Verbände kritisieren Entscheid: «Der Bundesrat hat es auf uns abgesehen»
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Verbände kritisieren Entscheid«Der Bundesrat hat es auf uns abgesehen»

«Sprachlos», «unfair» – dass der Bundesrat die in Aussicht gestellten Öffnungen verschoben hat, kommt bei den Branchenvertretern schlecht an.

von
Fabian Pöschl
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Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer zeigt sich empört über den Entscheid des Bundesrats, die Massnahmen noch nicht zu lockern.

Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer zeigt sich empört über den Entscheid des Bundesrats, die Massnahmen noch nicht zu lockern.

20min/Matthias Spicher
Der Bundesrat habe es auf die Restaurants abgesehen und wolle die Branche komplett zermürben, sagte Platzer.

Der Bundesrat habe es auf die Restaurants abgesehen und wolle die Branche komplett zermürben, sagte Platzer.

20min/Taddeo Cerletti
Gastrosuisse-Direktor Daniel Borner hätte zumindest einen ersten Öffnungsschritt erwartet, damit die Restaurants die Terrassen öffnen können. Nun fordert er Entschädigungen «im ausreichenden Ausmass».

Gastrosuisse-Direktor Daniel Borner hätte zumindest einen ersten Öffnungsschritt erwartet, damit die Restaurants die Terrassen öffnen können. Nun fordert er Entschädigungen «im ausreichenden Ausmass».

20min/SonjaMulitze

Darum gehts

  • Der Bundesrat hat die in Aussicht gestellten Öffnungsschritte verschoben.

  • Wann Restaurants, Fitnesscenter, Theater und Kinos wieder öffnen dürfen, ist damit weiter ungewiss.

  • Der Präsident des Fitnesscenter-Verbands zeigt sich sprachlos und völlig frustriert.

  • Auch die Reaktion von Gastrosuisse fällt heftig aus.

Der Bundesrat bläst die in Aussicht gestellten Lockerungsschritte für Restaurants ab. Obwohl die Hälfte der Kantone gar die Öffnung der Innenbereiche per 22. März forderte, bleiben auch die Terrassen der Restaurants geschlossen. Die geplanten Lockerungen für Events, Fitnesscenter und Kinos fallen ebenfalls ins Wasser.

An der Pressekonferenz am Freitag begründete der Bundesrat das Ziehen der Notbremse mit den steigenden Fallzahlen. Zudem seien noch zu wenig Menschen geimpft, um zu verhindern, dass wieder deutlich mehr Menschen ins Spital eingeliefert werden müssen. Am 14. April will der Bundesrat über das weitere Vorgehen entscheiden.

«Schock» für die Gastro-Branche

Für die Gastro-Branche ist der Entscheid ein «Schock», wie Direktor Daniel Borner zu 20 Minuten sagt. Er habe zumindest mit einem ersten Schritt gerechnet, der nun doch nicht möglich ist.

Die Auswirkungen für die Gastronomie seien abhängig von den Hilfsmassnahmen. «Die Entschädigungen müssen nun endlich in ausreichendem Ausmass fliessen», fordert Borner. Niemand könne es sich leisten, vier oder fünf Monate kein Einkommen zu haben. Für die verzweifelten Restaurant-Betreiber werde es neben der finanziellen Situation auch zu einer mentalen, gesundheitlichen Frage.

«Der Bundesrat will die Branche komplett zermürben»

Heftig fiel auch die Reaktion von Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer aus. An einer Pressekonferenz im Anschluss an den Bundesratsentscheid zeigte sich Platzer empört: «Der Bundesrat hat es auf uns abgesehen und will die Branche komplett zermürben.» Das Gastgewerbe habe gar keine Perspektive mehr. Jeder fünfte Gastro-Betrieb habe bereits dicht machen müssen, weitere 20 Prozent stünden kurz davor.

Platzer fordert eine Anpassung der Exit-Strategie. «Weshalb ist es möglich, dass sich privat zehn Personen treffen können, aber sie sich nicht im Restaurant an einem Tisch setzen können?», fragt er. Eine Antwort darauf habe Berset nicht. «Wir hofften auf eine Planungssicherheit, doch nicht einmal das attestiert Bundesrat Berset der Branche», kritisierte Platzer. Die Regierung werde damit immer unglaubwürdiger.

Auch Claude Ammann, Präsident des Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenterverbands, zeigt sich gegenüber 20 Minuten «völlig frustriert» vom Entscheid. «Ich bin sprachlos, wir haben seit 12. Dezember geschlossen, die Härtefallhilfe funktioniert überhaupt nicht und in Liechtenstein macht man auf», sagt Ammann. Er ergänzt: «Wir haben genug von der angeblichen Solidarität. Wir sollen bluten, während die Detailhändler öffnen dürfen. Das ist nicht fair», findet Ammann.

Der Bundesrat habe sich von «Horrorszenarien» beeinflussen lassen

Eine sofortige Öffnungsperspektive für die betroffenen Branchen fordert auch der Schweizerische Gewerbeverband (SGV). Das Beharren auf den Massnahmen sei im Hinblick auf die sozialen und wirtschaftlichen Kosten «leichtfertig und katastrophal», schreibt der Verband in einer Mitteilung. Eine Öffnung sei hinsichtlich des gezielten Schutzes möglich und bringe dringend benötigte Perspektiven.

Der SGV kritisiert weiter, dass sich der Bundesrat «von den durch die Taskforce vorgezeichneten Horrorszenarien» beeinflussen lasse. Stattdessen sollten auch Praxisvertreter aus Gesellschaft und Wirtschaft in der Taskforce mitdiskutieren können.

Die 5er-Regel fällt

Im Hinblick auf Ostern ermöglicht der Bundesrat ab dem 22. März Treffen im Familien- und Freundeskreis in Innenräumen mit maximal zehn anstatt wie bisher fünf Personen. Kinder werden mitgezählt. «Es ist jedoch weiterhin grosse Vorsicht geboten und es wird empfohlen, die Treffen auf wenige Haushalte zu beschränken», mahnt die Regierung. Zudem solle die Möglichkeit genutzt werden, sich vor privaten Treffen gratis testen zu lassen.

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