Dorf ohne Akademiker: «Wir Büezer sind nicht dümmer als Studierte»
Aktualisiert

Dorf ohne Akademiker«Wir Büezer sind nicht dümmer als Studierte»

Während in der Schweiz immer mehr Akademiker leben, gibt es in der Berner Gemeinde Därstetten fast keine. Das sei gut so, finden die Einheimischen.

von
Désirée Pomper
1 / 15
«Wir sind sicher nicht dümmer als Studierte», sagt  Erwin Theilkäs (26). Einen schönen Tisch zu schreinern, einen Motor auseinanderzunehmen, technische Abläufe in- und auswendig zu kennen, all das erfordere ebenso einen wachen Geist.

«Wir sind sicher nicht dümmer als Studierte», sagt Erwin Theilkäs (26). Einen schönen Tisch zu schreinern, einen Motor auseinanderzunehmen, technische Abläufe in- und auswendig zu kennen, all das erfordere ebenso einen wachen Geist.

Freundin und Pflegefachfrau Amanda Wüthrich (22), die sich schon bald Kinder wünscht, pflichtet zu: «Wir haben hier ein grösseres Wissen über die Natur, eine gesündere Beziehung zur Ernährung und leben nachhaltiger.» Auch das sei eine Art Intelligenz.

Freundin und Pflegefachfrau Amanda Wüthrich (22), die sich schon bald Kinder wünscht, pflichtet zu: «Wir haben hier ein grösseres Wissen über die Natur, eine gesündere Beziehung zur Ernährung und leben nachhaltiger.» Auch das sei eine Art Intelligenz.

Während Akademiker die Weltmeere retten wollten, kümmere man sich hier um die lokalen Gewässer. Den Studierten fehle das Geerdete, findet Amanda Wüthrich.

Während Akademiker die Weltmeere retten wollten, kümmere man sich hier um die lokalen Gewässer. Den Studierten fehle das Geerdete, findet Amanda Wüthrich.

Der Weg zu Thomas Knuttis Haus führt vorbei an meckernden Ziegen, einer Schreinerei und einem leerstehenden Hotel. In der Berner Gemeinde Därstetten mit 855 Einwohner gibt es eine Post, ein Schulhaus, eine Beiz und 42 Bauernhöfe. Es gibt kein Museum, keine Bibliothek, kein Yogastudio.

Einheimische mustern den Fremdling, grüssen aber freundlich. Weiter über die Holzbrücke und den sanft geschwungenen Weg hinauf bis zum Bauernhaus, in dem der Gemeindepräsident von Därstetten lebt. Im Garten lacht ein dicker Gartenzwerg. An der Wand stehen sauber gestapelt Berge von Holzscheiten. An der Fassade hängen Plakate, auf denen Knutti in Krawatte und mit silbernem Ohrring posiert. Im Herbst will er in den Nationalrat. Zurzeit politisiert der Landwirt und Berufsfahrer im Berner Grossrat für die SVP.

Gemeindepräsident von Därstetten Thomas Knutti (46)

An den Sitzungen in der Hauptstadt spüre man halt schon, dass Akademiker ein viel höheres Ansehen geniessen würden, sagt Knutti, der am Esstisch Platz genommen hat. Vor allem diese Juristen. «Ich muss für meine Anliegen viel härter kämpfen als ein studierter Kollege. Dem glaubt man sogar, wenn er die grösste Lüge erzählt.» Sie könnten einfach schon sehr gut reden, die Sätze schön formulieren und dabei noch so sympathisch wirken, diese Studierten. In Knuttis Stimme mischt sich Bewunderung mit Ärger.

«Akademikern fehlt die Bodenständigkeit und Demut»

Dass die Zahl der Studierten in der Schweiz zunimmt, beunruhigt Knutti. «Studierte sehen das Gute immer im Grossen, in der Globalisierung. Dabei verlieren sie den Blick für die Realität und die einfachen Lösungen», sagt Knutti. Deshalb rate er als Gemeindepräsident jedem Schulabgänger, zuerst einmal eine Lehre zu machen. «Es schadet keinem mal unten durchzugehen, den Gring anzuschlagen und den Boden zu wischen, wenn der Chef das verlangt.» Das lehre einen Bodenständigkeit und Demut. Etwas, was vielen Akademikern, die auf dem hohen Ross sässen, fehle.

Entsprechend stolz ist Knutti darauf, dass in seiner Gemeinde ausser der Dorfärztin und dem Pfarrer fast keine Akademiker leben. Es mache es einfacher für das Zusammenleben, dass man hier unter sich sei. Dass niemand eine Krippe fordere oder Busse im Drei-Minuten-Takt.

Es klingelt an der Tür. Katja von Känel schaut vorbei. Die 26-Jährige hat das KV gemacht und arbeitet als Sachbearbeiterin auf der Gemeinde. Sie spricht leise und bedacht. Natürlich brauche es für eine funktionierende Gesellschaft Studierte und Nicht-Studierte. Nein, ein Studium sei bei ihr zu Hause nie ein Thema gewesen. «Bei uns zu Hause musste einfach die schulische Leistung stimmen.»

«Und wer besetzt dann die Lehrstellen?»

Über Gymivorbereitungskurse für Primarschüler, die in Schweizer Städten boomen, schüttelt von Känel ungläubig den Kopf. «Haben denn diese Eltern das Gefühl, ihre Kinder seien weniger wert, wenn sie nicht ans Gymi gehen?» Sie bemerke, dass die Wertschätzung gegenüber Lehrberufen sinke. Dabei seien Nichtakademiker im Leben standhafter und würden anpacken, ohne tausendmal hin und her zu überlegen. Wenn es immer mehr studierte Leute gebe, werde es ausserdem zunehmend schwieriger, all die Lehrstellen zu besetzen.

Das Studentenleben, WG-Partys, ausschlafen bis am Mittag – all das habe sie nie vermisst: «Mir würde der geregelte Alltag fehlen und die finanzielle Unabhängigkeit.»

Katja von Känel bricht auf. Sie wird den Bauarbeitern selbstgekochte Spaghetti vorbeibringen. Ihr Freund baut gerade ein Haus.

Gemeindemitarbeiterin Katja von Känel (26)

Inzwischen ist es zwölf Uhr. Thomas Knuttis Mutter hat gekocht. Der Gemeindepräsident lädt den Besuch zum Mittagessen ein. Ob der Gast aus der Stadt denn auch zu diesen Vegetariern gehöre? Nein. Er greift herzhaft zu: Kartoffelauflauf, Bohnen, Fleisch. Zum Dessert gibts einen Nussgipfel. Knutti macht einen Spruch über Asylbewerber. Verhaltenes Lachen am Tisch. Dann fährt er die Journalistin zu Erwin Theilkäs (26) und Amanda Wüthrich (22).

«Ich mag die Struktur des Holzes, den Geruch, wenn es frisch geschnitten ist»

Das junge Paar haust in einer kleinen Einliegerwohnung, weil sie wegen «eines Bürokratenwahnsinns» das geerbte Haus nicht umbauen können. Beim Eingang wachsen lila Stiefmütterchen aus einem Wanderschuh. Es wird Kaffee offeriert.

Landwirt und Schreiner Erwin Theilkäs (26)

«Ich mag die Struktur des Holzes, den Geruch, wenn es frisch geschnitten ist», sagt Theilkäs, dessen Arme nicht vom Fitnessstudio muskulös sind. Bevor er letztes Jahr den Hof des Onkels übernahm, arbeitete er als Schreiner. Jetzt erfülle es ihn, am Ende des Tages das Resultat seiner Arbeit zu sehen: das gemähte Feld oder die satten Kühe.

Das Lernen sei ihm nie einfach gefallen, sagt Theilkäs. Intelligenz aber einzig auf schulische Leistung zu reduzieren, greife zu kurz: «Wir sind sicher nicht dümmer als Studierte.» Einen schönen Tisch zu schreinern, einen Motor auseinanderzunehmen, technische Abläufe in- und auswendig zu kennen, all das erfordere ebenso einen wachen Geist.

«Akademiker wollen die Weltmeere retten. Wir die lokalen Gewässer.»

Freundin und Pflegefachfrau Amanda Wüthrich, die sich schon bald Kinder wünscht, pflichtet bei: «Wir haben hier ein grösseres Wissen über die Natur, eine gesündere Beziehung zur Ernährung und leben nachhaltiger.» Auch das sei eine Art Intelligenz. Während Akademiker die Weltmeere retten wollten, kümmere man sich hier um die lokalen Gewässer. Den Studierten fehle das Geerdete.

Pflegefachfrau Amanda Wüthrich (22)

Was denn Akademiker besser könnten als Nichtstudierte? Das Paar überlegt. Dann sagt Erwin Theilkäs: «Wir tendieren dazu, so fortzufahren, wie wir es schon die letzten zwanzig Jahre gemacht haben. Akademiker dagegen sitzen zusammen und studieren so lange an einem Problem herum, bis sie eine Lösung gefunden haben.»

Das Paar tritt vor die Tür. Theilkäs zeigt stolz auf seine Tiere, die hoch oben am Berg grasen. Ein fester Händedruck zum Abschied.

Nachtrag vom 29.5.2019: In einer ersten Version schrieb 20 Minuten, die Dorfärztin und der Dorfpfarrer seien die einzigen Akademiker in Därstetten. Dies hatte der Gemeindepräsident Thomas Knutti bestätigt. Richtig ist: In Därstetten lebt mindestens eine weitere Frau mit einem Uni-Abschluss. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler.

Dreiteilige Reportage

Die Zahl der Akademiker in der Schweiz steigt. In den Städten Zürich, Bern oder Genf hat fast jeder Zweite studiert. Bis 2045 werden rund 60 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz einen tertiären Bildungsabschluss haben.

Was denken Nicht-Akademiker über diese gesellschaftliche Entwicklung? Und was bedeutet sie für unser Land? 20 Minuten beantwortet diese Fragen in einer dreiteiligen Reportage.

1. Was denken die Menschen eines Büezer-Dorfes über den Akademiker-Boom? Ein Besuch in der Berner Gemeinde Därstetten.

2. Wie ist es die einzige Akademikerin in einem Dorf zu sein? Interview mit der Därstettner Dorfärztin Monika Schürch.

3. Was bedeutet die steigende Akademikerrate für die Schweiz? Interview mit dem Bildungsökonomen Matthias Ammann von Avenir Suisse.

Deine Meinung