Aktualisiert 18.02.2019 09:12

Pflege

«Wir behandeln Patienten wie in Massenabfertigung»

Überlastet, unterbezahlt, ausgenutzt: Pflegepersonen arbeiten am Limit – und bezahlen das mit ihrer Gesundheit.

von
rol
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Die Situation in der Schweizer Altenpflege ist prekär, das Pflegepersonal arbeitet am Limit. Das zeigt die aktuelle Pflegeumfrage der Unia.

Die Situation in der Schweizer Altenpflege ist prekär, das Pflegepersonal arbeitet am Limit. Das zeigt die aktuelle Pflegeumfrage der Unia.

Keystone/Gaetan Bally
Die psychische und körperliche Belastung ist so hoch, dass laut Umfrage jede zweite Pflegeperson den Job hinschmeissen will. Für die Gewerkschaft sind die «Ergebnisse alarmierend».

Die psychische und körperliche Belastung ist so hoch, dass laut Umfrage jede zweite Pflegeperson den Job hinschmeissen will. Für die Gewerkschaft sind die «Ergebnisse alarmierend».

Winfried Rothermel
Die Erfahrungen der 20-Minuten-Leser bestätigen die Umstände: Das Pflegepersonal arbeite am Limit, in Heimen herrsche teils eine menschenunwürdige Massenabfertigung. Viele Pflegende beklagen sich über die hohe Belastung im Job. Körperliche und psychische Folgen sind keine Seltenheit.

Die Erfahrungen der 20-Minuten-Leser bestätigen die Umstände: Das Pflegepersonal arbeite am Limit, in Heimen herrsche teils eine menschenunwürdige Massenabfertigung. Viele Pflegende beklagen sich über die hohe Belastung im Job. Körperliche und psychische Folgen sind keine Seltenheit.

Keystone/Gaetan Bally

Unregelmässige Arbeitszeiten, zu wenig Personal, schlechter Lohn, grosse Belastung: Die Situation in der Schweizer Altenpflege ist prekär, das Pflegepersonal arbeitet am Limit. Das zeigt die aktuelle Pflegeumfrage der Unia. Die psychische und körperliche Belastung ist so hoch, dass jede zweite Pflegeperson den Job hinschmeissen will. Für die Gewerkschaft sind die «Ergebnisse alarmierend» (20 Minuten berichtete).

Das Pflegepersonal sei oft überfordert und komplett überlastet, in Heimen herrsche teils eine menschenunwürdige Massenabfertigung: Die Erfahrungen der 20-Minuten-Leser untermauern das. Und sie bestätigen, wie belastend der Pflegeberuf für Kopf und Körper ist. Viele Pflegende sind so am Anschlag, dass Rückenbeschwerden zur Tagesordnung gehören und Burn-outs keine Seltenheit sind.

Jasmin M.* (22)

«Nach 3,5 Jahren als FaGe (Fachangestellte Gesundheit) im Altersheim bin ich ausgestiegen. Aufgrund des akuten Personalmangels passierten oft Fehler: Medikamente wurden vertauscht, Infektionen ignoriert, Heimbewohner nicht geduscht. Es wird gearbeitet wie am Fliessband. Ich konnte nicht mehr zusehen: Die Patienten werden nicht wie Menschen behandelt, sie sind nur noch Zimmernummern. Das schlug mir auf die Psyche: Ich wurde depressiv, ausgelaugt und litt an starker Migräne. Wer diesen Beruf ergreifen will, sollte es sich ganz genau überlegen.»

Jolanda T.*

«Vor allem als FaGe im Heim war es besonders schlimm. Ich war nachts allein für 30 Bewohner zuständig. Das war kaum zu bewältigen. Weil diplomiertes Personal fehlte, wurde ich gezwungen, einer Patientin, die künstlich beatmet wurde, die Luftröhre abzusaugen. Dafür war ich gar nicht qualifiziert. Ich musste im Internet nachschauen, wie das geht, und es dann einfach machen. Die Pflegedienstleitung war unfähig, beim Personal gab es massenhaft Kündigungen. Wegen des ganzen Stresses habe ich ein Burn-out und erhole mich jetzt zu Hause.»

Anina F.*

«Ich habe 2017 meine Lehre in der Pflege angefangen. Schon als 16-Jährige musste ich am Wochenende arbeiten. Zudem habe ich üble Arbeitszeiten: Von 7.30 bis 12.30 Uhr und von 16 bis 19.30 Uhr. Am Mittag bin ich meist so geschafft, da bleibt kaum Zeit fürs Lernen für die Schule – und am Abend bin ich zu müde, um Freunde zu treffen.»

Michael P.*

«Seit Jahren habe ich als Fachmann Betreuung den gleichen Lohn. Trotz Weiterbildungen habe ich keine Chance auf eine Lohnerhöhung. Dazu kommen prekäre Arbeitszeiten: Schichtarbeit, Pikett, Wochenenddienst. Ich habe oft nur einen Tag frei und habe das Gefühl, ich wohne im Heim. Meine Frau und Familie leiden sehr darunter. Daher bin ich jetzt auf der Suche nach einem neuen Job.»

Marla B.*

«Nach sieben Jahren in der Pflege bin ich langsam am Ende. Die Zustände im Heim gleichen einer Massenabfertigung. Wir haben keine Zeit, uns um die Bewohner zu kümmern. Wir hetzen von Zimmer zu Zimmer, ‹schmeissen› die Bewohner oft schon vor 17 Uhr ins Bett. Weil es zu wenig Personal hat, muss ich die Bewohner allein herumtragen. Seit Jahren kämpfe ich deshalb mit Rückenbeschwerden. Für das, was wir alles machen müssen, sind wir deutlich unterbezahlt. Weil sich mein Dienstplan fast täglich ändert, kann ich auch meine Freizeit kaum planen.»

Sandra B.*

«Anspruchsvolle Pflege, Schichtarbeit, Personalmangel, riesiger administrativer Aufwand: Das ist kein Zuckerschlecken. Ich bin seit über 30 Jahren im Beruf. Die Langzeitpflege hat nichts mehr mit würdevollem Altern zu tun. Das nagt an mir. So toll, wie das in Altersheimleitbildern beschrieben ist, läuft es überhaupt nicht. Es ist belastend und niederschmetternd, wenn man ein Herz hat für Menschlichkeit, Nächstenliebe und Respekt vor älteren Menschen, aber kaum Zeit bekommt, ihnen den letzten Weg so angenehm wie möglich zu gestalten.»

*Namen der Redaktion bekannt

Pflegebedarf steigt extrem

Den Handlungsbedarf in der Pflege belegen auch Zahlen des Schweizerischen Berufsverband der Pflegefachpersonen (SBK). «Seit Jahren wird nicht einmal die Hälfte des Bedarfs an diplomierten Pflegefachleuten ausgebildet. In den letzten vier Jahren gab es insgesamt 14'000 Abschlüsse zu wenig», sagt Manuela Kocher, Vorstandsmitglied des SBK. Künftig werde der Bedarf wegen der Alterung der Bevölkerung extrem zunehmen. Bei den 65- bis 79-Jährigen werde der Anteil der Pflegebedürftigen 1,5-mal grösser sein als heute, bei den über 80-Jährigen gar 2,8-mal. Diesen Bedarf müsse man decken, so Kocher. Mit der Pflegeinitiative, die vor zwei Jahren zustande gekommen ist, will der SBK einen Personalmangel in der Pflege verhindern. In der Verfassung soll mit ihr verankert werden, dass Bund und Kantone die Pflege als wichtigen Bestandteil der Gesundheitsversorgung fördern. (20M)

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