Publiziert

Vier GründeWieso die USA den IS nicht besiegen können

Trotz der zur Schau gestellten Zuversicht Barack Obamas sprechen mindestens vier wichtige Gründe dafür, dass der Feldzug gegen den IS so nicht zu gewinnen ist.

von
Martin Suter
New York

Am Sonntagabend berichtete US-Präsident Barack Obama in einem Interview mit der Fernsehsendung «60 Minutes» über den Stand des Kampfs gegen den Islamischen Staat (IS, von ihm ISIL abgekürzt). Er lobte die breite Koalition von inzwischen 60 Staaten und gab sich optimistisch, was die Abwehr des IS im Irak betrifft. Mindestens vier Gründe legen indessen nahe, dass der Krieg auf die geplante Weise nicht zu gewinnen ist:

1. Iraks Armee lahmt, Bodentruppen in Syrien fehlen

Auf die Frage, was zu tun sei, falls sich die irakische Armee nicht kampfwillig zeige, antwortete Obama: «Im Moment rechne ich nicht mit einem Scheitern.» Viele Beobachter glauben jedoch, dass die von der früheren Regierung in Bagdad entkernte Armee nicht so schnell wieder schlagkräftig wird. Die «New York Times» berichtete am Montag, einige desertierte Soldaten seien zu den Truppen zurückgelockt worden. Viele von ihnen hätten die Uniform aber bloss aus Geldnot wieder angezogen.

Ohne neue Kommandanten «wird sich das gleiche Versagen wiederholen», sagt ein Hauptmann der «Times». Und in Syrien ist erst recht nicht abzusehen, wann - und ob je - ausreichend viele Bodentruppen ausgebildet werden können, die es mit dem IS aufnehmen wollen.

2. US-Bodentruppen bleiben ein «No-Go»

Nicht nur Obama wehrt sich dagegen, amerikanische Soldaten im grossen Stil als Kämpfer gegen den IS loszuschicken. Nach einer Umfrage der Zeitung «USA Today» vom Sonntag ist eine erdrückende Mehrheit von 70 Prozent von Amerikas aktiven Soldaten gegen den Einsatz von US-Bodentruppen.

Die Wut der Armeeangehörigen über die Enthauptungen von Amerikanern ist offenbar nicht stärker als ihre Kriegsmüdigkeit. Bis sich die Stimmung im Land ändert, kann es sehr lange dauern.

3. Obama ist nicht voll dabei

Signale des Widerwillens beim Präsidenten nähren die Skepsis bei den Truppen und in der Öffentlichkeit. Im Interview schob Obama die Schuld am gegenwärtigen Debakel dem früheren irakischen Premier Nuri al-Maliki und den US-Geheimdiensten zu. Die Spione hätten die Kampfkraft der Streitkräfte des Iraks über- und die Fähigkeiten des IS unterschätzt. Die «New York Times» schreibt trocken: «Mr. Obama erwähnte keine Fehleinschätzung, die er selbst gemacht haben könnte.»

Anderen die Schuld zu geben, könne als Zeichen dafür gelten, dass Obama «der Verantwortung müde» sei, schreibt die «Los Angeles Times». Das zaghafte Vorgehen des US-Präsidenten erschwere den Sieg und ermutige den IS.

4. Die Bedrohung wird unterschätzt

Kriegstheoretiker wissen: Wer den Feind nicht versteht, kann nicht gewinnen. Manche, vorab konservative Beobachter, glauben, dass die Obama-Regierung die dschihadistische Bedrohung nicht vollumfänglich wahrhaben will.

Ein Indiz dafür sei die Bezeichnung Chorasan-Gruppe, glaubt der Islamkritiker Andrew McCarthy im «National Journal». McCarthy argumentiert, eine solche Gruppe gebe es gar nicht; es handle sich schlicht um erfahrene Al-Kaida-Führer in Syrien. Aber das habe Obama nicht zugeben können, weil er die Illusion aufrechterhalten wolle, der Tod von Osama Bin Laden habe die «Kern-Al-Kaida» ausgehebelt: McCarthy sagt, Chorasan sei «ein fiktiver Name, den die Obama-Regierung erfand, um uns zu täuschen».

Viele Kritiker glauben, dass der Kampf gegen die dschihadistische Bedrohung auch auf der Ebene der Ideen geführt werden muss, wenn er Erfolg haben soll. Eine solche globale Anstrengung ist vorläufig nicht in Sicht.

Das Obama-Interview von «60 Minutes»:

(Quelle: CBSNews)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.