Finks flinker Abflug: Willkommen bei den Rothosen, Thorsten!

Aktualisiert

Finks flinker AbflugWillkommen bei den Rothosen, Thorsten!

Statt das international erfolgreiche Basel nun der Hühnerhaufen Hamburg: Super, findet HSV-Fan Philipp Dahm. Beim serbelnden Bundesliga-Schlusslicht kann Thorsten Fink unsterblich werden.

Er könnte um die Schweizer Meisterschaft kämpfen, um die Champions League spielen – doch Thorsten Fink geht zu meinem Hamburger SV. Warum zieht der 43-Jährige es vor, statt den konstant erfolgreichen FC Basel den kriselnden Bundesliga-Letzten zu trainieren?

Es ist klar: Fink bietet sich eine enorme Chance, die ebenso enorme Risiken birgt. Ein Blick in die Geschichte seines neuen Arbeitgebers zeigt, dass das Engagement für den Dortmunder zum Hauptgewinn werden kann – oder meinen Verein in die tiefste Krise seines Bestehens stürzen kann.

Der HSV war mal der FC Bayern München der Liga

Der HSV gilt als Dinosaurier der Bundesliga, weil er als einziger Club immer erstklassig war. In einem Land vor unserer Zeit – um im Bild zu bleiben – war dieser Dino quasi der Tyrannosaurus Rex der deutschen Fussballwelt: Trainer-Grössen wie Kuno Klötzer, der Kroate Branko Zebec und der Österreicher Ernst Happel haben unsere urzeitlichen HSV-Kicker unter Dampf gesetzt. Sie führten den Verein zwischen 1976 und 1983 zu drei Meisterschaften, holten zwei Mal den DFB-Pokal, den Pokal der Pokalsieger und den Europapokal der Landesmeister. Noch heute stellen die «Rothosen» mit 36 Spielen ohne Niederlage zwischen Januar 1982 und Januar 1983 einen Liga-Rekord.

Bricht Fink den Bayern-Ehrenkodex?
Fink-Wechsel geht mich nichts an

Nach dem Titelgewinn 1979 sang Stefan Hallberg: «Wer wird deutscher Meister? H-H-H-HSV». Zwischen 1976 und 1983 holte der Club sieben Titel. Daneben wurde der Verein vier Mal Vizemeister, nationaler Vize-Pokalsieger und stand zudem ein weiteres Mal im Europapokalfinale der Landesmeister und ein weiteres Mal im UEFA-Cup-Finale. Quelle: YouTube

Ja, wir Norddeutschen waren in der Bundesliga mal so etwas wie der FC Bayern München. Doch seit sich der grosse Ernst Happel 1987 mit einem Sieg des DFB-Pokals aus der Hansestadt verabschiedete, dümpelt der Traditionsclub im Mittelmass rum: Im Durchschnitt belegten die Hamburger seit 2000 zu Saisonende Platz 6,75 – und verschlissen dabei ganze zwölf Trainer. Zuletzt verpasste der Verein die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb und rangiert in der laufenden Saison am kläglichen Tabellenende. Die Uhr tickt – und zwar die Uhr im Volksparkstadion, die anzeigt, wie lange der HSV schon erstklassig ist. Thorsten, tu was!

Musikalische Frustbewältigung aus den 90ern: Das Lied «Trotzdem HSV» der Band Norbert und die Feiglinge («Manta Manta»). Quelle: YouTube

Auch wenn der letzte Titelgewinn 25 Jahre zurückliegt: Der «Dinosaurier» ist ein schlafender Riese. Das Volksparkstadion, das 1999 zu einer der schönsten Arenen der Liga umgebaut wurde, fasst 57 000 Zuschauer. Über 66 000 Mitglieder zählt der Club, der in der aktuellen UEFA-Team-Rangliste mittlerweile vor Atlético Madrid oder Schalke 04 einen passablen 20. Rang erzielt. Auch wirtschaftlich hat der HSV ein enormes Potenzial – nicht zuletzt weil er in der zweitgrössten deutschen Stadt zuhause ist: 1,7 Millionen Einwohner sehnen sich nach einem sportlichen Aufschwung – so sie denn nicht Fans des Lokalrivalen Sankt Pauli sind.

Junge Mannschaft mit Potenzial

Mit Blick auf das wirtschaftliche Potenzial, die treuen Fans und die Infrastruktur hat der Traditionsclub viel Luft nach oben, zumal der HSV als einer der wenigen Bundesligisten nach wie vor ein eingetragener Verein ist und seine Profifussballabteilung nicht wie viele andere ausgegliedert hat. Diese Struktur sorgt wegen des grossen Aufsichtsrats zwar regelmässig für Indiskretionen in der Presse, doch eine Übernahme des Clubs - etwa wie in England - ist so unmöglich.

Friedliche Fans: Ein HSV-Mob marschiert im Februar 2008 singend zum Letzigrund, wo der Club den FC Zürich im Europapokal 3:1 besiegt. Eine Polizei-Eskorte gab es genau so wenig wie etwaige Ausschreitungen oder Krawalle. Quelle: YouTube

Wenn Thorsten Fink jetzt meinen HSV übernimmt, wird sich der Trainer der prekären Lage bewusst sein. Er trifft auf eine junge Mannschaft, der Experten einiges Talent bescheinigen: Schafft es Fink als Kapitän, das Ruder rumzureissen, den Dino wieder auf Kurs zu bringen und eine verkorkste Saison versöhnlich zu beenden, kann er dem leidenden Verein eine neue Vision geben. Wenn der HSV über drei, vier Saisons konstant oben mitspielen würde und wieder regelmässig international dabei wäre, dürften wir Fans wieder von alter Grösse träumen.

Fernziel FC Bayern München?

Je konstanter Finks Mannen ihrer Arbeit nachgeben, desto grösser würden die Sponsoreneinnahmen werden, bei denen der HSV bisher (auch) nur Mittelmass ist. Mit stetem sportlichem Erfolg hätten die Hanseaten weniger Mühe, ihre Top-Spieler zu halten. Je öfter sich die «Rothosen» auf der internationalen Bühne präsentieren, desto mehr Strahlkraft wird der 1887 gegründete Club auf neue Kicker haben. Wenn es Fink gelingt, dem jetzigen Hühnerhaufen dauerhaft das «Sieger-Gen» einzupflanzen, das er sich als Spieler des FC Bayern München und in seiner Trainerkarriere erarbeitet hat, würde der Ex-Basler sein Meisterstück abliefern. Die Fans würden ihn für drei, vier konstante Spielzeiten lieben – und anschliessend könnten die ganz «Grossen» wie der FC Bayern beim Trainer anklopfen.

Sollte Fink jedoch versagen, ist alles dahin. Die Unabsteigbarkeit des Dinos, der Kader, ja sogar die Vereinsstruktur, denn die Fürsprecher einer Ausgliederung würden frischen Wind bekommen. Für Fink selbst würde das Ziel, wieder einmal einen Bundesligaclub zu führen, in weite Ferne rücken. Der Rückweg nach Basel dürfte ebenfalls verbaut sein: Für den HSV wie für seinen neuen Übungsleiter geht es nun um alles oder nichts.

Deine Meinung