Erdbeben Japan: «Wir haben fast nichts zu essen»
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Erdbeben Japan«Wir haben fast nichts zu essen»

Wellen, die bis in den vierten Stock reichten, donnerten über Minamisanriku hinweg. 10 000 Menschen werden vermisst. Nahrung wird knapp. Die Lage spitzt sich zu.

von
ann

Kaum ein Gebäude steht noch in Minamisanriku in der Präfektur Miyagi. Überall türmen sich Schlammhaufen voller geborstener Hausteile. Häuser stehen kaum mehr. Sogar das dreistöckige Stadthaus, das Feuerwehr-, das Polizei- und das Katastrophenschutz-Gebäude sind wie vom Erdboden verschluckt. «Ein Grossteil der Stadt wurde zerstört», sagt Takehisa Iwabuchi, ein 37-jähriger Stadthaus-Angestellter gegenüber der japanischen Zeitung «Asahi Shimbun».

Nach den ersten Erdstössen wurden Patienten hochgetragen

Mit welcher Höhe und Wucht die Flut über das Städtchen hereinbrach lassen die Berichte aus dem Spital Shizugawa erahnen. Im Krankenhaus überlebten nur gerade 30 der 110 Patienten die grosse Flut. Dabei wurde gemäss einer Angestellten sofort nach den ersten Erdstössen gehandelt. Die Mitarbeiter trugen die Patienten auf dem Rücken hinauf in den dritten Stock.

Etwa eine halbe Stunde später traf eine riesige Welle das Gebäude. Das Wasser drang in den dritten und vierten Stock und riss die meisten Patienten mit. Die Menschen hätten versucht, in den fünften Stock und aufs Dach zu fliehen – meist vergeblich. Von neun Kranken weiss man sicher, dass sie tot sind. 70 Patienten wurden vom Wasser weggespült.

Das Dach des Katastrophenschutzgebäudes bot keine Sicherheit

Vom Dach des Spitals konnte ein 35-jähriger Krankenpfleger beobachten, wie zahlreiche Stadthausangestellte aufs Dach des dreistöckigen Katastrophenschutzgebäudes flohen. «Aber die Wellen schlugen über das Haus hinweg.»

Ähnliches erzählt eine 75-jährige Frau, die in einem Gebäude neben dem Stadthaus an einem Anlass war. Sie sei im 3. Stock gewesen, als jemand schrie: «Hier kommt ein Tsunami.» Dann hätten dunkle Wellen voller Bäume und Hausteile die Fenster bersten lassen. Sie habe sich zusammen mit anderen in den fünften Stock retten können und dort die Nacht verbracht. «Ich glaube die meisten haben es in die höheren Stockwerke geschafft», meint die 75-jährige.

Spitäler können Patienten nicht mehr versorgen

In den Rettungszentren in Minamisanriku haben 9000 Personen Zuflucht gefunden und schlafen seither in der Primarschule und einem Sportzentrum. «Viele Notunterkünfte sind isoliert und haben keinen Zugang zu Informationen», sagt der Stadtangestellte Takehisa Iwabuchi. «Die Nahrungsmittelsituation ist sehr Ernst, wir haben fast nichts mehr zu essen», fügt er an.

Im Allgemeinkrankenhaus Senen in Takajo, einer Kleinstadt in der Präfektur Sendai geht praktisch nichts mehr. «Wir können nur noch das Allernotwendigste tun», sagt Verwaltungschef Ryoichi Hashiguchi. Vier Patienten sind bisher gestorben, alle über 90 Jahre alt und schon vor der Katastrophe schwerstkrank. Weitere 80 waren transportfähig und konnten in ein nahes Auffanglager verlegt werden.

Kein Wasser für die Toiletten

Es gibt weder Strom noch fliessend Wasser. In den ersten beiden Tagen teilten sich Belegschaft und Patienten ein paar tiefgefrorene Nudeln und Gemüse, die aus einem umgestürzten Gefrierschrank gerettet werden konnten.

Die Schwestern schneiden verdreckte Infusionspackungen auf und rubbeln schlammige Pillenpackungen mit Alkohol sauber. Der Gestank aus den Toiletten, die hunderte Menschen tagelang ohne Wasserspülung benutzt haben, ist unerträglich.

Zwei Reiskugeln pro Tag

Den Supermärkten im Ort gehe allmählich die Ware aus, berichtet der 61-jährige Osamu Hayasaka. Am Sonntag stand er zweieinhalb Stunden lang an und durfte nur wenige Sachen kaufen, eine Grapefruit etwa und eine Orange. In einem Seniorenheim am Stadtrand wurden am Sonntag zwei Reiskugeln zugeteilt, wie ein Mitarbeiter berichtet, eine morgens und eine abends.

In einem Gemeindezentrum, in dem sich hunderte Menschen drängen, gibt es auch nicht viel mehr zu essen. «Heute hatte ich ein bisschen Kuchen und eine Orange», erzählt der 15-jährige Yuto Hariyu, dessen Mittelschule am Tag vor seiner Abschlussfeier zertrümmert wurde. «Ich habe Hunger - aber am meisten vermisse ich Möbel, so wie ein Bett, und einen Fernseher», sagt sein Klassenkamerad Shio Fujimura. (ann/dapd)

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