Aktualisiert 30.08.2016 09:38

Transparenz

Wieso Schweizer offen über Löhne reden sollten

Über das Gehalt zu sprechen, ist in der Schweiz immer noch verpönt. Dabei gibt es gute Gründe für mehr Transparenz.

von
kwo

«Verraten Sie uns Ihren Lohn?» Mit dieser Frage hat 20 Minuten Passanten in Zürich konfrontiert.

Eines der letzten grossen Tabus im Arbeitsmarkt sind die Löhne. Viele Schweizer haben keine Ahnung, was ihre Kollegen verdienen – und das, obwohl sie seit Jahren im gleichen Betrieb arbeiten. Kritiker beklagen diesen Zustand und sagen, es wäre sinnvoll, wenn man in der Schweiz eine vollkommene Lohntransparenz einführen würde.

In jüngster Vergangenheit gab es auch kleine Schritte in diese Richtung: So geben die Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) in Stelleninseraten eine Lohn-Bandbreite für ausgeschriebene Stellen an. Noch weiter geht die Alternative Bank Schweiz (ABS). Hier wissen alle Angestellten über die Löhne ihrer Kollegen Bescheid.

20 Minuten hat einige Vorteile von Lohntransparenz zusammengetragen:

• Fehleinschätzung vermeiden

Laut Forschern der amerikanischen Elite-Universität Cornell hemmt eine Verschleierung der Löhne die Produktivität innerhalb von Unternehmen, da Angestellte oft die Löhne der Kollegen zu hoch bewerten und sich dann im Vergleich schlecht fühlen. «Das Gefühl, beim Lohn gegenüber Kollegen in ähnlichen Positionen ungerecht behandelt zu werden, ist einer der stärksten Demotivationsfaktoren. Von daher spricht vieles für Lohntransparenz», sagt auch Personalexperte Matthias Mölleney zu 20 Minuten.

• Aufstieg wird attraktiver

Wer im Betrieb weit unten steht und sieht, was er bei einem Aufstieg verdienen könnte, gibt sich mehr Mühe, auf der Karriereleiter aufzusteigen. Somit sehen Tieflohn-Bezüger das Wachstumspotenzial, wovon letztlich auch die Firma profitiert, schreibt Finews.ch

• Löhne werden nachvollziehbar

Lohntransparenz führt laut Personalexperte Mölleney meist auch zu klaren und transparenten Regeln bezüglich der Einstufung von Mitarbeitern nach Funktionen. Es erfolgt also eine Anrechnung von Erfahrung, Dienstalter und ähnlichen Faktoren. Dadurch wird das Lohnsystem nachvollziehbar – und wer versteht, warum er wie viel verdient, ist eher zufrieden.

Barbara Felix, Leiterin Marketing & Kommunikation bei der ABS, ergänzt: «Dass wir ein funktionsbasiertes Lohnsystem haben, hilft, Diskussionen um die Höhe der Löhne zu versachlichen.» Und weiter: «Wir verzichten bewusst auf ein Bonussystem und haben ein fixes Lohnverhältnis von 1:5 zwischen dem tiefsten und dem höchsten Lohn im Unternehmen.»

• Weniger Diskriminierung

Transparenz kann auch ein wirksames Instrument sein, um den Grundsatz «Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit» durchzusetzen. Sie helfe dabei, eine Lohndiskriminierung zwischen den Geschlechtern zu vermeiden, erklärt Pepo Hofstetter, Mediensprecher der Gewerkschaft Unia.

«Passt nicht zum Schweizer Modell»

Trotz vieler Vorteile gibt es auch Kritiker der Lohntransparenz. «Hierzulande entscheiden die einzelnen Unternehmen traditionell individuell aufgrund der Betriebskultur, ob sie die Löhne offenlegen oder nicht», sagt Daniella Lützelschwab, Ressortleiterin Arbeitsmarkt beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Ein Zwang zur Transparenz von oben würde somit nicht zum Schweizer Modell passen.

Ausserdem setze sich der Lohn aus vielen Elementen zusammen. «Je nachdem, ob ein Mitarbeiter mehr oder weniger als seine Arbeitskollegen verdient, dürfte er eher motiviert oder demotiviert sein – ohne wirklich verstanden zu haben, weshalb er mehr oder weniger verdient», sagt Lützelschwab.

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