Swing State Ohio (II): «Wir haben mehr Energie und Enthusiasmus»
Aktualisiert

Swing State Ohio (II)«Wir haben mehr Energie und Enthusiasmus»

Rob Portman, US-Senator mit Schweizer Vorfahren, kämpft in Ohio um jede Stimme für Mitt Romney. 20 Minuten Online hat ihn im Wahlkampf getroffen.

von
Peter Blunschi
Fairview Park

Der Senator ist müde. Erst am Vorabend hatte er Mitt Romney zu einem Auftritt vor 12 000 Anhängern in der Stadt Defiance begleitet. Nun ist Rob Portman bereits wieder auf Achse. Seit Tagen tingelt der 57-Jährige durch Ohio, im luxuriösen Bus, den auch Romney bei seinen Abstechern in den hart umkämpften Bundesstaat benutzt. An diesem Vormittag macht das Gefährt halt in Fairview Park, einem Vorort der Metropole Cleveland. Portman, dessen Vorfahren aus dem solothurnischen Herbetswil nach Ohio ausgewandert waren, macht dem dortigen Wahlkampf-Büro der Republikaner seine Aufwartung.

Rund 40 freiwillige Helfer erwarten den prominenten Gast, der erst vor zwei Jahren in den US-Senat gewählt wurde, im so genannten Victory Center. Rob Portman dankt ihnen für ihren Einsatz und ermuntert sie, nicht nachzulassen: «Geht raus, redet mit den Leuten, macht mehr Telefonanrufe.» Es gehe am 6. November nicht nur um eine Wahl, «es geht um die Zukunft unseres Landes». Seit den drei Fernsehdebatten zwischen Mitt Romney und Barack Obama laufe es gut für die Republikaner: «Vor einem Monat lagen wir in Ohio fünf bis zehn Prozent zurück. Jetzt ist das Rennen ausgeglichen, und das Momentum bewegt sich in unsere Richtung.»

Dauer-Bombardement mit Wahlwerbung

Ohio ist «Ground Zero» im diesjährigen Wahlkampf. Wer in diesem Bundesstaat gewinnt, der in mancher Hinsicht ein Abbild des ganzen Landes ist, dürfte ins Weisse Haus einziehen – oder dort verbleiben. Für die Republikaner hat Ohio zudem symbolische Bedeutung: Noch nie ist einer aus ihren Reihen Präsident geworden ohne Sieg im Buckeye State, dem Rosskastanien-Staat, benannt nach der für Ohio typischen Baumsorte. Vor acht Jahren gewann George W. Bush gegen John Kerry erst nach einem stundenlangen Auszählungs-Krimi. 2008 hatte John McCain keine Chance gegen Barack Obama.

Deshalb greift auch Rob Portman nach seiner kurzen Ansprache in Fairview Park zum Telefon und versucht, die Wähler von Mitt Romney und seinem Programm zu überzeugen. Die Bewohner von Ohio werden derzeit fast pausenlos mit solchen Anrufen von beiden Lagern eingedeckt – viele Menschen haben deshalb ihr Telefon deaktiviert. Die Briefkästen sind vollgestopft mit Direct Mailings, und am Fernsehen laufen seit dem Frühjahr im Akkord die – meist negativen – Werbespots der Präsidentschafts- und Kongresskandidaten. Die meisten in Ohio haben die Nase gestrichen voll von diesem Dauer-Bombardement.

Favorit für Vize-Job

Doch ein Nachlassen gibt es nicht, erst recht nicht in den letzten Tagen der Kampagne. «Die Republikaner haben mehr Energie und Enthusiasmus», zeigt sich Senator Portman im Gespräch mit 20 Minuten Online überzeugt. Er gehört zu Mitt Romneys engsten Vertrauten. Er übernahm die Rolle von Barack Obama bei dessen Debatten-Trainings – wofür er bei seiner Ansprache im «Victory Center» einen Sonderapplaus erhält. Lange galt er als Topfavorit auf den Job des Vize-Kandidaten, doch Romney zog am Ende Paul Ryan vor.

«Wir haben die bessere Botschaft für den Nordosten Ohios», so Portman weiter. Die von der Industrie dominierte Region gilt als Hochburg der Demokraten. Doch nun hätten die Menschen Sorge um ihre Jobs. Rob Portman stammt aus Cincinnati, der «Rivalin» von Cleveland im Südwesten Ohios. Der Nordosten habe jedoch einen speziellen Platz in seinem Herzen. «Hier haben sich meine Solothurner Vorfahren in den 1870er Jahren niedergelassen», schwärmt er gegenüber dem Gast aus der Schweiz.

Eine weisse Partei

Einfach wird die Aufgabe für die Republikaner aber nicht, obwohl Mitt Romney in den Umfragen aufgeholt hat. Eines ihrer Probleme heisst Demographie. Ohio ist in dieser Hinsicht kein Abbild der Nation, es gibt mehr Weisse und weniger Latinos als im nationalen Schnitt. Andernfalls könnte Romney einpacken, denn Minderheiten bleiben ein Schwachpunkt seiner Partei. Umso mehr fällt der Mann auf, der beim Telefonieren im Wahllokal neben Rob Portman sitzt: Er heisst Eric Russell und ist Afroamerikaner.

Er habe bereits mehr als 10 000 Anrufe getätigt, sagt die Büroleiterin stolz. Ein Interview sei «leider» nicht möglich, die Dachorganisation der Partei gestatte dies nicht. Schade, man hätte ihn gerne gefragt, warum er sich als Schwarzer dermassen für die Republikaner einsetzt. Wie sehr diese eine «weisse» Partei sind, erlebt man am gleichen Abend bei einem Auftritt von Mitt Romney und Paul Ryan in North Canton, eine Autostunde südlich von Cleveland. War das Publikum bei Barack Obamas Rede auf einem Flugplatz am Abend zuvor ein «bunter» Haufen, so sind die 8500 in North Canton fast ausschliesslich weiss.

Streit um Auto-Rettung

Im Gegensatz zu den milden Temperaturen des Vorabends weht nun ein kalter Wind über den Baseball-Platz, auf dem Romney und Ryan ihren Anhängern einheizen wollen. Während Paul Ryan, der in Ohio an der Miami-Universität studiert hat, den Staat zumindest erwähnt («Dies ist das Epizentrum für die Zukunft des Landes»), spult Mitt Romney seine übliche Wahlkampfrede herunter. Er wirkt lockerer als bei früheren Auftritten. Dennoch fragt man sich, ob die Leute wirklich für ihn sind oder nicht primär gegen Obama. Die ersten Zuschauer jedenfalls entfliehen der Kälte bereits kurz nach Beginn seiner Rede.

Auch Rob Portman ist wieder dabei. Er spricht über das wichtigste Wahlkampf-Thema in Ohio: Die staatliche Rettung der Autoindustrie. Sie ist das zentrale Argument von Barack Obama für seine Wiederwahl, denn Romney hatte 2008 gefordert, die Konzerne General Motors und Chrysler in Konkurs gehen zu lassen und zu restrukturieren. «Obama hat genau das gemacht», sagt Portman, also nichts anderes als Romneys Plan umgesetzt. Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Romney wollte einen Neuaufbau mit privatem Geld. Doch auf dem Höhepunkt der Grossen Rezession wollte niemand in die vermeintlich todgeweihte Branche investieren. Also musste die Regierung selber 80 Milliarden Dollar einschiessen.

Die Jeep-Kontroverse

Unerwähnt bleibt die Behauptung Romneys vom Vorabend, wonach die Chrysler-Tochter Jepp «die gesamte Produktion nach China auslagern will». Tatsächlich will der Fiat-Konzern, der Chrysler übernommen hat, Jeeps in China herstellen, ohne aber Fabriken in den USA zu schliessen. Doch einige Tage später legte Romneys Wahlkampfteam mit einem Werbespot (siehe unten) nach, den die «Washington Post» als «irreführend» bezeichnete. Fiat-Chef Sergio Marchionne verwahrte sich in einem Mail an die Jeep-Belegschaft gegen die «unzutreffenden» Gerüchte. Ein Sprecher von General Motors nannte den Spot «zynisch».

Die Jeep-Kontroverse dominiert seit Tagen den Wahlkampf in Ohio. Sie zeigt, wie hier auf Biegen und Brechen um jede Stimme gekämpft wird. Besonders von Seiten der Republikaner, denn die Demokraten haben einen weiteren Vorteil: Obamas Team hat 131 Wahlkampf-Büros eröffnet, sein Kontrahent verfügt nur über 40. Rob Portman lässt sich davon nicht beeindrucken: «Die Demokraten haben mehr Geld, aber wir haben mehr Motivation», sagt er zu 20 Minuten Online. Dann drängt sein Stabschef zum Aufbruch. Der Bus muss weiter, zum nächsten «Victory Center».

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