Neuer Schweizerpsalm: «Wir brauchen keine Conchita-Wurst-Hymne»
Aktualisiert

Neuer Schweizerpsalm«Wir brauchen keine Conchita-Wurst-Hymne»

Die Rütli-Gesellschaft sucht eine neue Nationalhymne. Ein SVP-Politiker verlangt, über den Siegersong müsse abgestimmt werden - doch der Bundesrat gibt ihm einen Korb.

von
J. Büchi

In diesen Tagen hat der Schweizerpsalm Hochkonjunktur: Von der WM in Brasilien schallt er in die Schweizer Stuben und Public Viewings - Musikvereine proben das Stück bereits für den 1. August. Doch die Tage der Hymne könnten bald gezählt sein. Am Montag läuft die Eingabefrist eines Wettbewerbs ab, dessen Ziel die «Schaffung einer zeitgemässen Nationalhymne» ist.

Zur Einsendung musikalischer Vorschläge hat die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) aufgerufen, die unter anderem auch als Verwalterin der Rütliwiese amtet. Insgesamt haben 116 Texter einen Vorschlag eingereicht, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. 70 der Vorschläge sind in deutscher Sprache verfasst, 40 auf Französisch, vier auf Italienisch und einer auf Rätoromanisch. Bis zum Herbst wählt eine Jury nun maximal zehn Beiträge aus, die sie in alle vier Landessprachen übersetzen lässt. Danach wird per Telefon- und SMS-Voting der Siegersong bestimmt. Bis spätestens 2016 soll der Siegersong dann dem Bundesrat «zur Genehmigung als künftige Nationalhymne» übergeben werden.

Volksabstimmung verlangt

SVP-Nationalrat Peter Keller ist ein scharfer Kritiker des Wettbewerbs. Der Nidwaldner bezeichnet das Projekt in einer Motion als «dümmliche Casting-Show» und verlangt, dass die Siegerhymne dem Parlament als referendumsfähiger Beschluss vorgelegt wird, sodass schliesslich das Volk darüber entscheiden kann.

Der Bundesrat teilt Kellers Sorgen jedoch allem Anschein nach nicht. In seiner am Mittwoch publizierten Motionsantwort beantragt er dem Parlament, den Vorstoss abzulehnen. Er werde sich erst zum weiteren Vorgehen äussern, wenn ihm ein Vorschlag unterbreitet werde. «Der Bundesrat kann aber zusichern, dass er eine neue Landeshymne nicht in eigener Kompetenz beschliessen wird.»

«Conchita Wurst mal DJ Bobo»

Für Keller drückt sich die Regierung mit dieser Formulierung vor einer klaren Antwort: «Es ist doch verdächtig, wenn sich der Bundesrat nicht deutlich dafür aussprechen will, dass das Volk bei der Wahl einer neuen Hymne das letzte Wort hat.» Er hofft, dass seine Parlamentskollegen die Motion dennoch überweisen. Denn für ihn ist klar: «In einer Demokratie muss eine neue Hymne nicht per Telefon-Voting, sondern per Volksabstimmung beschlossen werden.»

Was resultiere, wenn das Publikum entscheiden könne, zeige sich jeweils am Eurovision Song Contest: «Conchita Wurst mal DJ Bobo - das wäre unsere neue Hymne!» Der aktuelle Schweizerpsalm habe eine wunderbare Entstehungsgeschichte. Es dürfe nicht sein, dass ausgerechnet die Rütli-Gesellschaft diese als altmodisch abkanzle.

«Eine Strophe reicht»

Anderer Meinung ist SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen. Sie hat im Parlament bereits zweimal gefordert, dass eine neue Hymne komponiert wird. «Ich finde es sehr sinnvoll, wenn dies jetzt im Rahmen eines Wettbewerbs geschieht.» Eine Volksabstimmung ist aus ihrer Sicht nicht nötig. Es sei besser, wenn eine sachverständige, interdisziplinäre Jury entscheide. «Hauptsache ist, dass eine Hymne ausgewählt wird, die von Gross und Klein mit Freude gesungen wird.» Möglichst eingängig müsse sie sein - «eine Strophe reicht völlig aus».

Auch die SGG begründet ihr Engagement damit, die heutige Hymne sei «sprachlich sperrig», die wenigsten Schweizer könnten sich den Text merken. Für Peter Keller spricht dies jedoch nicht zwingend gegen den aktuellen Psalm: «Unsere Hymne ist nun einmal keine zum Mitgrölen - das würde auch nicht zur Schweiz passen.»

Deine Meinung