Vorwürfe an Vermieter - «Wir haben keinen Franken Mieterlass erhalten»
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Vorwürfe an Vermieter«Wir haben keinen Franken Mieterlass erhalten»

Event-Möbel-Anbieter Marco Volpi verlor in der Pandemie fast eine halbe Million Franken, weil der Vermieter seines Lagers auf dem Mietzins beharrte. Anderen ergeht es ähnlich. Die Vermieter weisen Vorwürfe zurück.

von
Bettina Zanni
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Marco Volpi vermietet mit seiner Firma Rent-a-lounge in Bremgarten AG Mobiliar und Dekorationen für Grossevents.

Marco Volpi vermietet mit seiner Firma Rent-a-lounge in Bremgarten AG Mobiliar und Dekorationen für Grossevents.

Marco Volpi
«Wir haben seit über einem Jahr keine Einnahmen mehr. Trotzdem haben wir von Apleona keinen Franken Mieterlass erhalten», sagt der 47-Jährige.

«Wir haben seit über einem Jahr keine Einnahmen mehr. Trotzdem haben wir von Apleona keinen Franken Mieterlass erhalten», sagt der 47-Jährige.

Marco Volpi
Die Vermieter seien stur und warteten lieber auf die volle Miete – bezahlt mit Härtefallgeldern vom Bund und somit Steuergeldern, prangerte die SP kürzlich den Verband Immobilien Schweiz (VIS) an.

Die Vermieter seien stur und warteten lieber auf die volle Miete – bezahlt mit Härtefallgeldern vom Bund und somit Steuergeldern, prangerte die SP kürzlich den Verband Immobilien Schweiz (VIS) an.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Vorgesehen ist, dass Vermieter und Mieter Kompromisse finden, können die Mieter nicht mehr bezahlen.

  • «Wir haben seit über einem Jahr keine Einnahmen mehr. Trotzdem haben wir von Apleona keinen Franken Mieterlass erhalten», sagt Event-Möbel-Anbieter Marco Volpi.

  • Pole-Fitness-Trainerin Belinda Pfister sagt: «Der Vermieter behandelte mich, als bezahlte ich die Miete aus einer bösen Absicht heraus nicht.»

  • Personaltrainer L. Z.* berichtet, der Vermieter habe ihm geraten, ein Darlehen aufzunehmen.

In der Pandemie geraten sich Mieter und Vermieter oft in die Haare. Die Vermieter seien stur und warteten lieber auf die volle Miete – bezahlt mit Härtefallgeldern vom Bund und somit Steuergeldern, prangerte die SP kürzlich den Verband Immobilien Schweiz (VIS) an. Das Parlament versenkte im Dezember eine gesetzlich verankerte Mietzinsreduktion. Es war jedoch der Meinung, dass die Vermieter mit den Mietern Kompromisse finden sollten.

Davon spüren auch Mieter der besonders gebeutelten Eventbranche offenbar wenig. Marco Volpi vermietet mit seiner Firma Rent-a-lounge in Bremgarten AG Mobiliar und Dekorationen für Grossevents. «Wir haben seit über einem Jahr keine Einnahmen mehr. Trotzdem haben wir von Apleona keinen Franken Mieterlass erhalten», sagt der 47-Jährige.

«Ich konnte ja nicht mehr zahlen»

Das Immobilien-Dienstleistungsunternehmen Apleona Real Estate AG (siehe Box) verlangte laut Volpi für das gemietete Lager trotz der Krise jeden Monat den vollen Mietzins von 35’000 Franken. Im August habe er gerichtlich erfolglos für eine Mietzinsreduktion gekämpft. «Da ich das Lager im Lockdown weiterhin als Lager nutzte und es mir als Lager vermietet wurde, bekam der Vermieter Recht.»

Ende letzten Monats habe er den Mietvertrag, der erst im September ausgelaufen wäre, aufgelöst, sagt Volpi. «Ich konnte ja nicht mehr zahlen. Darum bestand der Vermieter wenigstens nicht mehr weiter auf den Vertrag.»

Volpi sagt, dass er durch die Krise und die Sturheit des Vermieters bisher rund eine halbe Million Franken verloren habe. «Hätte ich nicht jahrelang Reserven aufgebaut, wäre mein Geschäft finanziell längst am Ende.» Glücklich schätzt er sich, eine Lösung für das gekündigte Lager gefunden zu haben. «Dank eines privaten Investors kann ich das Mobiliar kostenlos lagern, bis wir wieder arbeiten können.»

«Ich machte nur noch Verluste»

Vergeblich hoffte auch die Pole-Fitness-Trainerin Belinda Pfister auf ein Entgegenkommen. «Der Vermieter behandelte mich aber, als bezahlte ich die Miete aus einer bösen Absicht heraus nicht. Dabei hatte ich ja keine andere Wahl, als das Studio zu schliessen», so die 31-Jährige.

Seit über vier Jahren miete sie in Winterthur für monatlich «mehrere tausend Franken» zwei Räume der Privera AG. «Ich machte nur noch Verluste, als ich das Studio im Dezember schliessen musste.» Die Nachfrage nach den angebotenen Online-Stunden sei kaum da gewesen.

«Es hagelte eingeschriebene Briefe»

Vergeblich habe sie den Vermieter mehrfach um eine Mietzinsreduktion gebeten. «Anstatt dass die Privera AG mir entgegenkam, hagelte es eingeschriebene Briefe, in denen mir die Kündigung des Mietverhältnisses angedroht wurde.» Ein Zahlungsaufschub von einem Monat sei das Einzige, was die AG ihr gewährt habe.

Dank ihrer finanziellen Reserven habe sie den Zahlungsaufforderungen nachkommen können, sagt die Studiobetreiberin, die hauptberuflich in einem Start-up als Kundenbetreuerin arbeitet. «Glücklicherweise erhielt ich Mitte März endlich Härtefallgelder. Ansonsten wäre ich in ein finanzielles Loch gestürzt.»

«Fast 150’000 Franken in den Sand gesetzt»

Ähnliche Erfahrungen macht Personal Trainer L. Z.* mit der Apleona Real Estate AG. «Ich habe seit dem ersten Lockdown im März vor einem Jahr fast 15’000 Franken in den Sand gesetzt, weil mein Vermieter trotz Krise auf dem vollen Mietzins besteht», so Z.

Das Studio in Dietlikon ZH koste ihn monatlich 1000 Franken, sagt der nebenberufliche Personal Trainer. Die Härtefallgelder seien bisher nicht eingetroffen. «Bezahlen kann ich die Miete nur, weil ich zum Glück noch voll auf meinem alten Job als Projektleiter arbeite.» Für fair gehalten hätte er einen Mieterlass von 50 Prozent.

Doch seine Anfragen hätten nichts bewirkt. «Apleona riet mir trocken, ich solle doch einen Kredit aufnehmen.» Die Reaktion der AG bezeichnet er als «absolute Schweinerei». «Ich konnte ja nichts dafür, dass ich wegen der Massnahmen nicht arbeiten durfte.»

*Name der Redaktion bekannt

Das sagen die Vermieter

Die angeprangerten Vermieter haben sich auf Anfrage zu den Fällen geäussert. «Obschon die Mietzinspflicht weiterhin besteht, sucht die Privera AG mit den Mieterinnen und Mietern aktiv Lösungen, von denen beide Parteien profitieren können», sagt Mediensprecherin Alisha Held. Die Privera AG habe Belinda Pfister sowohl im ersten als auch im zweiten Lockdown eine Mietzinsstundung angeboten. Leider habe sie im ersten Lockdown das Angebot nicht angenommen und im zweiten Lockdown keine Rückmeldung gegeben. «Da Frau Pfister den geschuldeten Mietzins trotzdem nicht beglichen hat, erhielt sie von uns mehrmals eine Mahnung mit Kündigungsandrohung.»

Sabrina Hauser, Chief Operating Officer der Apleona Real Estate AG, teilt mit, dass die AG und ihre Auftraggeber daran interessiert seien, die wirtschaftlichen Folgen aufgrund der aktuell anhaltenden staatlichen Einschränkungen in Bezug auf Teile ihrer Geschäftsmieter abzufedern. Auch gehe es darum, für ihre Eigentümer und Mieter individuelle, partnerschaftliche und nachhaltige Lösungen zu finden. Im Fall von Marco Volpi sei es zu einer Einigung gekommen. «In diesem Sinne wird jede einzelne Mieteranfrage sorgfältig analysiert, bearbeitet und einer individuellen Lösung zugeführt.» Im Fall von L. Z. sei eine Anfrage noch in Bearbeitung, so Hauser.

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