Psychologe über Finanztrickser - «Wir alle sind anfällig für Denkfehler»

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Psychologe über Finanztrickser«Wir alle sind anfällig für Denkfehler»

Wie konnte der Baselbieter Finanztrickser das Vertrauen seiner Anleger gewinnen? Der Sozial- und Wirtschaftspsychologe Christian Fichter erklärt, warum wir auf Blender hereinfallen.

von
Lukas Hausendorf
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Auf Instagram zelebrierte er ein Luxusleben mit schnellen Autos, teuren Hotels und Restaurants. Der Baselbieter Finanztrickser lebte das Versprechen vom schnellen Geld vor, das er seinen Anlegern gab.

Auf Instagram zelebrierte er ein Luxusleben mit schnellen Autos, teuren Hotels und Restaurants. Der Baselbieter Finanztrickser lebte das Versprechen vom schnellen Geld vor, das er seinen Anlegern gab.

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Bei Gewinnversprechen sei es wie mit Glaubenssystemen oder dem Bauchgefühl, weiss Psychologe Christian Fichter. Menschen seien einfach anfällig für falsche Versprechen. Weitere Faktoren wie Zeit- oder Gruppendruck würden dies noch verstärken.

Bei Gewinnversprechen sei es wie mit Glaubenssystemen oder dem Bauchgefühl, weiss Psychologe Christian Fichter. Menschen seien einfach anfällig für falsche Versprechen. Weitere Faktoren wie Zeit- oder Gruppendruck würden dies noch verstärken.

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Figuren wie er sind keine Ausnahme. Dieter Behring schädigte Anfang der 2000er-Jahre Anleger um 800 Millionen Franken. Er behauptete, den «genetischen Code» des Börsenhandels geknackt zu haben. Behring wurde 2016 nach einem über zehnjährigen Verfahren vom Bundesstrafgericht zu einer fünfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. Er ging dagegen in Revision und starb am 5. März 2019, ohne die Haft angetreten zu haben.

Figuren wie er sind keine Ausnahme. Dieter Behring schädigte Anfang der 2000er-Jahre Anleger um 800 Millionen Franken. Er behauptete, den «genetischen Code» des Börsenhandels geknackt zu haben. Behring wurde 2016 nach einem über zehnjährigen Verfahren vom Bundesstrafgericht zu einer fünfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. Er ging dagegen in Revision und starb am 5. März 2019, ohne die Haft angetreten zu haben.

Tamedia

Darum gehts

  • Ein Baselbieter Finanztrickser hat mutmasslich das Geld von über einem Dutzend Anlegern veruntreut.

  • Auf Instagram baute er eine perfekte Bildwelt auf, um seinen Erfolg zu illustrieren.

  • Wirtschaftspsychologe Christian Fichtner ordnet den Fall ein und erklärt, warum wir anfällig sind für falsche Versprechen.

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Dann entpuppt sich die perfekt inszenierte Bildwelt, die der Baselbieter Finanztrickser auf Instagram aufbaute, als falsches Versprechen eines Blenders. «Er zeigt das, was sich die Leute wünschen. So funktioniert ja auch Werbung», sagt der Sozial- und Wirtschaftspsychologe Christian Fichter. Status und finanzielle Macht, das komme bei vielen Männern an.

Der 25-Jährige lebte das Versprechen vom schnellen Geld vor, das er seinen Anlegern gab. Dabei nutzte er geschickt auch menschliche psychologische Eigenschaften aus. Ob er dafür strafrechtlich belangt werden kann, ist offen, die Ermittlungen sind noch im Gang. «Wir alle sind anfällig für Denkfehler und Leute wie er sind gute intuitive Psychologen», sagt Fichter.

Bei Gewinnversprechen sei es wie mit Glaubenssystemen oder dem Bauchgefühl. Menschen seien einfach anfällig für falsche Versprechen. Weitere Faktoren wie Zeit- oder Gruppendruck würden dies noch verstärken.

Davor sind auch Profis oder Organisationen nicht gefeit. «Auch Topbanker machen immer wieder kapitale Fehler», sagt Fichter. Die Greensill, in deren Strudel auch Grossbanken gezogen wurden, oder der Fall Wirecard zeigen, dass auch grosse Finanzinstitute trotz Risk-Management-Abteilungen immer wieder auf gute Erzählungen hereinfallen und sich um Milliarden verzocken.

Wirtschaftspsychologe Christian Fichter

Wirtschaftspsychologe Christian Fichter

kalaidos-fh.ch

Prof. Dr. Christian Fichter ist Forschungsleiter und Leiter des Instituts für Wirtschaftspsychologie der Kalaidos Fachhochschule. Er ist Herausgeber eines Standardwerks für Wirtschaftspsychologie und befasst sich schwerpunktmässig mit Konsum, Mobilität, Image, soziale Kognition und den evolutionären Grundlagen wirtschaftlichen Verhaltens.

Und Figuren wie der junge Baselbieter sind keine Ausnahme. Dieter Behring schädigte Anfang der 2000er-Jahre Anleger um 800 Millionen Franken. Er behauptete, den «genetischen Code» des Börsenhandels geknackt zu haben. Sein Hedgefonds, der in der Schweiz nie zum Vertrieb zugelassen war, entpuppte sich als milliardenschweres Schneeballsystem, in das auch teils prominente Anleger investierten. Behring wurde 2016 nach einem über zehnjährigen Verfahren vom Bundesstrafgericht zu einer fünfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. Er ging dagegen in Revision und starb am 5. März 2019, ohne die Haft angetreten zu haben.

Noch eine Nummer grösser war das Schneeballsystem von Bernie Madoff. Der ehemalige Vorsitzende der Tech-Börse Nasdaq betrog Anleger jahrzehntelang. Als er Ende 2008 aufflog, war die Liste der Geschädigten 4800 Namen lang und der Schaden wurde auf 65 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Madoff wurde 2009 zu 150 Jahren Haft verurteilt.

Diese Fälle zeigen, dass Geschädigte in solchen Verfahren oft einen langen Atem brauchen und ihre Investition oft abschreiben müssen.

Das rät die Finanzmarktaufsicht

Unseriöse Anbieter operieren meist ausserhalb des Bereichs, der durch die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht reguliert ist. Diese führt eine Warnliste, auf der inzwischen 1094 Anbieter gelistet sind, die möglicherweise ohne Bewilligung tätig sind. Die Finma rät Anlegern, diese Liste vor einer Investition zu konsultieren. Bei grossen Renditeversprechen solle man grundsätzlich misstrauisch sein und den Anbieter genau prüfen, insbesondere wenn keine Bewilligung der Finma vorliegt. Grundsätzlich gilt immer: Je höher die Rendite, desto höher das Risiko. Zudem sollte man sich nie zu einem Anlageentscheid drängen lassen.

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