Obamas Prediger: «Wir beten, dass Gottes Wille geschehe»
Aktualisiert

Obamas Prediger«Wir beten, dass Gottes Wille geschehe»

Reverend Alvin Love ist ein enger Freund von Barack Obama. Er verteidigt ihn eisern und glaubt an seine Wiederwahl. Ein Besuch in seiner Kirche in Chicago.

von
Peter Blunschi
Chicago
Alvin Love vor dem «Obama-Schrein» in seinem Büro.

Alvin Love vor dem «Obama-Schrein» in seinem Büro.

Als Reverend Alvin Love eines Tages im Sommer 1985 aus dem Fenster seines Büros blickte, sah er einen dünnen Mann, der sich seiner Kirche näherte. Der damals 31-jährige Love hatte die Lilydale First Baptist Church in Roseland im Süden von Chicago erst ein Jahr zuvor übernommen, doch er ahnte, was kommen würde: «Wieder einer, der Geld will. Oder ein Sandwich.» Der junge Mann aber wollte nicht nehmen, sondern geben. «Mein Name ist Barack Obama», stellte er sich vor, «ich möchte etwas für diese Gemeinde tun.»

27 Jahre danach empfängt Alvin Love den Gast aus der Schweiz («ich war ein paar Mal in Zürich, es hat mir sehr gut gefallen») im gleichen Büro. Es ist der Sonntag vor der Wahl, und der dünne Junge von damals ist heute Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. «Erstaunlich», ist das einzige Wort, das dem «Rev», wie Obama ihn nennt, dazu einfällt. In jenem Sommer begann eine Freundschaft, die bis heute anhält. Fotos im Büro zeugen davon. «Wir sehen uns etwa vier Mal pro Jahr», sagt Alvin Love mit sichtlichem Stolz.

Streit wegen Homo-Ehe

Der 58-Jährige ist ein Baptistenpfarrer wie aus dem Bilderbuch: Stattliche Statur, sonore Stimme, leidenschaftliche Rhetorik. Seine Predigt im Gottesdienst an diesem Sonntag ist ein einziger Aufruf, zur Wahl zu gehen. «Wer wählt, hat eine Stimme! Wer wählt, ist kein Opfer!», ruft Love seiner Gemeinde zu und illustriert seine Worte mit einem Beispiel aus der Apostelgeschichte. Die Messe ist kein getragenes Hochamt. Sie ist laut, ekstatisch, es wird viel gesungen – und viel gelacht. Alvin Love würzt seine Predigt mit Witz.

Ernst wird er, als er von einer Baptisten-Konferenz im Frühjahr in Atlanta erzählt. Einige hochrangige Vertreter der Kirche hätten sich geweigert, eine Wahlempfehlung an ihre Gemeinden abzugeben. Der Grund: Kurz zuvor hatte sich Barack Obama zur Homo-Ehe bekannt. Sein Freund Love war darüber nicht begeistert, doch dass schwarze Geistliche dem Präsidenten deshalb die Unterstützung versagten, ärgerte ihn gewaltig. «Ich rief das Weisse Haus an und bat, dass sie jemanden nach Atlanta schicken.» So geschah es, «und ich denke, wir haben eine Wende bewirkt», sagt der Reverend später im Gespräch.

Eine nomadische Kindheit

1985 war der knapp 24-jährige Barack Obama mit einem Studienabschluss an der New Yorker Columbia-Universität nach Chicago gekommen, eine für ihn fremde Stadt. Die Wahl von Harold Washington zum ersten schwarzen Bürgermeister der drittgrössten Stadt Amerikas hatte ihn angelockt – und die Suche nach seiner «schwarzen» Identität. Obama wollte als Community Organizer arbeiten, eine Art Kreuzung aus Sozialarbeiter und Politaktivist. Sein Revier war der Süden Chicagos, wo auch heute fast nur Schwarze leben.

Alvin Love sollte sich dabei als grosse Hilfe erweisen. Er war «sein erster Führer durch die Subkultur der afroamerikanischen Kirchen in Chicago», schrieb der «Washington Post»-Journalist David Maraniss in seiner Biographie «Barack Obama – the Story». «Ich war der einzige Priester, der etwa in seinem Alter war», sagt Love. Auch sonst habe man einige Gemeinsamkeiten entdeckt: «Wir haben beide in jungen Jahren ein nomadisches Leben geführt.» Während Obama einige Jahre in Indonesien lebte, verbrachte der aus Chicago stammende Love einen Teil seiner Kindheit im rassengetrennten Südstaat Mississippi.

Industrieller Niedergang

Die «Southside» von Chicago litt schon damals unter dem industriellen Niedergang Amerikas. Es gibt Sozialsiedlungen wie Altgeld Gardens, in denen sich der Community Organizer Obama für die Sanierung asbestverseuchter Gebäude einsetzte. Damals wie heute sind Gewalt, Drogen und fehlende Perspektiven dort ein immenses Problem. Doch es gibt auch gepflegte Einfamilienhaus-Quartiere, wie jenes, in dem sich die Lilydale First Baptist Church befindet. Hier lebt der schwarze Mittelstand.

Später zog Barack Obama weiter. Er ging als Jus-Student an die Eliteuniversität Harvard, sein Lebensmittelpunkt aber blieb Chicago. Er schloss sich einer grösseren Kirchgemeinde an, der Trinity United Church of Christ. Dort predigte der scharfzüngige Reverend Jeremiah Wright, dessen Attacken gegen die USA Barack Obama einige Scherereien einbringen sollten. Im Wahlkampf wurde Wright, der inzwischen im Ruhestand ist und die Kirche einem Nachfolger übergeben hat, nur deshalb nicht zum Thema, weil John McCain 2008 und nun auch Mitt Romney sich nicht in diesen rassistischen Sumpf begeben wollten.

Rassen- und Klassenfrage

Dennoch bleibt Rassismus ein Thema, denn während Präsident Obama trotz Homo-Ehe auf die geschlossene Unterstützung der Schwarzen zählen kann, wird eine Mehrheit der Weissen seinen Herausforderer Mitt Romney wählen. Unterschwellig sei Rassismus immer noch vorhanden, bestätigt Alvin Love, noch wichtiger aber ist für ihn die Klassenfrage. «Jene, die Macht und Besitz haben, glauben, sie sollten das Land führen.» Einer wie Barack Obama, der allen die gleichen Möglichkeiten bieten wolle, sei für sie eine Bedrohung.

Die Art, wie sich dessen Gegner der Religion bedienen, beschäftigt den Reverend sichtlich. «Vor kurzem haben sie die Mormonen noch als Sekte bezeichnet, jetzt wollen sie einen zum Präsidenten wählen.» Alvin Love aber ist Optimist, er glaubt daran, dass sein Freund im Weissen Haus bleiben darf. Barack Obama werde besser abschneiden, als die Umfragen besagen: «Es ist erstaunlich, dass er überhaupt um seine Wiederwahl bangen muss. Er hat unglaublich viel für dieses Land gemacht und es vor einer Depression bewahrt.»

Um nichts dem Zufall zu überlassen, ruft er in seiner Gemeinde in der Predigt dazu auf, alle Angehörigen, Freunde, Bekannten zur Teilnahme an der Wahl zu bewegen. Er selber will am Dienstag gleich drei Gebetsstunden durchführen, die erste bereits um 6 Uhr früh. «Wir beten, dass Gottes Wille geschehe», sagt Alvin Love mit einer vor Entschlossenheit bebenden Stimme. Was er damit meint, braucht der «Rev» nicht näher zu erläutern.

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