Vulkanasche: Willie wollte es wissen
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VulkanascheWillie wollte es wissen

26 British-Airways-Flugzeuge steuerten am Dienstag den noch gesperrten Flughafen London Heathrow an. Ihr Ziel: Die Öffnung des Flugraumes erzwingen.

von
jcg
Willie Walsh stieg persönlich an Bord eines BA-Testflugs, um die Ungefährlichkeit der Asche zu beweisen.

Willie Walsh stieg persönlich an Bord eines BA-Testflugs, um die Ungefährlichkeit der Asche zu beweisen.

Die Sperre des europäischen Luftraums ist vorerst Geschichte, doch die Diskussionen um Sinn und Zweck des Groundings gehen weiter. So dauert in Grossbritannien die Kontroverse an, ob die Behörden den Himmel wegen der isländischen Vulkanasche fahrlässig lange gesperrt hielten. Und ein Name fällt in der Diskussion immer wieder. Es ist der von British-Airways-CEO Willie Walsh. Kritiker des Flugverbots feiern ihn schon beinahe wie einen Messias. Für sie ist Walsh ganz alleine dafür verantwortlich, dass der britische Luftraum ab Dienstagabend wieder geöffnet wurde.

Denn es war Willie Walsh, der am Sonntag persönlich einen Jet der British Airways (BA) bestieg und drei Stunden über dem Atlantik durch die Vulkanasche flog. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits felsenfest davon überzeugt, dass das Fliegen kein Problem darstellt. Nicht so die britische Flugaufsichtsbehörde CAA. Sie hielt das Flugverbot für Grossbritannien noch am Dienstag aufrecht. British Airways musste am Boden bleiben, obwohl 6000 Meter über der Insel bereits wieder geflogen wurde. Die Wut Walshs, dessen BA täglich Millionen verlor, wuchs und er entschied sich zu einem Wagnis. Er liess 26 BA-Langstreckenflüge in Übersee starten. Ziel: Der geschlossene Flughafen Heathrow.

Kaum waren die Maschinen in der Luft, verlangte er von den Behörden die Landeerlaubnis in Heathrow. Und sein Plan ging auf. Zwar stiess sein Begehren zuerst auf taube Ohren, doch schliesslich durften die Jets kurz vor 22.00 Uhr Ortszeit landen. Denn just zu diesem Zeitpunkt hat die CAA das Flugverbot aufgehoben. Für die Walsh-Fans ist klar: Es war einzig die Rückholaktion des BA-Bosses, die London nach sechs Tagen Totalsperre zum Handeln zwang.

Behörden dementieren Druck von aussen

Die Behörden dementieren diese Darstellung der Geschehnisse vehement. Der Entscheid, das Flugverbot aufzuheben, sei nach sorgfältiger Abwägung der Gefahren ohne jeglichen Druck von aussen gefällt worden. CAA-Chef Andrew Haines erklärte gegenüber Sky News, die Sperre sei aufgehoben worden, nachdem ausführliche Konsultationen mit Flugzeugherstellern und Wissenschaftlern geführt worden seien. Auch die britische Flugsicherung NATS beteuert, dass kein Druck ausgeübt worden sei. Der Luftraum sei erst wieder freigegeben worden, als jegliche Gefahr für die Luftfahrt ausgeschlossen werden konnte.

Diese Aussagen dürften die Walsh-Fans aber kaum davon abbringen, den BA-Boss als Retter der Luftfahrt zu feiern. Lange war der britische Luftraum noch geschlossen, als in grossen Teilen Europas bereits wieder geflogen wurde. Dazu kommt, dass der von der CAA inzwischen beschlossene Grenzwert für Vulkanasche in der Luft 20-mal höher ist als die über Grossbritannien gemessene Konzentration (siehe Box). Die Flugverbotsgegner werten das als Beweis, dass die Luftraumsperre von Anfang an unnötig war und es Willie Walsh zu verdanken ist, dass die Behörden dies schliesslich eingesehen haben. Oder wie es Michael Broughton, Verwaltungsratspräsident von BA, am Mittwoch gegenüber Sky News ausdrückte: «Ich bin davon überzeugt, dass jeder, der heute in Grossbritannien geflogen ist, ‚Danke Willie' sagen sollte».

Neuer britischer Grenzwert

Als erste Behörde Europas hat die britische Flugaufsicht CAA einen Grenzwert für Vulkanasche in der Luft formuliert. Als unbedenklich gelten für die CAA bis zu 0,002 Gramm pro Kubikmeter Luft. Die Aschewolke des isländischen Vulkans kam nach Erkenntnissen des britischen Zentrums für Atmosphärenforschung in den letzten Tagen nur selten über 0,0001 Gramm hinaus, bei örtlich und zeitlich begrenzten Spitzenwerten von 0,0004 Gramm. Die Konzentration, ab der die Fliegerei gefährlich wird, ist laut CAA also 20 Mal so hoch wie der Gehalt, der während des Flugverbots über der Insel herrschte.

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