SOS-Kinderdorf Ukraine: «Wir haben mit den Evakuierungen begonnen»
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SOS-Kinderdorf Ukraine«Wir haben mit den Evakuierungen begonnen»

Die Lage in der ostukrainischen Stadt Lugansk spitzt sich zu. Das bekommen auch die Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf zu spüren. Vor allem aber die Kinder.

von
kmo

Laut der Uno hat das «Klima von Unsicherheit und Angst» in der Ukraine 34'000 Menschen in die Flucht getrieben. Die Hälfte stammt aus den Regionen Donezk und Lugansk im Osten des Landes. Hier ist auch das Kinderhilfswerk SOS-Kinderdorf tätig. Der Geschäftsführer der Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz, Christian Hosmann, ist mit den Mitarbeitern in Kontakt.

Herr Hosmann, wie ist die Lage zurzeit in Lugansk?

Die Stimmung war schon seit Wochen angespannt. Doch jetzt sind die Kämpfe bis in die Innenstadt von Lugansk vorgerückt. Die ganze Region um die Innenstadt und die Vorstädte sind inzwischen Kriegsgebiet. Die Strassen sind wie ausgestorben. Unsere Mitarbeiter vor Ort erzählen uns, dass zunehmend Angst und Panik um sich greifen. Wir haben deshalb mit den Evakuierungen des SOS-Kinderdorfs begonnen.

Wo kommen die SOS-Kinderdorf-Familien mit ihren Pflegekindern unter?

In Charkiw im Norden der Ukraine. Wir haben bereits im Vorfeld zusammen mit den ukrainischen Behörden abgeklärt, wo die Familien aus dem SOS-Kinderdorf nach der Flucht wohnen können. Das ist alles organisiert. Die ersten Familien sind bereits in der Stadt Charkiw eingetroffen. Viele unserer Mitarbeiter haben ihre eigenen Kinder ebenfalls bereits in Sicherheit gebracht.

Wie reagieren die Kinder auf diese Situation?

Die meisten Kinder, die wir betreuen, sind ohnehin schon traumatisiert oder zumindest emotional instabil. Die Schüsse, die Aufregung und die angespannte Stimmung können schlimme Erinnerungen hervorrufen. Sie sind ängstlich und unkonzentriert, wollen, dass ihr Pflegemami nicht mehr von ihrer Seite weicht. Auf Veränderungen reagieren sie mit Abwehr. Das alles erfordert eine noch intensivere Betreuung als sonst. Aber das ist ja unsere Stärke.

Ist die Flucht gefährlich?

Eine sichere Flucht ist möglich, aber natürlich bleibt immer ein Risiko. Wir organisieren die Evakuierung zusammen mit den Behörden vor Ort. Dabei steht die Sicherheit an oberster Stelle, alle unsicheren Gegenden werden umfahren.

SOS-Kinderdorf ist eine westliche Organisation. Haben Sie keine Angst, dass Ihren Mitarbeitern von Seiten der prorussischen Separatisten Gefahr droht?

Nein, denn erstens arbeiten wir weltweit mit Einheimischen zusammen, so auch in der Ukraine. Und zweitens wird unser Ableger SOS-Kinderdorf Ukraine vor Ort als inländische Organisation wahrgenommen und geniesst einen sehr guten Ruf. Angst habe ich höchstens, dass unsere Mitarbeiter zwischen die Fronten geraten. Aber am meisten sorgen wir uns um das Wohl der Kinder.

Christian Hosmann ist Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf Schweiz.

SOS-Kinderdorf

Das Kinderhilfswerk SOS-Kinderdorf ist in über 130 Ländern tätig. Sein Ziel ist es, gefährdeten Kindern ein Zuhause zu geben und überforderte Familien zu unterstützen. Daneben unterhält es unter anderem Jugend-WGs, Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten, medizinische Zentren. Es finanziert sich über SOS-Fördervereine und -Stifungen sowie über Spenden.

SOS-Kinderdorf Ukraine

Seit 2008 unterhält SOS-Kinderdorf auch Ableger in der Ukraine. In Lugansk gibt es seit 2012 SOS-Familien mit Pflegekindern. Ausserdem unterstützen SOS-Mitarbeiter rund 150 Familien mit etwa 250 Kindern mit Nahrungsmitteln, Medizin und Beratung.

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