Schweizerin im Flutgebiet: «Wir befinden uns im Schockzustand»
Aktualisiert

Schweizerin im Flutgebiet«Wir befinden uns im Schockzustand»

Seit mehr als einer Woche halten die Überschwemmungen in Südindien an. Die Lage sei unübersichtlich, sagt eine Aargauer Helferin vor Ort.

von
kko
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Eine von der Navy gerettete Frau und ihre Enkel ruhen sich in einer Notunterkunft in Kochi in Südindien aus. (18. August 2018)

Eine von der Navy gerettete Frau und ihre Enkel ruhen sich in einer Notunterkunft in Kochi in Südindien aus. (18. August 2018)

AFP/-
Der Bundesstaat Kerala ist seit dem 8. August von besonders heftigen Regenfällen geplagt.

Der Bundesstaat Kerala ist seit dem 8. August von besonders heftigen Regenfällen geplagt.

AFP/str
Keralas Regierungschef Pinarayi Vijayan sprach von der «schlimmsten Flut seit hundert Jahren».

Keralas Regierungschef Pinarayi Vijayan sprach von der «schlimmsten Flut seit hundert Jahren».

AFP/-

Die Lage in den südindischen Überschwemmungsgebieten spitzt sich weiter zu. Die Zahl der Toten ist am Wochenende auf mindestens 370 gestiegen. Im Bundesstaat Kerala wurden allerdings Dutzende weitere Opfer befürchtet. «Es ist unübersichtlich, wir wissen ja noch nicht einmal, wie viele Leute noch vermisst werden», sagt Neethu George.

Die 24-jährige Aargauerin aus Brugg lebt seit vier Jahren in der südindischen Stadt Kochi, hat dort studiert. Aktuell ist sie für die Schweizer NGO Light in Lifeim Einsatz, die von Menschen mit Wurzeln in Kerala gegründet wurde und geleitet wird.

Als die ersten Menschen vor über einer Woche vor dem Hochwasser rund um Kochi die etwas höher gelegene Stadt flüchteten, stellte George mit ein paar Freunden kurzerhand eine Essensausgabe auf die Beine. Mittlerweile koordiniert sie die Verteilung von Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln, Kleider und Medizin in die vielen Camps, «die laufend in ganz Kerala errichtet werden».

«Wird immer schwieriger, das Benötigte aufzutreiben»

Die Vorräte werden langsam knapp. «Es ist extrem schwierig und wird immer schwieriger, das Benötigte aufzutreiben», sagt die Aargauerin. Sie hofft, dass das Wasser endlich sinkt, damit auch Lastwagen für den Hilfsgütertransport eingesetzt werden können.

Doch Meteorologen erwarten weitere starke Regenfälle bis mindestens Donnerstag. Im Moment versuchen Retter und Armee fieberhaft, die Menschen aus der Luft mit Lebensmitteln und Wasservorräten zu versorgen. Reis und Trinkwasser wurden mit Sonderzügen nach Kerala gebracht.

Helfer verteilen in der Ortschaft Kumarakom Lebensmittel.

Helfer verteilen Nahrungsmittel

Menschen in Kumarakom erhalten Lebensmittel.

«Zwei Jungs aus einem anderen Camp berichteten mir, dass sie dort drei Tage lang kein Essen besorgen konnten. Die Menschen, darunter viele Kinder, sind geschwächt, dazu steigt die Angst vor Krankheiten», sagt die 24-Jährige. In einem weiteren Lager seien bereits Windpocken ausgebrochen.

Eingeschlossene Ortschaften, keine Informationen

In vielen Städten und Dörfern in Kerala gab es weder Strom noch Telefonverbindungen und somit auch «keine Informationen», sagt George. Armee und Rettungskräfte kämpften sich am Sonntag in von den Wassermassen eingeschlossene Ortschaften vor, wo Tausende Menschen ausharrten. Über soziale Medien veröffentlichten viele verzweifelte Hilferufe.

Mehr als 30 Armeehelikopter und hunderte Boote waren im Einsatz. Mancherorts liehen sich Retter Boote von Fischern, um nach Opfern zu suchen. Tausende warten noch auf Hilfe, den Behörden zufolge wurden fast 725'000 Menschen in Notunterkünfte gebracht. Von einer Rückkehr wird dringend abgeraten. Der wichtigste Flughafen der Region soll noch für mindestens eine Woche geschlossen bleiben.

«Schlimmste Flut seit hundert Jahren»

«Kerala erlebt die schlimmste Flut seit hundert Jahren», erklärte der Regierungschef des Bundesstaates, Pinarayi Vijayan, im Kurzbotschaftendienst Twitter. «Wir befinden uns immer och im Schockzustand», sagt Neethu George. Positiv sei jedoch, wie gut die vielen Freiwilligen zusammenarbeiteten. «Wir müssen durchhalten, wir haben keine andere Wahl als zu helfen».

Fahrt auf einer überschwemmten Strasse in der Ortschaft Kumarakom.

Überflutete Strasse durch Kumarakom

Fahrt auf einer überschwemmten Strasse in Südindien.

Kerala lässt sich flächenmässig mit der Schweiz vergleichen, zählt aber rund 35 Millionen Einwohner. Der wegen seiner Traumstrände und malerischen Teeplantagen bei Touristen beliebte Bundesstaat leidet seit dem 8. August unter besonders heftigen Monsun-Regenfällen.

Auch andere Bundesstaaten, darunter Karnataka nördlich von Kerala sowie Madhya Pradesh im Landesinneren, sind betroffen. Bislang werden die Schäden auf eine Höhe von drei Milliarden Dollar geschätzt. (kko/sda)

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