Grenzwächter: «Wir greifen im Tessin mehr Schlepper auf»
Publiziert

Grenzwächter«Wir greifen im Tessin mehr Schlepper auf»

Laut Patrick Benz, Chef Migration des Grenzwachtkorps, wird die grüne Grenze beliebter – auch bei Schleppern. Viele Flüchtlinge wollen nach Deutschland.

von
Nikolai Thelitz

Patrick Benz, Chef Fachbereich Migration beim Grenzwachtkorps, im Interview. (Video: Nikolai Thelitz)

Es ist ein sonniger Tag in Chiasso, und das Aufnahmezentrum des Schweizer Grenzwachtkorps am Bahnhof ist praktisch leer. Nur ein angolanisches Paar wird wegen eines in der Schweiz ausgeschriebenen Delikts befragt. Die Grenzwächter kontrollieren jeden ankommenden Zug, doch kein einziger illegaler Migrant findet sich darin.

Die Mitarbeiter haben Kapazität, sich um allfällige Schmuggelware zu kümmern oder um den Reisenden Fahrplanauskünfte zu geben. Auch Patrick Benz, Chef Fachbereich Migration des Grenzwachtkorps, findet Zeit, um mit 20 Minuten über seine Arbeit und die aktuelle Lage an der Grenze zu reden.

Herr Benz, Sie haben heute Nachmittag keinen einzigen Flüchtling aufgegriffen. Ist das normal?

Der Tag ist noch nicht fertig, aber momentan ist es sehr ruhig. Es ist aber jederzeit möglich, dass auch grössere Gruppen im Zug ankommen. Normalerweise greifen wir zwischen 40 und 70 Personen am Tag auf. Übers ganze Jahr gesehen werden sich die Zahlen etwa im Bereich des letzten Jahres bewegen. Der Sommer-Ansturm ist jedoch weit schwächer. In dieser Jahreszeit sind die Zahlen mehr als 50 Prozent tiefer als 2016.

1 / 12
Die Grenzwächter am Bahnhof Chiasso machen sich bereit für eine Zugskontrolle.

Die Grenzwächter am Bahnhof Chiasso machen sich bereit für eine Zugskontrolle.

20 Minuten
Eine Taktik dabei: Zwei Grenzwächter gehen vorne in den Zug, zwei hinten.

Eine Taktik dabei: Zwei Grenzwächter gehen vorne in den Zug, zwei hinten.

20 Minuten
Ein Grenzwächter kontolliert einen jungen Mann – seine Papiere sind in Ordnung.

Ein Grenzwächter kontolliert einen jungen Mann – seine Papiere sind in Ordnung.

20 Minuten

Als Flüchtling kann man den Zug nehmen, aber auch über die grüne Grenze. Wie sieht die Lage hier im Tessin aus?

Im Moment kommen 75 bis 80 Prozent der Leute über den Bahnverkehr, diese Leute halten wir im Bahnhof Chiasso an. Ein kleinerer Teil, etwa 20 bis 25 Prozent, kommt über offene und geschlossene Grenzübergänge mit Auto oder Reisebus oder über die grüne Grenze.

Hat die Anzahl der Leute zugenommen, die über die grüne Grenze kommen?

In der Tat haben wir in den letzten Tagen und Wochen eine Zunahme festgestellt. Letztes Jahr kamen etwa 90 Prozent mit der Bahn und nur 10 Prozent über die grüne Grenze oder die Strassenübergänge. Die Flüchtlinge reagieren damit teilweise auf unsere Kontrollen. Wenn wir die Züge häufiger durchsuchen, dann weichen die Flüchtlinge auf die anderen Wege aus. Es ist beinahe wie ein Katz-und-Maus-Spiel.

Wie kontrollieren Sie die grüne Grenze?

Wir haben Mitarbeiter mit Fahrzeugen auf dem Gelände im Grenzgebiet. Diese kennen sich in der Region der grünen Grenze bestens aus und wissen, welche Routen die Migranten einschlagen. Sie erhalten dabei bei Bedarf Luftunterstützung von der Armee, etwa mit Drohnen oder einem Helikopter, der mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist. Entscheidend ist aber, dass wir Leute am Boden haben, die die illegalen Einreisen dann auch stoppen können.

Wer kommt denn über die grüne Grenze?

Vielfach kommen Leute in kleinen Gruppen in den Abend- oder Nachtstunden. Vor allem junge Männer. Unsere Mitarbeiter haben zudem festgestellt: Die Schleppertätigkeit in der Tessiner Grenzzone hat zugenommen. Etwa seit einem halben Jahr greifen wir mehr Schlepper auf. Um diese Kriminellen, die von der Situation der Flüchtlinge profitieren, zu schnappen, setzen wir dort nun einen Schwerpunkt und entsenden mehr Mitarbeiter auf mobile Kontrollen.

Was sind das für Leute, diese Schlepper, und was passiert mit ihnen?

Es handelt sich hierbei einerseits um organisierte Gruppierungen und andererseits um «Gelegenheitschlepper», welche sich mit dieser kriminellen Tätigkeit finanziell bereichern. Mutmassliche Schlepper werden zuständigkeitshalber der Polizei übergeben.

Es gibt weniger Asylgesuche – liegt das daran, dass mehr Transitflüchtlinge kommen?

Es ist so, dass die befragten Leute oftmals ein anderes Zielland in Europa angeben, vor allem im Norden Europas. Etwa 80 bis 85 Prozent der Leute wollen nach Norden, vor allem Deutschland, weiterreisen oder geben an, hier arbeiten zu wollen. Das sind keine Asylgründe. Haben sie die nötigen Reisedokumente nicht dabei, werden sie, gestützt auf das Rückübernahmeabkommen, wieder den italienischen Behörden übergeben. Nur wer Asyl beantragt, bleibt in der Schweiz, und wird dem Empfangs- und Verfahrenszentrum des Staatssekretariates für Migration (SEM) übergeben.

Wie reagieren die Flüchtlinge auf die Kontrollen im Zug?

Sehr unterschiedlich. Es gibt Leute, die auf uns zukommen und sich bemerkbar machen. Sie wollen meist ein Asylgesuch stellen. Es gibt aber auch Leute, die sich verstecken, etwa unter den Bänken oder auf der Toilette. Andere Leute mischen sich unter die normalen Reisenden. Es gab auch zwei Fälle von Migranten auf dem Zugdach, einer von ihnen ist tragischerweise durch einen Stromschlag gestorben. Die andere Person wurde schwer verletzt, ebenfalls durch einen Stromschlag.

Was passiert mit den aufgegriffenen Personen?

Die Personen werden kontrolliert und in das Zentrum geführt, die Fingerabdrücke werden abgenommen und sie erhalten Informationen über das bevorstehende Verfahren. Dann folgt eine Gepäck- und Personenkontrolle und eine Befragung durch speziell geschultes Personal, die den Zweck der Einreise klärt. Dann übergeben wir sie je nach Absicht anderen Behörden: Wenn die Person Asyl ersucht, bringen wir sie zum SEM. Wenn sie kein Asylantrag stellen, werden Sie unter Aufsicht direkt den italienischen Behörden in Como übergeben oder in eine Zwischenunterkunft in Rancate gebracht. Sie werden dann am nächsten Tag den Italienern übergeben.

Deine Meinung