Aktualisiert 11.06.2015 08:16

Wikipedia-Orakel

Wikipedia sagt SVP Wahlschlappe voraus

Das neue Parlament wird erst im Oktober gewählt. Google und Wikipedia wissen bereits heute, welche Partei das Rennen machen wird.

von
Th. Bigliel
Verliert Christoph Blochers Partei an Rückhalt? Eine Wikipedia-Wahlprognose sagt der SVP eine Wahlschlappe voraus.

Verliert Christoph Blochers Partei an Rückhalt? Eine Wikipedia-Wahlprognose sagt der SVP eine Wahlschlappe voraus.

Mit ausgefallenen Aktionen wollen die Parteien möglichst viele Bürger an die Urnen locken. Während die FDP mit dem «liberalen Feuer» auf Stimmenfang geht, schickt die SP ihre Genossen ins Callcenter. Und bei der SVP buhlt man mit Plüschhund Willy um Wählerstimmen.

Das Online-Lexikon Wikipedia hat bereits eine Ahnung, welche Wahlkampfaktion beim Volk am besten ankommen wird. Mehr noch: Das Internet-Orakel soll sogar wissen, wie die Schweizer abstimmen werden. «Mit den Spuren, die wir im Netz hinterlassen, können verschiedene Rückschlüsse gezogen werden», sagt Tasha Yasseri, Forscher an der Oxford University. In einer Studie kommt der Wissenschaftler zum Schluss, dass sich mit den Daten von Google und Co. neben Aktienkursen, Filmeinnahmen und Grippeausbrüchen auch der Ausgang von Wahlen voraussagen lassen.

20 Minuten hat den Test gemacht und die Aufrufstatistiken von Wikipedia unter die Lupe genommen – mit erstaunlichem Ergebnis. Glaubt man den Wikipedia-Trends, wird die SVP an den kommenden Parlamentswahlen Federn lassen müssen. Zu den Gewinnern soll ausgerechnet die verfeindete BDP gehören.

So schneiden die Parteien im Wiki-Rating ab

Wähleranteile in %

Quelle: Wikipedia / eigene Darstellung (tbi)

Der Vergleich mit den letzten Wahlen zeigt: Die SVP wird im Herbst laut dem Wiki-Orakel regelrecht abstürzen und kommt nur noch auf einen Wähleranteil von 22 Prozent, während die Partei von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf ihren Stimmenanteil praktisch verdoppeln kann. Die SVP bleibt aber weiterhin stärkste Kraft. Nicht zulegen können SP und Grüne. Beide Parteien stagnieren auf dem Niveau von 2011. Und bei der GLP zeichnet sich gar eine Niederlage ab.

Die stellvertretende SVP-Generalsekretärin Silvia Bär beeindruckt die schlechte Prognose für ihre Partei nicht: «Man könnte auch Mike Shiva fragen.» Ziel der SVP sei es, ihren Wähleranteil zu halten. Auch bei der BDP reagiert man zurückhaltend: «Die von Wikipedia vorausgesagten 9,4 Prozent Wähleranteil sind wohl etwas hochgesteckt», sagt Präsident Martin Landolt. Aber: «Ich bin überzeugt, dass das Stimmvolk bei den Parlamentswahlen die BDP und die konstruktiven Mitte-Kräfte stärken wird.»

Generiert Widmer-Schlumpf Klicks für die BDP?

«Der Zusammenhang zwischen Parteistärke und Wikipedia-Traffic ist bemerkenswert», sagt Thomas Lo Russo, Politan-Blogautor und Politologe an der Universität Zürich. Dass die BDP im Vergleich zu 2011 ganze 4 Prozentpunkte zulegen soll, hält Lo Russo ebenfalls für unwahrscheinlich. «Die Daten müssen mit Vorsicht genossen werden.» Eine mögliche Erklärung, dass die BDP auf Wikipedia überdurchschnittlich oft angeklickt wird, könne Bundesrätin Widmer-Schlumpf sein.

Bringt die BDP-Bundesrätin der Partei also den Wahlsieg? «Das ist zwar nicht ausgeschlossen, doch einen derartig hohen Stimmenzuwachs auf Kosten der SVP halte ich ehrlich gesagt für nicht realistisch.»

Die Entwicklung der Wählergunst

Wähleranteile in %

Quelle: Wikipedia / Eigene Darstellung (tbi)

Vergleicht man die Wikipedia-Aufrufe der Parteien über ein Jahr, zeigt sich ebenfalls ein interessantes Bild: Während FDP und SP in den vergangenen Monaten in der Wählergunst zulegen konnten, schwindet das Interesse an der SVP stetig.

Auffällig: Während die SVP im letzten Sommer einbrach, war das Interesse an der FDP zu diesem Zeitpunkt offenbar besonders gross. «Das Auf und Ab der Parteien hängt von vielen Faktoren ab», sagt Lo Russo. Für den plötzlichen Sympathie-Schub der FDP gibt es jedoch einen naheliegenden Erklärungsversuch: «Im September eröffneten die Freisinnigen ihren Wahlkampf und katapultierten sich so in die Medien. «Dieses Interesse hat sich dann auch in die Statistik niedergeschlagen».

Auch Skandale hinterlassen im Wikipedia-Ranking ihre Spuren. Manche Knicke in der Statistik lassen sich direkt auf ein solches Ereignis zurückführen. Hier würden auch die Schwächen dieser Methode liegen, erklärt Lo Russo. «Wenn eine Partei in die Negativ-Schlagzeilen gerät, kann daraus natürlich kein Wahlinteresse abgeleitet werden.»

So hat sich das Interesse an den Parteien in den letzten zwölf Monaten entwickelt:

SVP

SP

FDP

CVP

Grüne

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