tansania 63%

6. Ukraine 58,1%

7. Thailand 57,2%

8. Simbabwe 56,1%

9. Uruguay 56%

10. Guatemala 55%

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