Vor dem Olympia-Marathon: «Will das beste Bleichgesicht sein»
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Vor dem Olympia-Marathon«Will das beste Bleichgesicht sein»

Am Sonntag nimmt Viktor Röthlin seinen letzten Olympia-Marathon in Angriff. Für den bald 38-Jährigen in erster Linie ein Kampf gegen die Afrikaner.

Viktor Röthlin vor seinem letzten Olympia-Marathon (Video: 20 Minuten Online)

23 Marathon-Rennen ist Viktor Röthlin in seiner Karriere bereits gelaufen. Am Sonntag nimmt er den 24. in Angriff. Der Obwaldner ist routiniert. Nervosität verspürt er keine. «Heute sehe ich das Ganze etwas lockerer», sagt Röthlin, als er an der Pressekonferenz um einen Vergleich zu seinem ersten Olympia-Marathon 2000 in Sydney gebeten wird. «Ausserdem war ich damals noch ein Jungspund und hatte keine Ahnung.»

Der bald 38-Jährige ist optimal vorbereitet. Nicht nur für den Marathon, sondern auch für den Termin mit den Journalisten. Er habe für den Medientermin noch rasch ausgerechnet, wieviele Kilometer er in den letzten zwölf Monaten abgespult habe, so Röhthlin. «Das waren gut 8200 Kilometer. Also bin ich etwa von der Schweiz ans Nordkap und zurück gerannt.» In den letzten 14 Wochen der unmittelbaren Olympia-Vorbereitung habe er wirklich seinen Plan A durchziehen können. «Das war nicht immer so. Ich hatte auch schon Vorbereitungen, wo ich immer wieder umdisponieren musste. Sei es wegen politischen Unruhen in Kenia oder wegen gesundheitlichen Problemen.»

Zu Hause mit dem Olympia-Virus infiziert

Insbesondere die letzten zehn Tage seien ganz speziell gewesen. «Zum ersten Mal konnte ich Olympische Spiele von zu Hause aus miterleben. Ich war in London an der Eröffnungsfeier und bin danach wieder in die Schweiz geflogen, weil ich da ja die gleichen klimatischen Bedingungen habe. Das war etwas ganz Neues. Denn so konnte ich durch die Schweizer Medien einmal die Spiele hautnah miterleben.» Das sei komplett anders, als wenn man beispielsweise in Peking sei. Röthlin: «Ich konnte die Schweizer Athleten gut mitverfolgen und das hat mich fast noch stärker ins olympische Fieber gebracht als bei vorherigen Spielen, wo ich mich vor Ort vorbereitet habe. Dort habe ich eigentlich kaum etwas von den anderen Schweizerinnen und Schweizern mitbekommen.»

Das Fieber dürfte bis Sonntag noch ein wenig steigen. Dann gilt es für Röthlin ernst. Sein Ziel: «Ich will das beste Bleichgesicht sein.» Der Schweizer möchte also als erster nicht in Afrika geborene Läufer die Ziellinie überqueren. Das ist ihm vor vier Jahren in Peking gelungen. Damals wurde Röthlin Sechster und holte ein olympisches Diplom. «Ob noch einmal eine Top-8-Platzierung möglich ist, weiss ich nicht. Es wäre schön. Aber auch als 16. und bester weisser Läufer wäre ich zufrieden.»

Kein Einlauf ins Olympia-Stadion

Die Marathonläufer werden ihre 42,195 Kilometer auf einem Rundkurs in der Londoner Innenstadt absolvieren. «Das finde ich etwas schade», sagt der Schweizer. «Ich habe es bei meinen drei vorgängigen Olympia-Teilnahmen immer geschätzt, dass man am Schluss ins volle Stadion einlaufen durfte. Das war eigentlich die Belohnung.» Röthlin erhofft sich nun aber Tausende von Briten und auch einige Schweizer am Strassenrand.

Speziell ist beim olympischen Marathon auch etwas anderes: die Verpflegung. «Normalerweise kommmen die Verpflegungsstsellen regelmässig alle fünf Kilometer. Hier sind es neun statt acht Posten und sie befinden sich an unregelmässigen Positionen. Damit muss man sich schon befassen», sagt Röthlin. Beim Frauen-Rennen hätten die Afrikanerinnen offensichtlich ihre Probleme damit gehabt. Motiviert wurde der Schweizer hingegen vom Auftritt der Russin Tatjana Petrowa-Archipowa. Diese holte als «Bleichgesicht» die Bronzemedaille. «Sie hat dort, wo das Rennen von den drei Ähtiopierinnen und den drei Kenianerinnen lanciert wurde, nicht mitgemacht. Sie hat ihr eigenes Tempo durchgezogen und wurde Dritte. Das war sehr gut für mich zu sehen, dass es sich in diesem Rennen auch lohnen kann, einfach seine Taktik durchzuziehen.»

Karrierenende - oder noch ein EM-Titel?

Nach Sydney, Athen und Peking wird der Marathon von London bereits Röthlins vierter an Olympischen Spielen sein. Und sein letzter. Ob es auch der letzte seiner Karriere wird, weiss der bald 38-Jährige noch nicht. «Eigentlich wollte ich die Entscheidung für mich selber vor dem Olympia-Marathon treffen», sagt der Obwaldner. Doch irgendwie sei er noch zu keinem Schluss gekommen. «Klar ist nur, dass es mein letzter Auftritt an den Olympischen Spielen sein wird.» Ins Dilemma bringt Röthlin die Heim-EM 2014 in Zürich, wo er vor Heimpublikum den Titel verteidigen könnte, den er 2010 in Barcelona errang. «Ich werde die Entscheidung im Herbst in Ruhe und mit Distanz treffen.»

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