Aktualisiert 28.02.2012 14:20

Stratfor am Pranger

Wikileaks schlägt zurück

Ob europäische Kampfjets, indische Chemie-Opfer oder iranisches Atomprogramm: Julian Assange ist ein neuer Enthüllungscoup gelungen, mit noch unbekannten Risiken und Nebenwirkungen.

von
Daniel Schurter

Julian Assange hat es wieder getan. An einer Medienkonferenz in London gab er am Montag Details zu seinem neuesten Streich bekannt: Wikileaks ist im Besitz von angeblich höchst brisantem Material, das einige handfeste Skandale auslösen könnte (20 Minuten Online berichtete). Am Pranger steht die US-Sicherheitsfirma Stratfor. Zittern muss aber auch die internationale Klientel, zu der globale Konzerne und staatliche Stellen zählen.

Die Enthüllungsplattform will unter dem Projektnamen «The Global Intelligence Files» eine Flut von vertraulichen E-Mails ins Netz stellen. Für die nächsten Tage hat Assange eine «grosse Story» angekündigt. Die E-Mails würden das Informanten-Netz von Stratfor zeigen, «die Honorarstruktur, Geldwäsche-Praktiken und psychologische Methoden». Stratfor liefert gemäss eigenen Angaben geopolitische Analysen.

Laut Assange haben bekannte US-Konzerne Menschenrechts-Aktivisten und Tierschützer ausspionieren lassen. Die Enthüllungen könnten sich auch um internationale politische Konflikte drehen, etwa das iranische Atomprogramm und die vermuteten Anschläge durch den israelischen Geheimdienst. Aber auch der europäische Markt für Kampfjets wird in den internen Mails beleuchtet, was auch aus Schweizer Sicht interessant sein könnte.

«Die private CIA»

Stratfor wird von Kritikern als private CIA bezeichnet. Tatsächlich erinnert das Geschäftsgebaren an den berüchtigten US-Geheimdienst. Sensible – und damit besonders wertvolle – Informationen sollen wenn nötig mit fragwürdigen Methoden beschafft worden sein. Etwa indem man Informanten psychologisch unter Druck setzte oder mit Geld oder Sex köderte, wie aus einem internen Memo hervorgeht.

Stratfor unterhält und finanziert ein weltumspannendes Netz von Informanten. Um solche externen Quellen zu bezahlen, ist laut Wikileaks-Gründer Assange ein raffiniertes Entlöhnungs-System geschaffen worden. Das System funktionierte angeblich mit anonymen Online-Zahlungen, die über die Schweiz und die Bahamas liefen.

Von Anonymous erhalten

Wikileaks hat angekündigt, insgesamt fünf Millionen E-Mails zu veröffentlichen, die zwischen 2004 und 2011 verfasst wurden. Die erste Tranche wurde am 27. Februar frühmorgens gegen 1 Uhr ins Netz gestellt. Im Lauf der kommenden Tage und Wochen sollen weitere Veröffentlichungen erfolgen.

Die Beschaffung der vertraulichen E-Mails ist aus rechtsstaatlicher Sicht problematisch. Während es sich im Fall der US-Botschafts-Depeschen um Whistleblowing gehandelt hatte, steht nun ein mutmasslicher Hacker-Angriff im Zentrum. Unbekannte waren Ende letztes Jahr in die Stratford-Firmenserver eingedrungen und hatten rund 200 Gigabyte an Daten kopiert.

Laut mehrerer Bekennerschreiben waren tatsächlich Aktivisten aus dem Anonymous-Umfeld dafür verantwortlich. Assange wollte sich am Montag nicht dazu äussern. Die Enthüllungsplattform schütze ihre Quellen, sagte er kurz angebunden. Wie wired.com berichtete, wurde die Übergabe der Daten durch einen verschlüsselten Tweet bestätigt.

Auf Erfolg angewiesen

Anonymous und Wikileaks hegen seit langem Sympathien für einander und stehen sich bezüglich Zielsetzungen nahe. Beide Organisationen kämpfen für das Recht auf freie Meinungsäusserung und gegen staatliche und private Zensur. Kommentatoren geben zu bedenken, dass die offensichtliche Kooperation mit berüchtigten Hackern der Glaubwürdigkeit der Enthüllungsplattform schaden dürfte. Gleichzeitig sei Wikileaks aber dringend auf Erfolge angewiesen, um den Fortbestand und die Finanzierung zu sichern.

Assange droht derweil die Auslieferung nach Schweden, wo er einer Sexualstraftat beschuldigt wird. Er selbst bezeichnet die Vorwürfe als Racheakt für frühere Veröffentlichungen seiner Enthüllungsplattform. Assange befürchtet, dass er von Schweden an die USA ausgeliefert wird. Wikileaks hatte Ende 2010 rund 250 000 interne Mitteilungen aus US-Botschaften weltweit veröffentlicht.

Seit September 2010 verfügt Wikileads nicht mehr über die erforderliche technische Infrastruktur, um geleakte Dokumente entgegenzunehmen. Weil keine öffentlich zugängliche und sichere Leitung für Whistleblower angeboten werde, ist die Plattform offenbar auf die Zusammenarbeit mit Hackern angewiesen, um an neues Material zu gelangen. Das sehen auch Anonymous-Aktivisten so, wie wired.com berichtete. Wikileaks sei der ideale Partner für solche Dinge. Im Rahmen der «Operation Antisec» werde das Material beschafft und dann veröffentlicht.

Kooperation mit Medien

Wie bei früheren Veröffentlichungen arbeitet Wikileaks mit internationalen Medien-Unternehmen zusammen, um die Stratfor-Daten zu analysieren und journalistisch zu verarbeiten. Zu den neuen Wikileaks-Partnern gehören der Norddeutsche Rundfunk NDR, die italienische Tageszeitung «La Republica» und das US-Magazin «Rolling Stone». Aber auch aus dem asiatischen Raum sind Medien vertreten.

Nicht mehr an Bord sind hingegen bisherige Medien-Partner wie «The New York Times», «Spiegel» oder der britische «Guardian», die sich bei der Veröffentlichung der US-Botschafts-Depeschen noch hervorgetan hatten. Schlimmer noch: Assange wirft einzelnen Journalisten und Medien vor, sie hätten sensible Informationen missbräuchlich verwendet. In einem Fall soll es gar eine Zusammenarbeit mit einem staatlichen Geheimdienst gegeben haben.

Die Brisanz des tranchenweise veröffentlichten Materials wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Stratfor war am 26. Dezember Ziel eines Angriffs aus dem Internet geworden, zu dem sich Anonymous bekannte. Das Unternehmen verurteilte am Montag die Attacke und die Veröffentlichung der E-Mails. Man werde nicht zu den Inhalten Stellung nehmen, hiess es. Es könnte sich auch um Fälschungen handeln. Weiter betonte Stratfor, der Gründer und Chef, George Friedman, sei entgegen anderslautenden Gerüchten weiter im Amt.

Stratfor

Informationen gegen Geld: Das ist das Geschäftsmodell des US-amerikanischen Strategieanalyseinstituts Stratfor. Die private Firma mit Sitz in Austin im US-amerikanischen Bundesstaat Texas bietet geopolitische Analysen und spezialisierte Berichte zur Lage der internationalen Beziehungen. Dazu gehören die Entwicklung in Afghanistan oder Japans Lage nach der Atomkatastrophe ebenso wie Probleme der mexikanischen Ölexploration oder politische Umwälzungen in Russland.

Die Kunden «bekommen ein genaues Verständnis darüber, was passiert, warum es passiert und was als nächstes passieren wird», heisst es auf der Internetseite des Unternehmens. Die Informationen bezieht Stratfor sowohl aus frei zugänglichen Quellen als auch über ein weltweites Netz von Informanten.

Gegründet wurde das Unternehmen 1996 vom Politologen und Buchautor George Friedman. Der Firmenname ist eine Abkürzung und steht für «Strategic Forecasting», zu Deutsch etwa «strategisches Vorhersagen».

(sda)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.