Aktualisiert 03.11.2009 16:06

Brief von Amnesty«Wir haben in Libyen gute Erfahrungen gemacht»

Libyen hat Post von Amnesty International bekommen: In einem Brief fordert die Organisation, dass sich Libyen bei den Schweizer Geiseln an die Menschenrechte hält. Die beiden Festgehaltenen dürfen hoffen, denn Amnesty hat guten Kontakt zu den libyschen Behörden.

von
Lukas Mäder

Die Diplomatie war bisher erfolglos. Doch jetzt gibt es für die beiden Schweizer Geiseln in Libyen wieder Hoffnung: Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) hat sich eingeschaltet und in einem Brief Forderungen an Libyen gestellt (20 Minuten Online berichtete). Das Positive an dieser Intervention: Amnesty pflegt seit längerem regelmässigen Kontakt zu den libyschen Behörden — und hatte schon Erfolg, wie Amnesty-Mediensprecher Daniel Graf sagt. «In ähnlichen Fällen in Libyen, bei denen die Familie kein Lebenszeichen des Verhafteten hatten, konnten wir erreichen, dass Angehörige und Anwälte wieder Kontakt erhielten.»

Amnesty-Spezialisten unterhalten dauernden Kontakt

Diese Erfolge kommen nicht von ungefähr. In der AI-Zentrale in London arbeitet ein Research-Team mit Spezialisten für die einzelnen Ländern, darunter auch Libyen. Diese Länder-Experten verfolgen die allgemeine Situation und auch konkrete Fälle. Sie unterhalten dazu Kontakte zu den Behörden und zu informellen Quellen. Im Mai war eine Mission von Amnesty International in Libyen, die Gefängnisse besuchte und mit den Behörden sprach. Das ist laut Sprecher Graf nicht in allen Ländern möglich: «Dass solche Missionen in Libyen möglich sind, zeigt eine gewisse Offenheit von offizieller Seite, auch konkrete Fälle anzuschauen.» Graf sieht den Grund für die guten Kontakte zu Libyen bei der Art, wie Amnesty sich verhält: «Wir sind ein kritischer, aber ein fairer und berechenbarer Partner.»

Dass Amnesty mit ihrem Brief gerade jetzt aktiv wird, ist kein Zufall. «Mit dem Verschwinden der beiden Schweizern entstand eine Situation, mit der wir in Libyen Erfahrung haben», sagt Graf. Dass die Angehörigen keinen Kontakt zu den beiden Geiseln haben, sei unerträglich. Amnesty fordert deshalb, dass Libyen die festgehaltenen Schweizer freilässt, wenn gegen sie nicht sofort Anklage erhoben wird und sie ein faires Gerichtsverfahren bekommen. Die Geiseln sollen laut Graf nicht mehr länger Spielball der internationalen Diplomatie sein. «Wir wollen den humanitären Aspekt, die Situation der Geiseln und ihrer Familien ins Zentrum rücken.» Dieses Vorgehen ist laut Graf mit den Angehörigen, zu denen Amnesty seit Monaten Kontakt unterhält, abgesprochen.

Amnesty half bereits bei bulgarischen Krankenschwestern

Wie wichtig die Öffentlichkeit für Geiseln sein kann, zeigt der Fall der bulgarischen Krankenschwestern, die acht Jahre lang in libyscher Haft ausharren mussten. «Wir erhielten Kartons voller Postkarten aus der ganzen Welt, zu Weihnachten, zu Neujahr, auch zu anderen Feiertagen», sagte Sneschana Dimitrowa, eine der Bulgarinnen, im «Tages-Anzeiger». Wenn die Medien über die Gefangenen schreiben, gebe ihnen das Stärke, sagte sie. «Die Geiseln in Libyen dürfen nicht vergessen werden.» Amnesty International sei bereits bei den bulgarischen Geiseln Teil der internationalen Bewegung gewesen, sagt Graf. «Wir sind ähnlich vorgegangen, haben Briefe an die libyschen Behörden geschrieben und die Öffentlichkeit über Medienmitteilungen informiert.»

Mit ihrem Brief beginnt sich Amnesty International auch bei den Schweizern Geiseln in Libyen zu engagieren. Bis wann die Organisation eine Antwort von Libyen erwartet, will Graf nicht sagen. «Wir beurteilen das weitere Vorgehen täglich.» Er glaubt, dass Amnesty in irgendeiner Form eine Antwort von Libyen erhalten wird. Und Graf zeigt sich optimistisch: «Solche Briefe können sehr wirkungsvoll sein.»

Einen Erfolg in Libyen konnte Amnesty International im verbuchen. Der Libyer war politischer Flüchtling in der Schweiz und arbeitete als Assistenzarzt im Spital Sitten. Nachdem ihm die libysche Botschaft in Bern zugesichert hatte, dass die Behörden ihn in seiner Heimat nicht verfolgen würden, kehrte er 2006 nach Libyen zurück. Baoufayed wurde dennoch festgenommen und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte zu einer friedlichen Demonstration aufgerufen. Amnesty International setzte sich daraufhin mit Briefaktionen für den Gefangenen ein. 2008 entliess ihn Libyen aus humanitären Gründen aus der Gefangenschaft. Boufayed durfte für eine medizinische Behandlung in die Schweiz ausreisen.

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