Wählerbefragung: Wieso die SVP-Initiative die Jungen kalt liess
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WählerbefragungWieso die SVP-Initiative die Jungen kalt liess

Nur ein Sechstel der Jungen ging zur Urne. Auch, weil die Debatte vor allem in den traditionellen Medien stattfand – und nicht auf Joiz oder Facebook.

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Camilla Alabor/Simon Hehli

Ein grosser Aufschrei ging durch das Land, als die EU die Teilnahme der Schweiz am Erasmus-Programm sistierte. Nun zeigt sich aber: Die Jungen hätten es in der Hand gehabt, das Resultat zu kippen – indem sie bei der Masseneinwanderungsinitiative abstimmen gegangen wären. Laut der neuen Vox-Analyse konnten sich bei den 18- bis 29-Jährigen gerade einmal 17 Prozent dazu aufraffen, ihre Stimme abzugeben. Ganz anders sieht es bei der älteren Generation aus: Von den 60- bis 69-Jährigen haben vier Fünftel abgestimmt.

Diejenigen Jungen, die doch abstimmten, legten mehrheitlich ein Nein ein, während der grösste Teil der Älteren die Initiative annahm. Da das Resultat mit 50,3 Prozent Ja-Stimmen äusserst knapp ausfiel, hat die Wahl-Faulheit der Jungen letztlich mit dazu geführt, dass die Vorlage angenommen wurde.

Zu wenig Social Media

«Wären die Konsequenzen im Voraus bekannt gewesen, so hätte wahrscheinlich ein grösserer Teil der Jungen abgestimmt», sagt der Genfer Politologe und Studienautor Pascal Sciarini. Zwar sei deren Beteiligung bei den meisten Abstimmungen tiefer als diejenige der älteren Generation (siehe Box). «Doch wenn die Befürworter ihre Kampagne mehr auf die Jugendlichen fokussiert hätten, wäre das Ergebnis möglicherweise anders herausgekommen.» Seiner Meinung nach hat es Economiesuisse verpasst, auf neue Kanäle wie Social Media zu setzen, um damit die Jugendlichen zu erreichen.

Dieser Meinung ist auch der neue Juso-Chef Fabian Molina. Die grosse Debatte im Vorfeld zur SVP-Initiative habe sich in den traditionellen Medien abgespielt und nicht in jenen, die die Jungen vor allem konsumierten – etwa auf dem TV-Jugendsender Joiz oder auf Facebook. Er ärgert sich, dass es vor allem den bürgerlichen Jungparteien nicht gelungen sei, mehr unter 30-Jährige zur Urne zu bringen. «Sonst hätten wir das Resultat noch kehren können.»

Nicht alle hätten Nein gestimmt

Abstimmungsexperte Thomas Milic warnt allerdings vor dem Schluss, dass eine höhere Stimmbeteiligung der Jungen automatisch zu einer Ablehnung der SVP-Initiative geführt hätte. «Wir wissen ja nicht, wie sich die schweigende Mehrheit positioniert hätte.» Die Vox-Analyse zeigte, dass gerade jene, die sonst nie abstimmen, überdurchschnittlich oft ein Ja eingelegt haben – und zwar über alle Altersgruppen hinweg.

Fabian Molina glaubt nicht, dass die Generation der heute 18- bis 29-Jährigen generell apolitisch ist. «Bei der Juso haben wir die Mitgliederzahl in den letzten Jahren verdoppelt.» Das grundsätzliche Interesse an der Politik sei also da – «nur fehlt offenbar bei vielen Jungen noch das Verständnis dafür, wie wichtig einzelne Vorlagen auch für ihr eigenes Leben sind».

E-Voting als Lösung

Wie man die Jungen in Zukunft an die Urne bringt, dafür hat auch Maurus Zeier von den Jungfreisinnigen kein Patentrezept – «gerade vor dem Hintergrund, dass die Jungparteien in den letzten Jahren viel aktiver sind als früher». Wie er bei Podien an Schulen feststelle, hätten die Jugendlichen sehr wohl eine politische Meinung. «Die Schwierigkeit liegt darin, sie an die Urne zu bringen.»

Zeier setzt sich deshalb dafür ein, das E-Voting landesweit einzuführen: «Der Klick am Computer liegt vielen näher als das Abstimmungscouvert.» Er glaubt auch, dass die Einwanderungsinitiative für die Jungen weniger fassbar gewesen sei als beispielsweise die 1:12-Abstimmung oder die Mindestlohn-Initiative. «Die Fragen, ob man Kontingente einführen soll und was die Bilateralen für die Schweiz bedeuten, sind eher abstrakt.»

Stimmbteiligung der Jungen sinkt

Über die letzten 14 Jahre hinweg lag die Beteiligung der jungen Erwachsenen (18 bis 29 Jahre) im Durchschnitt bei 22 Prozent. Das zeigt eine Auswertung des Meinungsforschungsinstituts gfs. Am tiefsten lag die Stimmbeteiligung der Jungen im September 2012, als über das Passivrauchen und die Jugendmusikförderung abgestimmt wurde: Nur gerade neun Prozent der unter 30-Jährigen beteiligten sich. Am höchsten war sie mit 45 Prozent im September 2004, als es um die erleichterte Einbürgerung junger Ausländer ging. Tendenziell hat die Stimmbeteiligung der Jungen in den letzten fünf Jahren abgenommen: Während sie von 2000 bis 2009 durchschnittlich bei 26,2 Prozent lag, ist sie seither auf 15,2 Prozent abgesunken. (ala)

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