09.08.2016 16:13

Zukunftsforscher

«Wir bekommen Millionen neuer Energieerzeuger»

Forscher Ulrich Eberl über die Zukunft der Energie, denkende Maschinen und warum der Cyberterror künftig grössere Schäden anrichten könnte.

von
pam
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Weil es im Energiesystem der Zukunft nicht mehr nur ein paar grosse Kraftwerke, sondern Millionen kleiner Anlagen geben wird, ist für Zukunftsforscher Ulrich Eberl klar: «Ohne künstliche Intelligenz wird es in Zukunft nicht möglich sein, die dezentral produzierte Energie richtig zu steuern und zu verteilen.»

Weil es im Energiesystem der Zukunft nicht mehr nur ein paar grosse Kraftwerke, sondern Millionen kleiner Anlagen geben wird, ist für Zukunftsforscher Ulrich Eberl klar: «Ohne künstliche Intelligenz wird es in Zukunft nicht möglich sein, die dezentral produzierte Energie richtig zu steuern und zu verteilen.»

Keystone/Gaetan Bally
Laut Eberl braucht es künstliche Intelligenz, um etwa genau voraussagen zu können, wie viel Energie am kommenden Tag benötigt wird. Den Menschen brauche es aber auch in Zukunft noch, sagt Eberl: «Es wird immer Menschen brauchen, die im Notfall ins System eingreifen und Entscheide treffen.»

Laut Eberl braucht es künstliche Intelligenz, um etwa genau voraussagen zu können, wie viel Energie am kommenden Tag benötigt wird. Den Menschen brauche es aber auch in Zukunft noch, sagt Eberl: «Es wird immer Menschen brauchen, die im Notfall ins System eingreifen und Entscheide treffen.»

Connie Zhou
Durch die Steigerung der Komplexität wird es schwieriger, die Sicherheit der Energieversorgung zu garantieren. «Es kann sein, dass das Energiesystem eines Staates vermehrt Ziel von Angriffen wird», erklärt Eberl.

Durch die Steigerung der Komplexität wird es schwieriger, die Sicherheit der Energieversorgung zu garantieren. «Es kann sein, dass das Energiesystem eines Staates vermehrt Ziel von Angriffen wird», erklärt Eberl.

Keystone/Salvatore di Nolfi

Herr Eberl, Sie schreiben, dass smarte Maschinen unser Leben verändern werden. Welche Auswirkungen werden sie auf unser Energiesystem haben?

Die Energieversorgung wird in Zukunft ganz anders aussehen als heute. Ähnlich wie beim «Internet der Dinge», bei dem uns die Technologie immer mehr alltägliche Aufgaben abnimmt, wird es ein «Internet der Energie» geben. Das heisst, dass vieles im Energiesektor automatisiert wird. Ohne künstliche Intelligenz wird es in Zukunft nicht möglich sein, die dezentral produzierte Energie richtig zu steuern und zu verteilen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Während früher der Strom aus wenigen grossen Kraftwerken kam, werden in Zukunft viele Haushalte – etwa mit Solarpanels auf dem Dach und Batterien im Keller – zu «Prosumern», also sowohl zu Produzenten wie zu Konsumenten von Energie. Wir bekommen Millionen neuer Energieerzeuger.

Was ist in diesem Szenario komplizierter als jetzt?

Weil bei erneuerbaren Energien der Strom nicht immer dann bereitsteht, wenn ein Verbraucher ihn benötigt, wächst die Komplexität im Netz enorm. Gleichzeitig kommen neue Faktoren hinzu. Steigt zum Beispiel die Zahl der Elektroautos an, kommen neue, fahrende Energiespeicher hinzu, die ins Netz eingebunden werden müssen: Wird ein Elektroauto gerade nicht benötigt, kann es seine Energie zu höheren Preisen wieder ins Netz zurückverkaufen. Diese komplexen Prozesse können nur noch automatisierte Systeme bewältigen, die mit künstlicher Intelligenz etwa voraussagen, wie viel Strom am kommenden Tag benötigt und erzeugt werden wird.

Braucht es dann den Menschen überhaupt noch?

Ja, es wird immer Menschen brauchen, die im Notfall ins System eingreifen und Entscheide treffen. Und den Auftrag, was die intelligenten Maschinen für uns erledigen sollen, den bestimmt immer noch der Mensch.

Nochmals ein Beispiel, bitte.

Wenn die Haushalte selbst zu Energieproduzenten werden, können sie ihre Angebote zu virtuellen Kraftwerken bündeln und ihren Strom über sogenannte Software-Agenten verkaufen. Das sind selbständige Maschinen, welche den Strom autonom zum idealen Preis und zum besten Zeitpunkt aus Sicht der Netzstabilität am Markt verkaufen. Der Mensch muss der Maschine dann aber erst mitteilen, zu welchem Preis er bereit ist, seinen Strom zu verkaufen.

Ohne Strom steht ein Land still. Macht sich ein Staat nicht verletzlich, wenn er sein Energiesystem in die Hände der Technik legt und die Kontrolle den Maschinen überlässt? Wer nicht mehr Herr über sein Energiesystem ist, ist wehrlos gegenüber Bedrohungen wie etwa dem Cyberterror.

Natürlich, die Sicherheit des Systems muss an oberster Stelle stehen, und es muss versucht werden, diese immer zu garantieren. Denn bei einem Blackout ist es ja nicht nur der heimische Computer, der nicht mehr funktioniert, sondern alle Bereiche der Gesellschaft sind betroffen: Verkehr, Gesundheit, Lebensmittelversorgung. Es würde ein kompletter Stillstand herrschen. In einem komplexen System wird es schwieriger, sich gegen Hacker zu wappnen, und es kann sein, dass das Energiesystem eines Staates vermehrt Ziel von Angriffen wird. Man kann jedoch auch argumentieren, dass – wenn eine Attacke stattfindet –, diese in Zukunft wahrscheinlich weniger drastisch ausfallen wird als heute.

Warum?

Weil die Versorgung viel dezentraler organisiert ist als heute. Während wir jetzt von einigen grossen Kraftwerken abhängig sind, deren Blackout gravierende Folgen hätte, wären in Zukunft viel weniger Menschen betroffen. Dies, weil statt ein paar grosser Kraftwerke Millionen von kleinen, voneinander unabhängigen Anlagen unseren Strom produzieren. In einem «Internet der Energie» findet der Strom immer seinen Weg, selbst wenn bestimmte Leitungen lahmgelegt sind – das ist wie bei den Datenpaketen im heutigen Internet, die eben einen Umweg nehmen, wenn der direkte Weg versperrt ist.

Auch wenn der Anteil an erneuerbaren Energien in Europa steigt, gibt es noch einige Hürden zu nehmen. Branchen, die von der fossilen Energie abhängen, sträuben sich.

Dieses Phänomen lässt sich bei jedem tiefgreifenden technologischen Wandel beobachten: Die Industrie, die sich in ihrer Existenz bedroht sieht, schlägt erst einmal zurück und entwickelt auch neue Lösungen. Man muss aber auch sagen: Vollständig wird die Kohle-, Öl- oder Gasbranche so schnell nicht ersetzt werden.

Warum nicht?

Wenn kein Wind weht, keine Sonne scheint und auch die Energiespeicher nicht ausreichen, braucht man Kraftwerke, die einspringen können. Ausserdem geht es natürlich nicht nur um Strom, sondern auch um Wärmeversorgung und Treibstoffe – denn auch im Verkehr wird es Jahrzehnte dauern, bis vorwiegend Elektroautos unterwegs sind. Ausserdem hängt ja auch noch fast die ganze Kunststoff-Industrie am Öl. Beim Strom denke ich, dass bis 2050 eine Versorgung mit 80 Prozent erneuerbaren Energien machbar ist.

App zur Energy Challenge 2016

Die Energy Challenge 2016 ist eine nationale Aktion von Energie Schweiz und dem Bundesamt für Energie rund um die Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Als Medienpartner beleuchtet auch 20 Minuten den Themenschwerpunkt mit Grafiken, Reportagen und Interviews. Weitere Informationen gibt es in der offiziellen App, die hier für Android und hier für iOS heruntergeladen werden kann.

Zur Person

Ulrich Eberl ist deutscher Physiker, Zukunftsforscher und Wissenschaftsjournalist. In seinem aktuellen Buch «Smarte Maschinen - wie künstliche Intelligenz unser Leben verändert» (Hanser Verlag) beschreibt er, wie in Zukunft Digitalisierung, künstlichen Intelligenz und Robotik unseren Alltag umkrempeln werden.

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