Christian Drosten«Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften»
Der deutsche Top-Virologe wehrt sich gegen den Kampfbegriff. Er verharmlose das volle Ausmass der Gefahr. Eine möglichst breitflächige Impfung der Bevölkerung wünscht er sich dennoch.
- von
- Patrick McEvily
Darum gehts
Der deutsche Virologe Christian Drosten hat sich in einem langen Interview über die aktuelle Lage geäussert.
Von einer «Pandemie der Ungeimpften» könne keine Rede sein.
Ausserdem erinnerte sich Drosten an seinen ersten Corona-Fall zu Beginn der Pandemie.
Der deutsche Top-Virologe Christian Drosten hat in einem ausführlichen Interview mit der deutschen Zeitung «Die Zeit» die häufige Verwendung des Begriffes der «Pandemie der Ungeimpften» kritisiert. «Das ist keine Pandemie der Ungeimpften. Das ist eine Pandemie aller», zitiert ihn die Wochenzeitung. Würde man nun nicht vorwärtsmachen, drohten in Deutschland noch einmal so viele Todesfälle – knapp 100’000 an der Zahl – wie bislang in der Pandemie, warnt der Virologe. Zum weiteren Verlauf der Pandemie würden «wir alle beitragen».
Erster Corona-Fall war ein Zufallstreffer
Die Gefahr sei im Moment vor allem für ältere Menschen in der Bevölkerung gross, hält der Professor, der an der Berliner Charité forscht, fest. Ausserdem habe die Delta-Variante, mit der sich auch Geimpfte anstecken können, die Situation verändert. «Ich halte dieses Narrativ (der Pandemie der Ungeimpften) für vollkommen falsch. Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie.»
Kritisch blickt Drosten auf die nächsten Monate. Bei vielen, die Anfang Sommer die Impfung erhalten hätten, würde der Verbreitungsschutz der Impfung auslaufen. Dementsprechend wichtig seien die Booster-Impfungen. Drosten wünscht sich hier eine möglichst breitflächige Abdeckung. «Ich bin überzeugt davon, dass wir nur einen geringen Nutzen von vollständig geimpften Erwachsenen haben, die sich nicht boostern lassen.» Empfehlungen möchte er der Politik jedoch nicht abgeben.
Im Interview erinnert sich Drosten zudem an den ersten von ihm und seinen Laborkolleginnen und -kollegen erfassten Corona-Fall zu Beginn der Pandemie. Dabei handelte es sich eigentlich um eine Stichprobe, die auf Influenza hätte gemessen werden sollen. Die Person hatte keinen Kontakt mit Italien, wo das Virus zu der Zeit zirkulierte. Dennoch machte das Team einen Test, «mal so aus Spass» erklärte Drosten. Und prompt erzielten sie einen Treffer. «Da war mir klar, das Virus zirkuliert bereits im Land.»
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