Terror in Paris : «Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen»
Aktualisiert

Terror in Paris «Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen»

Die Anschläge von Paris sind Anschläge auf unsere Gesellschaft. Ein Islamismus-Experte erklärt, woher der Hass der Täter rührt und wie wir diesem entgegentreten sollen.

von
C. Freigang
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Die Zeugin namens «Sonia» verriet das Versteck der Attentäter. Nachfolgend: Die Bilder zum Terror von Paris.

Die Zeugin namens «Sonia» verriet das Versteck der Attentäter. Nachfolgend: Die Bilder zum Terror von Paris.

Reuters
Der Terrorist benutzte einen vom IS erbeuteten Pass: Mohammad al-Mahmod (25. November 2015)

Der Terrorist benutzte einen vom IS erbeuteten Pass: Mohammad al-Mahmod (25. November 2015)

kein Anbieter/Andrej Isakovic
Ein Renault Clio ist in Paris sichergestellt worden. Er könnte mit den Anschlägen zusammenhängen.

Ein Renault Clio ist in Paris sichergestellt worden. Er könnte mit den Anschlägen zusammenhängen.

kein Anbieter/Twitter / Dixhuitinfo

Die Terrorserie vom 13. November in Paris trifft Europa ins Mark. Mindestens 132 Menschen sterben bei den Angriffen, zu denen sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannt hat. Die Extremisten greifen das Fundament der Europäer an. Doch wieso überhaupt? 20 Minuten sprach mit dem Islamismus-Experten Ahmad Mansour.

Herr Mansour, wieso hasst der IS uns so sehr?

Hass ist das richtige Wort. Die Attentäter von Paris hegen einen Hass gegen unsere Art zu leben: die Demokratie, die Menschenrechte, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit, Vielfalt, Popkultur, die Art und Weise, wie wir mit Sexualität umgehen. Den Extremisten geht es darum, Ängste zu schüren und unseren Lebensstil zu destabilisieren.

Zu welchem Zweck?

Die Attentäter sind Produkte unserer Gesellschaft. Sie sind hier aufgewachsen, lehnen unsere Gesellschaftsordnung aber ab. Sie streben einen islamischen Staat als Weltordnung an. Zunächst glauben sie daran, dass sie Europa erobern werden. Das passiert aber nicht von heute auf morgen, sondern über Schritte: Terror ist der erste Schritt, um die bestehende demokratische Ordnung abzuschaffen.

Sie nennen die Täter ein europäisches Produkt: Wie konnte es dazu kommen?

Das liegt an einem Generationsproblem: Es sind Menschen, die zu unserer Gesellschaft gehören, die wir aber nicht für unsere Werte gewinnen konnten. Dazu tragen zum einen Diskriminierung und Rassismus in der Gesellschaft bei, zum anderen aber auch psychologische Faktoren: fehlende Vater-Figuren, Bindungsprobleme, persönliche Krisen, Gewaltaffinität. Diese Mankos werden oft in extremen Ideologien aufgefangen. Auch ein freiheitsfeindliches Islam-Verständnis und Missionierungsarbeit der Islamisten verschärfen das Problem.

Was bedeuten die Angriffe für uns: Kann ich jetzt noch, ohne Angst zu haben, ein Fussballspiel, ein Konzert oder eine Bar besuchen?

Wir müssen weiterleben, als gäbe es keinen Terror. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, denn genau das wollen die Terroristen erreichen. Wir befinden uns im Kampf um unseren Lebensstil. Fangen wir an, diesen zu ändern, haben die Extremisten gewonnen.

Könnten Angriffe auch der Schweiz gelten?

Ja, die Schweiz ist keine Insel der Glückseligen. Extremistische Gruppierungen sind auch dort aktiv. Jugendliche, die Anschläge durchführen wollen, werden das überall machen, denn die islamistische Szene ist über Grenzen hinweg vernetzt.

Was gibt es für Lösungen?

Wir müssen nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch zivilgesellschaftlich auf diese Angriffe auf unsere Kultur reagieren. Wir müssen unsere Jugend retten, sie für Werte wie Freiheit und Demokratie begeistern, ihnen Vorbilder bieten, das Schulsystem reformieren. Wenn wir tatenlos zuschauen, wie sich einige von unserer Gesellschaft distanzieren und sich den Islamisten anschliessen, haben wir verloren. Es muss viel investiert werden, denn die Rettung unserer Jugend wird viel teurer als die Rettung der Banken. Das ist eine Jahrhundertaufgabe. Zudem brauchen wir eine mutige und ehrliche innerislamische Debatte, die ein Islam-Verständnis schafft, das ohne Wenn und Aber hinter den Grundgesetzen steht. Man darf sich aber keine Illusion machen: Wir befinden uns im Krieg. Die Existenz des IS wird weitere Anschläge mit sich bringen.

Ahmad Mansour ist ein palästinensisch-israelischer Psychologe und Islamismus-Experte. Seit 2004 lebt er in Deutschland und beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen, die Extremismus bekämpfen und Demokratie und Toleranz fördern. Er ist Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel, Gruppenleiter beim Heroes-Projekt in Berlin und Familienberater bei Hayat, einer Beratungsstelle für Deradikalisierung.

Kürzlich ist sein Buch «Generation Allah: Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen» im S. Fischer Verlag herausgekommen (Bild: Heike Steinweg)

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