Aktualisiert 26.11.2009 16:33

Geheimdaten veröffentlicht

Wikileaks stellt 9/11-SMS ins Netz

Im Internet sind eine halbe Million Textnachrichten vom 11. September 2001 veröffentlicht worden. Die teils privaten, teils aus Regierungsquellen stammenden Meldungen zeichnen ein packendes Bild der Terroranschläge.

von
pbl

Die Whistleblower-Website Wikileaks stellte die Nachrichten ins Netz. Es sind teils verzweifelte Aufrufe an Verwandten oder Ehegatten sich zu melden, teils Mitschnitte der Polizei und Feuerwehr. Da heisst es zum Beispiel «Second World Trade Center tower collapses» oder «DO NOT GET ON THE PATH TRAIN...THE WORLD TRADE CENTER IS ON FIRE». Andere vermelden nur «I'm ok & love you..xoxoxoxoxoxoxoxox».

Aus anderen gehe hervor, dass der Geheimdienst befürchtet habe, dass das Flugzeug mit dem aus Florida nach Washington fliegenden US-Präsidenten George W. Bush ebenfalls ein Ziel der Terroristen sein könnte. «ANONYMOUS CALL TO JOC REPORTING ANGEL IS TARGET» heisst es in einer Pager-Nachricht des Secret Service – Angel ist das Codewort für die Präsidentenmaschine Air Force One. Daraufhin sei die Maschine umgeleitet worden.

In Echtzeit aufgeschaltet

Insgesamt wurden nach Angaben von Wikileaks 573 000 Textnachrichten veröffentlicht, die über Handys oder Pager in einem Zeitraum von 24 Stunden vor und nach den Anschlägen verschickt wurden. Sie wurden zwischen Mittwoch und Donnerstag von 3 bis 3 Uhr Ortszeit (9 bis 9 MEZ) in «Echtzeit» auf der Website aufgeschaltet. Die meisten SMS haben nichts mit den Anschlägen zu tun, sondern sind Status- oder Zufallsmeldungen.

Aus der grossen Masse entsteht dennoch ein packendes Bild jenes historischen Tages. So ist gemäss dem «Guardian» bereits um 9.05 Uhr – zwei Minuten nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs ins World Trade Center – die Rede von einem «Terroranschlag». Und um 10.48 Uhr – 20 Minuten nach dem Kollaps beider Türme – wird erstmals der Verdacht auf Al Kaida gelenkt: «I want some Bin Landen ass!» schrieb ein gewisser Duane.

Aus unbekannter Quelle zugespielt

Wikileaks hat es sich zum Ziel gesetzt, Offenheit und Meinungsfreiheit dadurch zu fördern, dass bislang geheime Dokumente online veröffentlicht werden. Die Mitteilungen seien vor einigen Wochen zugegangen, erklärte ein Wikileaks-Sprecher. Über die Quelle äusserte er sich naturgemäss nicht: «Es ist klar, dass die Informationen von einer Organisation stammen, die schon vor 9/11 die US-Telekommunikation abgefangen und archiviert hat.»

Die Mitteilungen stammten von den Kunden der Firmen Metrocall, Skytel und Arch. Das Unternehmen USA Mobility, das Arch und Metrocall 2004 zusammenführte, erklärte, man sei besorgt, da offenbar die Kommunikation von Regierungsbehörden abgefangen worden sei. Das sei ein klarer Gesetzesverstoss. (pbl/sda/dapd)

Wikileaks

Wikileaks ist nach eignen Angaben ein «unzensierbares Wiki» für die massenhafte und nicht auf den Absender zurückzuführende Veröffentlichung und Analyse von geheimen Dokumenten. Das primäre Interesse liege auf durch Unterdrückung geprägte Regime wie China, Russland, dem zentralen Eurasien, dem Nahen Osten und dem Afrika südlich der Sahara. Man sei aber auch Ansprechpartner für diejenigen, die unethisches Verhalten in ihren Regierungen und Unternehmen enthüllen wollen, und habe bereits über 1,2 Millionen Dokumente von regimekritischen Gemeinschaften und anonymen Quellen erhalten. Bekannt wurde Wikileaks durch den Rechtsstreit mit der Schweizer Bank Julius Bär.

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