Aktualisiert 06.04.2020 20:37

Wegen Corona-Toten

«Wir haben 400 Särge bestellt»

Mit jedem Tag steigt die Zahl der Corona-Toten. Der jüngste Bestatter der Schweiz erzählt im Interview, weshalb er 400 Särge bestellt hat und wie er mit infizierten Leichnamen umgeht.

von
Joel Probst
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Normalerweise hat Bestatter Kevin Huguenin (21) um die 40 Särge an Lager. Wegen der Corona-Krise hat er jetzt aber 400 Särge bestellt.

Normalerweise hat Bestatter Kevin Huguenin (21) um die 40 Särge an Lager. Wegen der Corona-Krise hat er jetzt aber 400 Särge bestellt.

Keystone/Jean-christophe Bott
«Auch eine hohe Zahl an Todesfällen wäre kein Problem», sagt der Jungunternehmer.

«Auch eine hohe Zahl an Todesfällen wäre kein Problem», sagt der Jungunternehmer.

Bei der Arbeit mit Corona-Toten ist höchste Vorsicht geboten. (Symbolfoto)

Bei der Arbeit mit Corona-Toten ist höchste Vorsicht geboten. (Symbolfoto)

Keystone/Jean-christophe Bott

Kevin Huguenin, Sie sind mit 21 Jahren der jüngste Bestatter der Schweiz. Wie viele Opfer des Coronavirus mussten Sie bislang bestatten?

Wir hatten bereits acht Fälle. Bei sechs Verstorbenen bestand der Verdacht auf Coronavirus, zwei waren positiv getestet worden.

Erwarten Sie einen Ansturm?

Ich hoffe nicht. Es hängt wohl davon ab, wie gut sich die Leute an die Selbstisolation halten. Wir sind gut vorbereitet und könnten einen grossen Ansturm bewältigen. Auch eine hohe Zahl an Todesfällen wäre kein Problem.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Wir haben bei unseren Lieferanten 400 Särge bestellt. Das ist sehr aussergewöhnlich, normalerweise haben wir nur ungefähr 40 Särge an Lager. Damit sind wir wirklich vorbereitet, zum Glück haben wir einen grossen Stützpunkt. Zudem mussten wir viel Schutzmaterial beschaffen. Was Atemmasken anging, hatten wir zeitweise einen grossen Engpass. Im Moment haben wir wieder genug, aber wenn es morgen in der Schweiz 2000 Todesfälle gibt, haben wir bald keine mehr.

Besorgt der Bund für Bestatter nicht wie auch für Spitäler Masken?

Wir bekamen eine hilfreiche Wegleitung vom Kantonsarztamt, wie wir uns schützen müssen. Schutzmaterial gab es aber keines. Solange es keine Probleme gibt, will man vielleicht lieber nicht an die Bestatter denken. Uns ist es gelungen, Masken zu kaufen, andere Bestatter haben aber Probleme. Wir halfen auch schon mit Masken aus.

Was passiert, wenn die Bestatter mit den Toten nicht mehr nachkommen sollten?

Das ist im Moment kein Risiko. Es gibt für diesen Fall aber in jeder grösseren Stadt sogenannte Pandemiefelder. Denn die Krematorien haben nur eine beschränkte Kapazität. Sind sie am Limit, würde man dort ein Massengrab machen. Dann würden Verstorbene ohne Sarg und nur in einer Bergungshülle bestattet werden. Dass es dazu kommt, braucht es aber wirklich viel.

Wie läuft die Bestattung eines Corona-Toten genau ab?

Der Ablauf ist der gleiche wie bei anderen Verstorben mit einer Virusinfektion: Den positiv auf Corona getesteten Verstorbenen holten wir auf seinem Zimmer im Altersheim ab. Das Altersheim betraten wir zu dritt statt wie sonst nur zu zweit und mit voller Schutzausrüstung, also in Schutzanzügen, mit Schutzbrillen, Handschuhen und Atemmasken. Im Zimmer haben wir die verstorbene Person in eine Bergungshülle gelegt, den Leichensack, den man aus Filmen kennt. Dann betteten wir ihn in den Sarg um. Für den Zweifelsfall haben wir auch eine Art Mundschutztuch für den Verstorbenen dabei. Denn wenn man ihn bewegt, kann er noch Restluft – und damit auch Viren – ausstossen. Den Sarg verschlossen wir mit Sargschrauben und hefteten eine Weisung an den Sarg, dass dieser nicht geöffnet werden darf.

Haben Sie keine Angst, sich selber anzustecken?

Nein, da habe ich keine Bedenken. Wir müssen sehr achtgeben auf die Hygienevorschriften, dann muss man keine Infektion fürchten. Der Verstorbene atmet und hustet zwar nicht mehr, aber der Körper ist infektiös. Wichtig ist deshalb, direkten Kontakt zu verhindern. Wenn man den Körper berührt und sich dann ins Gesicht fasst, könnte man sich anstecken. Die Arbeit mit infektiösen Verstorbenen ist viel aufwändiger.

Werden Corona-Tote überhaupt noch aufgebahrt?

Ja, das machen wir auf Wunsch immer noch, aber nur unter höchsten Schutzmassnahmen. Die Verstorbenen werden jetzt einfach in Aufbahrungsräumen aufgebahrt, die mit einem Fenster verschlossen sind. Auch den Leichnam schön anzuziehen, ist nach wie vor möglich. Wir wollen niemanden im Spitalhemd beerdigen. Es braucht einfach alles mehr Zeit.

Muss man Corona-Tote kremieren?

Nein, der Bestattungswunsch ist auch jetzt frei. Ein Ansteckungsrisiko besteht nicht, weil der Sarg auch noch umschliesst. Von den sieben Fällen, die wir hatten, wurde bis jetzt immer die Kremation gewünscht. Das hatte aber nichts mit Corona zu tun.

Wie sehen Bestattungen in der Corona-Krise aus?

Nur die Familienmitglieder und der engste Freundeskreis darf dabei sein. Die Personenanzahl ist zwar nicht begrenzt, aber man darf nicht das halbe Dorf einladen. Zudem müssen die zwei Meter Sicherheitsabstand eingehalten werden Aber wir versuchen immer eine Lösung zu finden. Einmal haben wir sogar die Beerdigung live gestreamt.

Trost schenken trotz Social Distancing, wie geht das?

Mit Worten. Die Trauer sollte gleich bewältigt werden können wie vorher. Man merkt zwar, dass das Verhalten der Leute anders ist, dass man auf Abstand ist. Die Leute halten sich so gut wie möglich an die Regeln. Wenn sie im gleichen Haushalt leben, können sie sich trotzdem genauso umarmen. Alle anderen weisen wir auf die Hygieneregeln hin, wir greifen aber nicht ein, wenn sich jemand umarmt.

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