Aktualisiert 20.09.2016 08:39

Übernahme

Wieso wollen die Italiener Charles Vögele kaufen?

Es ist das Ende einer Traditionsmarke: Charles Vögele wird durch OVS ersetzt. Wieso kommt es zur Übernahme? Was ändert sich für die Kunden?

von
S. Spaeth u. K. Wolfensberger
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Die Marke Charles Vögele wird verschwinden. So plant es jedenfalls der Kaufinteressent OVS aus Italien. Das Markenimage sei wegen der schlechten Zahlen der letzten Jahre zu sehr ramponiert worden, hiess es an der Telefonkonferenz vom Montagmorgen.

Die Marke Charles Vögele wird verschwinden. So plant es jedenfalls der Kaufinteressent OVS aus Italien. Das Markenimage sei wegen der schlechten Zahlen der letzten Jahre zu sehr ramponiert worden, hiess es an der Telefonkonferenz vom Montagmorgen.

Keystone/Gaetan Bally
OVS ist der grösste italienische Modehändler. Total hat das Modehaus bis jetzt im Ausland rund 150 Filialen. Mit Charles-Vögele-Standorten käme eine dreistellige Zahl hinzu.

OVS ist der grösste italienische Modehändler. Total hat das Modehaus bis jetzt im Ausland rund 150 Filialen. Mit Charles-Vögele-Standorten käme eine dreistellige Zahl hinzu.

Eines der Gesichter von OVS ist das Supermodel Bianca Balti. Sie ist schon für Dolce und Gabbana gelaufen. Zudem hatte Balti einen Auftritt im «Playboy».

Eines der Gesichter von OVS ist das Supermodel Bianca Balti. Sie ist schon für Dolce und Gabbana gelaufen. Zudem hatte Balti einen Auftritt im «Playboy».

Warum verschwindet die Marke Charles Vögele?

Die Interessenten aus Italien planen das Schweizer Traditionsunternehmen für rund 56 Millionen Franken zu kaufen. Sie wollen sich aber von der Marke Charles Vögele trennen. Ab 2018 will man nur noch unter der Marke OVS (italienische Aussprache Oviesse) auftreten. Die Umstellung soll bereits 2017 beginnen. Im Rahmen der Telefonkonferenz vom Montagmorgen sagte der Charles-Vögele-VR-Präsident Max E. Katz, die Marke habe Schwierigkeiten gehabt, denn die Meldungen über Verluste hätten ihr einen schlechten Ruf eingebracht. Viele Kunden sind zuletzt laut Katz deshalb nicht mehr in die Läden gegangen.

Was ändert sich für die Schweizer Kunden?

Die Ersetzung der Marke Charles Vögele findet nach Angaben von OVS-Chef Stefano Beraldo schon ab Anfang 2017 schrittweise statt. Ab spätestens 2018 sollen dann alle Charles-Vögele-Stores komplett umgerüstet sein. Die Mode soll sich stärker an Familien – vor allem an Kindern – orientieren als bisher. Auch ein Ausbau der Accessoires und der Damenabteilung sei möglich.

Was geschieht mit Schweizer Filialen und Personal?

Die Schweizer Filialen bleiben grösstenteils erhalten. Lediglich 10 Prozent der Läden sollen geschlossen werden. Die verbleibenden Shops sollen attraktiver gestaltet werden, mit mehr Musik und einem modernen Look. Keine genaueren Angaben konnten Beraldo und Katz zu den Auswirkungen der Übernahme auf den Personalbestand machen. Klar sei einzig, dass der Personalbestand am Hauptsitz in Pfäffikon eine Reduktion erfahren werde. Über den Umfang etwas zu sagen, sei jedoch noch zu früh. Der Standort soll aber erhalten bleiben und weiter das Geschäft in der Schweiz, Österreich, Ungarn und Slowenien betreuen. Der Schweizer Vögele-Verwaltungsrat und das Management werden hingegen sicher zurücktreten.

Wer ist der italienische Käufer?

Der italienische Käufer heisst offiziell Sempione Retail AG. Er ist in Besitz von zwei Investmentfirmen, der Retails Investment S.R.L. und der Aspen Trust Services Limited sowie der Firma OVS S.p.A, die die Produkte der gleichnamigen Kleidermarke in ihren Geschäften verkauft. OVS wiederum gehört zur italienischen Coin-Gruppe, deren CEO Stefano Beraldo ist. OVS ist seit 2014 an der Mailänder Börse gelistet.

Warum sind die Italiener an Vögele interessiert?

Die Übernahme von Charles Vögele bietet OVS eine Gelegenheit, den Schweizer Markt zu erobern. Der italienische Textilhändler erhält somit ein Netzwerk von zusätzlich rund 160 Filialen. Zudem ist der Schweizer Modemarkt sehr attraktiv für ausländische Anbieter, da die Kaufkraft nirgends so hoch ist und die Konkurrenz geringer als beispielsweise in Italien. Charles Vögele besitzt ausserdem eine Reihe wertvoller Immobilien, die die Investoren gerne verkaufen möchten – auch um die bestehenden Schulden von Vögele zu tilgen. Teilweise sollen die Immobilien nach Verkauf zurückgemietet werden.

Wie ist OVS bereits in der Schweiz vertreten?

Derzeit betreibt OVS einen einzigen Schweizer OVS-Store in Lausanne. Diese sei sehr erfolgreich, was ihn zuversichtlich stimme, erklärte OVS-Chef Stefano Beraldo. Einen ersten Gang in die Schweiz hatte OVS vor gut 15 Jahren versucht. Damals versuchte Globus als Franchise-Nehmer die Marke in den ehemaligen ABM-Filialen einzuquartieren. Der Schritt misslang und C&A übernahm die Filialen.

Wie steht Vögele aktuell da?

Charles Vögele befindet sich seit Jahren in der Krise. Im Geschäftsjahr 2015 wurden wiederum tiefrote Zahlen geschrieben. Der Jahresverlust belief sich auf 62 Millionen Franken. Auch im ersten Semester 2016 fiel erneut ein happiger Verlust von 32 Millionen Franken an. Vor Monatsfrist wurde daher die Schliessung von Filialen angekündigt. Bereits im ersten Halbjahr hatte Charles Vögele am Firmenhauptsitz in Pfäffikon SZ 50 Vollzeitstellen gestrichen, davon die Hälfte durch Entlassungen. Trotz des ähnlichen Namens hat Vögele Shoes übrigens nichts mit Charles Vögele zu tun und ist somit auch nicht vom Deal betroffen. Die Gründer beider Firmen waren allerdings Brüder.

Wie reagiert die Vögele-Aktie auf den Deal?

An der Börse wurde die Ankündigung der Übernahme verhalten optimistisch aufgenommen. Die Titel legten rund 2 Prozent auf 6.36 Franken zu. Die Investorengruppe um den italienischen Modekonzern OVS offeriert einen Betrag von 6.38 Franken pro Aktie. Das entspreche dem Durchschnittskurs der letzten 60 Handelstage und einer Prämie von 2,1 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom letzten Freitag. Total zahlen die Käufer aus Italien für Charles Vögele gerade noch 56 Millionen Franken. Die Analysten der ZKB sprechen von einem letzten Rettungsanker für die Investoren. Sie hatten mit Charles Vögele in den letzten Jahren viel Geld verloren hatten. Vor fünf Jahren noch stand die Aktie bei gut 26 Franken. Die ZKB hatte zuletzt immer wieder Fragezeichen hinter die Turnaround-Pläne von Charles Vögele gesetzt. Kommt der Deal zustande, wird die Charles-Vögele-Aktie von der Börse verschwinden.

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