Geisel-Odyssee: «Wir dachten, wir sind tot»
Aktualisiert

Geisel-Odyssee«Wir dachten, wir sind tot»

19 Geiseln aus ganz Europa wurden während über einer Woche auf einer Odyssee quer durch die Sahara hin- und hergehetzt. Die Entführer verlangten zunächst 15 Millionen Dollar. Was veranlasste sie zur Aufgabe?

Zehn Tage lang rasten die schwer bewaffneten Kidnapper im wilden Zickzack mit ihren Geiseln durch die Wüste. Dann kam am Sonntagabend die überraschende Wende. «Plötzlich sagte der Mann, wir könnten ein Auto nehmen und wegfahren», berichtete eine der befreiten Geiseln, der ägyptische Fahrer Hassan Abdel Hakim, der AP in Kairo. «Wir waren alle 19 in ein einziges Auto gezwängt, einige sassen sogar auf dem Dach.»

So kamen am Dienstag, nach der glücklichen Rückkehr der fünf befreiten Deutschen nach Berlin, doch einige Details ans Licht, was sich in den vergangenen zehn Tagen im Wüstensand zwischen Ägypten, Sudan und Tschad zugetragen hatte. Die Bundesregierung hielt sich extrem bedeckt, auch die fünf deutschen Ägypten-Rückkehrer bekamen keine Gelegenheit zu berichten, was sie durchlitten hatten. Einige der fünf italienischen und acht ägyptischen Exgeiseln äusserten sich dagegen recht freimütig.

Noch am Montag hatte es aus Kairo geheissen, die Entführten seien von sudanesischen und ägyptischen Soldaten befreit worden. Tatsächlich liessen die in die Enge getriebenen Kidnapper ihre Opfer offenbar am Sonntag ohne jegliches Blutvergiessen laufen, wenn man den Aussagen der Freigelassenen folgt. Für diese Version spricht die Aussage der deutschen Bundesregierung, deutsche Spezialkräfte hätten zwar bereitgestanden, seien aber nicht gebraucht worden.

«Es war undramatisch»

Abdel Hakim sagte, die Entführer hätten sich zur Freilassung entschlossen, nachdem einer einen Anruf bekommen habe. «Sie sagten den Ägyptern, sie sollten sich in einer Reihe aufstellen und dann zogen sie ihre Waffen», berichtete der 45-jährige. «In dem Moment dachten wir, wir sind tot.» Doch dann hätten sie in das Auto steigen und wegfahren dürfen.

Die Gruppe habe alle Habseligkeiten und sogar das Ersatzrad zurückgelassen. Ein GPS-Gerät habe man jedoch gehabt und so die richtige Richtung geortet. Bei einem stillgelegten Flughafen im südwestlichen Ägypten sei man dann auf ägyptische Spezialeinheiten getroffen, sagte der Fahrer, der sich noch in einem Krankenhaus in Kairo befand.

Auch der 71-jährige Italiener Michele Barrera sagte nach seiner Rückkehr nach Alpignano in der Nähe von Turin: «Es war undramatisch. Sie riefen uns einfach zu: Lauft, lauft, lauft!» Dann habe man sich in das Auto gezwängt und sei stundenlang gefahren. «Es passierte alles ganz ruhig, und es gab keine Gewalt.» Barrera sagte, die Geiselnehmer hätten sich respektvoll und «freundlich» verhalten.

Gefastet und gebetet

Abdel Hakim beschrieb die Entführer als Afrikaner, die untereinander in ihrer Sprache und mit den Ägyptern in gebrochenem Arabisch gesprochen hätten. Allem Anschein nach seien es Muslime gewesen, die während des Ramadan gefastet und gebetet hätten.

Seit Beginn der Entführung am 19. September hielten die Kidnapper sich und ihre Geiseln ständig in Bewegung, wie der befreite Gefangene weiter erzählte. Die Reisegruppe hatte sich auf einer Wüstensafari auf der Hochebene Gilf al Kebir in einer entlegenen Gegend im Südwesten Ägyptens befunden, die für prähistorische Höhlengemälde berühmt ist.

«Wir hatten kurz angehalten, weil sich ein Auto im Sand festgefahren hatte», erzählte Barrera in einem Telefoninterview mit AP. «Und da sahen wir, wie die Typen in drei Geländewagen auf uns zukamen. Sie hatten Uniformen an und trugen Waffen. Sie liessen uns niederknien, die Hände auf unseren Köpfen. Es war wie im Film.» Später habe man, bis auf die Ortswechsel morgens und abends, versucht, sich irgendwie die Zeit zu vertreiben. «Wir konnten nur im Sand liegen und versuchen, zu schlafen.»

Medienberichten zufolge verlangten die offenbar aus dem Sudan und dem Tschad stammenden Entführer bis zu 15 Millionen US-Dollar Lösegeld und verhandelten am Satellitentelefon mit deutschen Stellen. Gleichzeitig durchsuchten deutsche und italienische Geheimdienstmitarbeiter die gesamte Gegend nach der Gruppe.

Am Sonntagmorgen schliesslich trafen sudanesische Truppen auf acht Kidnapper, die offenbar Verpflegung und Benzin auftreiben sollten. In einem Feuergefecht wurden nach offiziellen ägyptischen und sudanesischen Angaben sechs Entführer getötet und zwei gefangen genommen. Die geschnappten Gangster gaben den Behörden den Hinweis, dass sich der Rest der Gruppe an der Grenze zum Tschad verborgen halte, etwa 300 Kilometer vom Gilf al Kebir entfernt. Am Sonntagabend schliesslich liessen die Entführer ihre Opfer frei, nachdem sie ihnen ihr Hab und Gut genommen hatten. Die ägyptischen Behörden bestritten, dass Lösegeld geflossen sei. (dapd)

Geiseln zurück

Die in der ägyptischen Wüste entführten Touristen aus Deutschland, Italien und Rumänien sind am Dienstag nach Hause zurückgekehrt. Flüge aus Kairo brachten sie nach zehntägiger Geiselhaft nach Turin und Berlin.

Zuerst landeten die drei Männer und zwei Frauen aus Italien um 1.45 Uhr in Turin, wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Die mit ihnen am 19. September verschleppten fünf Deutschen und die rumänische Touristin landeten am Morgen an Bord einer Lufthansa-Sondermaschine in Berlin.

Die europäischen Touristen und ihre acht ägyptischen Begleiter waren am 19. September auf einer Expedition entführt worden. Die sudanesischen Kidnapper hatten sie nach Angaben aus Khartum erst in den Sudan, dann nach Libyen und in den Tschad verschleppt.

Am Montag kamen sie im sudanesisch-ägyptischen Grenzgebiet frei und wurden nach Kairo geflogen. Über die Umstände der Freilassung gibt es widersprüchliche Darstellungen. Nach ägyptischen Angaben gab es eine Kommandoaktion, bei der die Hälfte der Entführer getötet wurde.

Nach sudanesischen Angaben und deutschen Medienberichten hatten die Entführer ihre Geiseln in der Wüste laufenlassen, als sie Anzeichen für eine gewaltsame Befreiung bemerkt hätten. Lösegeld sei nicht gezahlt worden.

Deine Meinung