Aktualisiert 19.08.2009 18:44

Sarah Kuttner«Wir haben keine Sicherheit mehr»

Als sie noch bei MTV moderierte, fiel Sarah Kuttner vor allem wegen ihrer grossen Klappe auf. Nun hat die 30-Jährige einen gar nicht depressiven Roman über eine depressive Mittzwanzigerin geschrieben. Ein Gespräch über Panikanfälle, Luxusprobleme und die Poesie der menschlichen Mängel.

von
Nuria Furrer

Friday: Sarah, bist du depressiv?

Sarah Kuttner: Hui, das ist eine sehr persönliche Frage.

Immerhin gibt es Parallelen zwischen dir und Karo, der Heldin deines Romans «Mängelexemplar». Sie kommt in eine Krise, nachdem sie ihren Job verliert. Auch deine Sendung bei MTV wurde abgesetzt ...

Ja, aber ich war danach weder arbeitslos noch bin ich in ein Loch gefallen. Ich habe sofort an neuen Sendungen gearbeitet.

Warum hast du dann dieses Buch geschrieben?

Weil das ein Thema in meinem Umfeld ist. Ich kenne viele coole, normale Menschen, die psychische Probleme haben. Das kann jeden treffen. Ich hatte vor Jahren selbst mal für eine kurze Zeit Panikanfälle.

Hast du dich dann auch auf die Couch gelegt?

Nein, das ging wieder vorbei. Aber es ist mir bewusst geworden, wie beschissen es sein muss, dauerhafte Angstzustände zu haben, geschweige denn noch eine Depression dazu.

Der erste Satz in «Mängelexemplar» lautet: «Eine Depression ist ein fucking Event.» Ist sie schon fast ein fucking Trend?

Ein Trend würde ich nicht sagen. Aber es ist wohl schon so, dass wir uns sehr viel mit uns selber auseinandersetzen. Früher hat man die Probleme einfach verdrängt oder weggesoffen.

Was ist die Message deines Buches: Steht zu eurer Krise?

Eigentlich wollte ich einfach eine Geschichte erzählen. Aber jetzt kommen viele Menschen zu mir und sagen: Durch dein Buch habe ich gemerkt, dass ich nicht alleine bin mit meinem Problem. Und dass es okay ist, Hilfe anzunehmen

.

Du schreibst: «So sind wir jungen Konservativen. Sicherheitsbedürftig, faul und feige.» Sind wir wirklich konservativ?

Nicht im engsten Sinne des Wortes. Unsere Generation ist einfach sehr sicherheitsbedürftig, eben weil wir keine Sicherheit mehr haben. Früher hat man geheiratet und einen Job bis zur Rente gehabt. Heute haben wir eine riesige Auswahl an Möglichkeiten. Wir wollen alles ausprobieren, aus Angst etwas zu verpassen. Und doch macht uns diese Unsicherheit Angst.

Und deshalb sind wir alle ein bisschen depressiv?

Es ist einer der Gründe. Depressionen gab es aber schon immer, nur die Gründe dafür haben sich geändert. Heute haben wir von allem zu viel, früher hatte man zu wenig.

Ist die Depression also ein Luxusproblem?

Nein. Es ist eine ernstzunehmende Krankheit!

Trotzdem macht Karo noch Witze. Ist das realistisch?

Auf jeden Fall, das kenne ich von meinen Freunden. Karo versucht ja ihre Krankheit zu verdrängen – und das klappt mit Humor ganz gut.

Humor ist ja auch deine Stärke als Moderatorin. Warum bist du jetzt unter die Buchautorinnen gegangen?

Ein Freund von mir hatte mir erzählt, dass er gerade ein Buch schreibt, und ich war ein bisschen neidisch. Ich stellte mir das total spannend vor. Also ging ich nach Hause und fing an zu schreiben. In zwei Monaten war das Baby geboren.

Wow, zwei Monate sind kurz. Fällt dir alles so leicht?

Ich weiss nicht. Ich hab wohl nur aus Versehen wieder mal was richtig gemacht (lacht).

Bist du auch ein Mängelexemplar?

Sind wir doch alle. Keiner ist perfekt. Sonst wären wir ja Roboter.

Die Moderatorin

Die Berlinerin Sarah Kuttner (30) startete ihre Karriere als Moderatorin bei Viva Deutschland, wo sie 2001 «Sarah Kuttner – Die Show» moderierte. Es folgten weitere eigene Sendungen auf MTV («Kuttner»), Sat 1 («Slamtour mit Kuttner») und ARD («Kuttners Kleinanzeigen»). Eine neue Sendung ist in Arbeit. Vor ihrem Roman «Mängelexemplar» veröffentlichte Sarah Kuttner bereits zwei Kolummnensammlungen. Sie ist mit dem Ärzte-Schlagzeuger Bela B. zusammen.

Sarah Kuttner liest am 31. August um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich aus ihrem Romandebüt «Mängelexemplar». Darum gehts: Die Mittzwanzigerin Karo verliert ihren Job und verlässt ihren Freund. Daraufhin kriegt sie Angstzustände und fällt in eine Depression. Mit diversen Therapien und viel Humor versucht sich Karo aus dieser Situation zu befreien - was ihr natürlich gelingt. Ein Buch, in dem sich jede junge Frau wohl wiedererkennt. Auch wenn das ein bisschen erschreckend ist.

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