Aktualisiert 25.08.2015 07:29

Betroffener im Interview«Wir Exhibitionisten suchen Anerkennung»

Was treibt Männer dazu, sich vor Fremden zu entblössen? Exhibitionist Alfred Esser spricht über seine Neigung – und enthüllt, dass der Mantel ein falsches Klischee ist.

von
M. Lüssi
Exhibitionisten geraten wegen ihrer Neigung immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt.

Exhibitionisten geraten wegen ihrer Neigung immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt.

Herr Esser, Sie sind Exhibitionist und leiten in Deutschland eine Selbsthilfegruppe für Betroffene. Was sind das für Menschen?

Exhibitionisten gibt es in allen Schichten und Berufen. Ich habe sogar einmal einen Staatsanwalt kennengelernt, der diese Neigung hat. Ich zum Beispiel führe ein bürgerliches Leben und eine glückliche Ehe. Dass es sich bei Exhibitionisten um gehemmte, verklemmte Menschen handelt, ist ein Klischee, das genauso wenig zutrifft wie die Vorstellung, dass alle Exhibitionisten mit einem Mantel unterwegs sind.

Sie tragen keinen Mantel, wenn Sie sich entblössen?

Nein, gerade im Sommer wäre das ja unpraktisch und sehr auffällig. Von hundert Exhibitionisten trägt vielleicht einer einen Mantel. Beliebt ist Kleidung, die man schnell runter- und schnell wieder raufgezogen hat, also lockere Hosen etwa oder Joggingkleidung.

Wo geht man als Exhibitionist hin, wenn man sich zeigen will?

Bahnhöfe, Kaufhäuser, ins Freie – ich habe immer darauf geachtet, dass ich gute Fluchtwege habe. Dass es also beispielsweise eine Gasse gibt, in der ich schnell verschwinden kann. Zudem wechselte ich oft die Stadt, damit die Polizei sich nicht zu sehr auf mich fixieren konnte.

Entblössen Sie sich vor jeder Person, die vorbeikommt, oder sind Sie wählerisch?

Die meisten Exhibitionisten sind wie ich hetero, es gibt aber auch homosexuelle. Der Anteil an pädophil Veranlagten ist nicht grösser als beim Rest der Bevölkerung. Und es gibt einige wenige, die vor allem und jedem die Hose runterlassen. Ich habe mich immer nur Frauen gezeigt, und zwar nur solchen, die mir gefallen haben, die ich erotisch fand.

Wie oft sind Sie als Exhibitionist unterwegs?

Mit dem Alter hat das bei mir nachgelassen. Heute ist das Exhibieren für mich nur noch ein Wunsch, nicht mehr ein Zwang wie früher, als ich jung war. Damals bin ich mehrmals pro Woche losgezogen und habe Streifzüge unternommen, bei denen ich mich hintereinander vielleicht 20 Frauen gezeigt habe – ich habe dann so lange weitergemacht, bis eine die Reaktion zeigte, die ich mir wünschte.

Welche Reaktion ist das?

Das grösste Missverständnis im Zusammenhang mit Exhibitionismus ist, dass es uns darum gehe, die Personen zu erschrecken, denen wir uns zeigen. Diese Reaktion suche weder ich noch die rund 400 Betroffenen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die ich durch meine Selbsthilfegruppe kennengelernt habe. Uns Exhibitionisten geht es um Anerkennung: Was ich mir wünsche, ist ein interessierter, neugieriger Blick auf mein Genital. Das bereitet mir ein Hochgefühl, es ist wie ein Rausch.

Kommt es vor, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht?

Meine Erfahrung ist, dass vielleicht eine von zehn Frauen eine aus meiner Sicht positive Reaktion zeigt. Man darf das wohl fast nicht sagen, aber für gewisse Frauen ist der Anblick eines Exhibitionisten ein prickelndes Erlebnis. Die häufigste Reaktion aber ist gar keine: Die Frau ignoriert es, sieht weg, geht weiter. Am schlimmsten war für mich immer, wenn die Frau panische Angst bekam. Das war mir immer sehr unangenehm. Es kann aber auch heftige Reaktionen geben: Eine Frau hat mich einmal mit ihrem Regenschirm verprügelt.

Verletzt es Sie, wenn die Frau Sie auslacht?

Nein. Das ist weniger schlimm, als wenn sie erschrickt.

Kam es manchmal auch zu Dialogen mit Ihren Opfern?

Ja, das gab es. Wenn eine Frau nicht wegblickte, bis ich zum Orgasmus gekommen war, sagte ich: «Danke fürs Zusehen.» Eine antwortete mir: «Gern geschehen.»

Wenn man Ihnen zuhört, hat man den Eindruck, Exhibitionismus sei aus Ihrer Sicht völlig in Ordnung.

Nein, das würde ich so nie sagen. Moralisch ist es verwerflich, was wir Exhibitionisten tun. Und sich vor Kindern zu entblössen, ist absolut inakzeptabel. Ich bin auch nicht dafür, dass man Exhibitionismus vor Erwachsenen legalisiert. Man sollte es aber nur als Ordnungswidrigkeit ahnden, eine Busse ausstellen, und fertig.

Die Strafen sind zu hart?

Eindeutig. Ich stand schon etwa 20-mal vor Gericht. Für Geldstrafen und Anwaltskosten habe ich insgesamt etwa 70'000 Euro ausgegeben, und nur dank einem guten Verteidiger bin ich dem Gefängnis entgangen. Man wirft uns Exhibitionisten in einen Topf mit Vergewaltigern und anderen Sexualverbrechern. Dabei kommt es praktisch nie vor, dass Exhibitionisten Gewalt anwenden, sie sind ungefährlich. Das belegen auch wissenschaftliche Studien. Dennoch werden wir kriminalisiert und geächtet, viele Exhibitionisten verlieren ihre Existenz. Die Gesellschaft müsste lernen, anders mit uns umzugehen.

Wie?

Lockerer, ohne gleich in Alarmstimmung zu verfallen. Bei Frauen gelingt dies ja auch: Es gibt auch Exhibitionistinnen, doch die werden kaum je angezeigt und können ihre Neigung viel leichter ausleben als wir Männer. Wird eine Frau zum Opfer eines Exhibitionisten, wird sie dagegen von der Polizei geradezu zur Anzeige gedrängt. Das Problem ist: Exhibitionismus ist nicht heilbar, genauso wenig wie etwa Homosexualität. Schwule wagen es auch erst seit wenigen Jahrzehnten, sich zu outen. Wir Exhibitionisten sind noch nicht so weit.

Auch Sie outen sich nur unter einem Pseudonym, Ihren wirklichen Namen halten Sie geheim. Wer weiss alles von Ihrer Neigung?

Nur meine Frau. Meine Kinder haben keine Ahnung.

Wie lebt Ihre Frau damit, mit einem Exhibitionisten verheiratet zu sein?

Sie ist natürlich nicht begeistert. Doch sie sagt, es gebe Schlimmeres. Und das stimmt ja auch.

Sie sagen, Exhibitionismus sei unheilbar. Gleichzeitig sind Sie gegen eine Legalisierung. Wie kann ein Exhibitionist seine Neigung ausleben, ohne sich strafbar zu machen?

Es gibt Wege für Betroffene, ihre «Zeigelust» auf legale Weise auszuleben. Beispielsweise, in dem sie Personen finden, die sich gegen Bezahlung derartige Zurschaustellungen ansehen. Auch lassen sich eventuell Menschen kennen lernen, die entsprechend veranlagt sind und keine Probleme damit haben. Für einige Betroffene ist das Internet ideal, um solche Kontakte zu knüpfen.

Hat das den gleichen Reiz, wie wenn man sich vor Passantinnen entblösst?

Für die einen sind diese legalen Methoden ein tatsächlicher Ersatz. Bei anderen ist es zumindest eine Möglichkeit – doch der Drang, sich vor Fremden zu zeigen, bleibt meist bestehen.

Sind Sie ein Mann oder eine Frau mit exhibitionistischen Neigungen? Wie gehen Sie damit um? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte per Mail an feedback@20minuten.ch.

20-mal verurteilt und Leiter einer Selbsthilfegruppe

Besonders in der warmen Jahreszeit häufen sich Polizeimeldungen über Exhibitionisten – Anfang August wurde der Fall eines Exhibitionisten bekannt, der mit seinem E-Bike in den Kantonen Zürich und Aargau unterwegs war und sich vor Fremden entblösste – darunter auch vor Kindern. Ein weiterer Exhibitionist wurde kürzlich in der Stadt Zürich verhaftet. Ein deutscher Rentner, der unter dem Namen Alfred Esser auftritt, bekennt sich zu seiner Neigung. Er hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten vor tausenden Passantinnen entblösst und wurde rund 20-mal verurteilt. In Dortmund führt er eine Selbsthilfegruppe, die vom örtlichen Gesundheitsamt unterstützt wird.

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