Impfstoff-Verteilkampf: Wieso hat das BAG noch keinen Impf-Deal mit Johnson & Johnson?
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Impfstoff-VerteilkampfWieso hat das BAG noch keinen Impf-Deal mit Johnson & Johnson?

Im Gegensatz zur EU oder den USA hat die Schweiz noch keinen Liefervertrag für den Impfstoff von Johnson & Johnson. Ein Experte fordert nun Tempo.

von
Leo Hurni
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Stammt der nächste Impfstoff, der zugelassen wird, von Johnson & Johnson?

Stammt der nächste Impfstoff, der zugelassen wird, von Johnson & Johnson?

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Das Produkt wurde teilweise in der Schweiz entwickelt.

Das Produkt wurde teilweise in der Schweiz entwickelt.

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Die Schweiz hat einen Lieferengpass bei der Corona-Impfung. 

Die Schweiz hat einen Lieferengpass bei der Corona-Impfung.

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Darum gehts

  • Die Schweiz hat nach wie vor zu wenig Corona-Impfstoff.

  • Sie verhandelt aber momentan mit dem US-Konzern Johnson & Johnson.

  • Der Ex-Vizedirektor des BAG findet dazu, die Schweiz müsse jetzt schnell eine Vereinbarung treffen.

Nachdem sich die Lieferung des Impfstoffes von BioNTech/Pfizer verspätet hat, könnte es auch beim Moderna-Vakzin zu Verspätungen kommen. Die Lieferengpässe beeinträchtigen die Impfkampagnen der Kantone. So mussten in mehreren Kantonen die Zweitimpfungen verschoben werden.

Wie gerufen käme darum die Zulassung des Corona-Impfstoffes des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson, den das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic derzeit prüft. Anders als die EU, die USA, Kanada und weitere Länder hat die Schweiz allerdings noch keinen Liefervertrag mit dem Hersteller abgeschlossen – obwohl sie laut der NZZ schon seit dem Herbst Gespräche führt. Experten sehen im neuen Vakzin einen «Game-Changer», da schon eine Dosis einen wirksamen Schutz bieten soll (siehe Box).

Experte fordert Tempo

Angesichts des weltweiten Verteilkampfes fordern Experten das Bundesamt für Gesundheit (BAG) nun auf, bei den Verhandlungen aufs Tempo zu drücken. Man müsse jetzt sofort auf weitere Impfstoffhersteller zugehen und sich schnell Optionen für mehr Impfstoff sichern, sagt etwa Andreas Faller, Gesundheitsexperte und Ex-Vizedirektor des BAG.

«Der Bund hat bei der Beschaffung von Impfstoff gezögert und am falschen Ort zu sparen versucht. Jetzt muss mutig und entschlossen gehandelt werden, sonst sind die letzten Optionen weg. Mit Johnson & Johnson, die einen Standort in der Schweiz haben, hat der Bund jetzt nochmals eine konkrete Chance», sagt Faller. Der Bund müsse überlegen, was er machen könne, um den Hersteller so gut wie möglich zu unterstützen, um schnell Impfdosen zu bekommen. «Eine Möglichkeit wäre, die Produktion von Impfstoff für den eigenen Bedarf zu unterstützen, um schnelleren Zugang zu bekommen, so wie es auch die EU macht.»

Laut Faller darf das auch etwas kosten, weil es um den einzigen Weg aus dieser Pandemie gehe und jeder Tag Lockdown die Schweiz rund 150 Millionen Franken koste. Mit der Forderung ist Faller nicht alleine. Auch Hans-Jörg Bertschi von der Unternehmerorganisation Autonomiesuisse forderte auf Twitter, die Schweiz solle beim US-Multi eine grosse Bestellung aufgeben:

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) äussert sich derzeit nicht zum Stand der Verhandlungen mit Johnson & Johnson. Thomas Moser, Mediensprecher von Johnson & Johnson Schweiz, sagt: «Wir verhandeln derzeit mit verschiedensten Regierungen, darunter auch die Schweiz.» Es sei erfreulich, dass man mit der Tochterfirma Janssen Vaccines einen Standort in der Schweiz habe, der eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Corona-Impfstoffes spielte. Ob der Schweizer Standort einen Einfluss auf die Verhandlungen habe, kann Moser allerdings nicht kommentieren.

EU bestellte 200 Millionen Dosen

Die EU hat bereits früh einen Liefervertrag mit dem Impfstoffhersteller Johnson & Johnson über 200 Millionen Dosen mit einer Option auf 200 Millionen weitere abgeschlossen. Der Impfstoff wäre wesentlich einfacher in der Handhabung als jener von BioNTech/Pfizer, der bei minus 70 Grad gekühlt werden muss – eine Aufbewahrung im Kühlschrank reicht und es muss auch nur eine Spritze verabreicht werden, nicht zwei. Der Impfstoff bietet eine Wirksamkeit von 66 Prozent. Der Impfstoff von BioNTech/Pfizer verspricht einen rund 95-prozentigen Schutz.

Das schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic prüft derzeit zwei Zulassungsgesuche für Covid-19 Impfstoffe. Neben dem Gesuch von Johnson & Johnson, das Anfang Dezember eingereicht wurde, wird auch der Impfstoff von AstraZeneca geprüft, der bereits Anfang Oktober eingereicht wurde. «Bei den bisherigen Zulassungen lagen zwischen der Gesuchseinreichung und der Erstzulassung rund zwei Monate», so Swissmedic Pressesprecher Lukas Jaggi. «Dies lässt allerdings keinerlei Rückschlüsse auf die Verfahrensdauer zu, da die Zulassungsdauer vor allem von Zeitpunkt und Qualität der eingereichten Daten der Firmen abhängt.» Von Swissmedic zugelassen wurden bereits die Corona-Impfstoffe von Pfizer/BioNTech (am 19. Dezember 2020) und von Moderna (am 12. Januar 2021).

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