Sicherheitsexperte: «Wir dürfen uns an den Terror nicht gewöhnen»
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Sicherheitsexperte«Wir dürfen uns an den Terror nicht gewöhnen»

Der Genfer Sicherheitsexperte Alexandre Vautravers erklärt, warum gerade das Konzert von Ariana Grande zum Ziel der Attacke wurde.

von
daw
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Hashem Abedi besorgte seinem Bruder und Attentäter Salaman Abedi den Sprengstoff: Eine Frau zündet eine Kerze für die Opfer des Attentats in Manchester an. (23. Mai 2017)

Hashem Abedi besorgte seinem Bruder und Attentäter Salaman Abedi den Sprengstoff: Eine Frau zündet eine Kerze für die Opfer des Attentats in Manchester an. (23. Mai 2017)

Keystone/EPA/ANDY RAIN
Von einer Überwachungskamera aufgenommen: Salman Abedi am Tag des Anschlags in Manchester. (22. Mai 2017)

Von einer Überwachungskamera aufgenommen: Salman Abedi am Tag des Anschlags in Manchester. (22. Mai 2017)

AFP/Greater Manchester Police
Über seine Bewegungen versuchen Experten zu analysieren, ob Abedi Bauteile für die Bombe auf sich trug.

Über seine Bewegungen versuchen Experten zu analysieren, ob Abedi Bauteile für die Bombe auf sich trug.

AFP/Greater Manchester Police

Herr Vautravers, der Anschlag in Manchester war auch ein Anschlag auf die Jugend. Warum galt die Attacke einem Konzert?

Es war ein Anschlag gegen die westliche, angelsächsische Kultur, die Musik, die Lebensfreude, die Konsumgesellschaft, überhaupt die Jugendkultur, für die Ariana Grande ein Symbol ist. Dass islamistische Terroristen solche Ziele wählen, ist nicht neu: Auch im Bataclan in Paris wurde ein Konzert einer amerikanischen Band zum Ziel. In islamistischen Ländern, wo ein rigoroser Islam praktiziert wird, gibt es keine Musik, keine Konzerte und Sie werden verhaftet, wenn Sie das Autoradio einschalten.

Ariana Grande steht für den Typus einer starken, westlichen Frau. Ihre Tournee heisst «Dangerous Woman». War sie auch darum das ideale Ziel für die Islamisten?

Das scheint mir so offensichtlich, dass ich auf diese Frage eigentlich gar nicht eingehen möchte. Wenn in einem islamischen Land keine Musik aus dem Autoradio erklingen darf, brauchen wir über die Stellung der Frau gar nicht erst zu diskutieren. Die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft ist eine Begleiterscheinung unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung, die der IS bekämpft.

In den Medien kursieren Bilder der sehr jungen Opfer. Macht das die Wut auf die Terroristen noch grösser?

Ich weigere mich, den Horror zu hierarchisieren. Klar ist, dass der Islamische Staat – wie andere Terrororganisationen – versucht, uns zu verängstigen. Er greift symbolische Ziele an, die unsere Werte und Identität verkörpern. Mit dem Anschlag schafft es der Islamische Staat zudem, den Wahlkampf fürs britische Unterhaus in Beschlag zu nehmen: Die Themen sind nun die Sicherheit und die Multikulturalität. Das wird die Labour-Partei und ihren Leader Jeremy Corbyn, der zaudert, zu diesen Fragen Stellung zu beziehen, schwächen und die aktuelle konservative Regierung stärken.

Wie sollten wir auf eine solche Bedrohung reagieren? Sollten Eltern es ihren Kindern weiterhin erlauben, an Konzerte zu gehen?

Ja. Wir dürfen uns unseren Lebensstil nicht von einer extremistischen Minderheit diktieren lassen. Ausserdem ist Grossbritannien eines der Länder, das am meisten Sicherheitsmassnahmen ergriffen hat: Seit 1998 gab es alle zwei Jahre ein neues Anti-Terror- oder Nachrichtendienstgesetz. Verglichen mit dem Königreich sind wir in der Schweiz Anfänger bei der Telefonüberwachung oder bei der Videoüberwachung. Auch wenn es ein schwacher Trost ist: Es konnte unter anderem dank Sicherheitsmassnahmen verhindert werden, dass der Attentäter seinen Sprengstoffgürtel inmitten der Konzerthalle gezündet hat. Kontrollen sind also nicht nutzlos.

Was machen solche Anschläge mit uns? Schweisst die Bedrohung eine Gesellschaft zusammen, weil sie uns solidarischer macht, oder denken wir in erster Linie an die persönliche Sicherheit und an jene unserer Nächsten?

Der Terror hat Europa zweifellos verändert. Auf der persönlichen Ebene betraf vor zehn Jahren die Sorge der Bevölkerung vor allem die Arbeitslosigkeit. Inzwischen sind Sicherheitsfragen viel wichtiger geworden. Lange wurden die weltweiten Konflikte ausgeblendet und die Welt idealisiert. Nun sind auch Kriege wieder ein Thema. 2017 zählt man weltweit 47 bewaffnete Konflikte – zweimal mehr als in den 90er-Jahren. Der Krieg ist für ein Viertel der Weltbevölkerung eine harte Realität geworden – und indirekt auch für uns.

Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, London – die Terrorserie in Europa reisst nicht ab. Kann man sich an Terror gewöhnen, beziehungsweise stumpft man irgendwann ab?

Nein, man kann sich nicht daran gewöhnen, und man darf es auch nicht. Wir dürfen inakzeptable Dinge nicht akzeptieren. Man darf weinen, trauern, aber dann auch handeln und die richtigen Massnahmen ergreifen, die im Kampf gegen den Terrorismus nötig sind.

Welche?

Wir müssen die Werkzeuge an den Kampf gegen den Terror anpassen – etwa durch neue Anti-Terror-Gesetze. Gleichzeitig müssen wir die Ursachen bekämpfen und viele Bereiche hinterfragen, die alle Glieder der «Sicherheitskette» sind: von der Informationsfreiheit, über die Nachrichtendienste und die Haft bis zur Zuwanderung.

Was erreicht der IS mit seinen Anschlägen, ausser dass sinnlos unschuldige Zivilisten getötet werden?

Der IS erreicht ein provisorisches Ziel: Er bleibt im Gespräch. Damit erreicht er aber nicht, dass er im Mittleren Osten weiter fortbestehen kann. Durch das Töten erreicht er auch nicht, dass der Islam in der westlichen Gesellschaft gestärkt wird. Man kann nicht von einem Sieg sprechen – im Gegenteil.

Alexandre Vautravers ist Sicherheitsexperte. Er lehrt am Global Studies Institute der Universität Genf.

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