Prozess gegen Hausbesetzer - «Wir haben Situationen erlebt, in denen einem nicht mehr wohl ist»

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Prozess gegen Hausbesetzer«Wir haben Situationen erlebt, in denen einem nicht mehr wohl ist»

Zum Auftakt des Prozesses um eine eskalierte Hausräumung in Bern kamen Polizisten zu Wort, die dabei verletzt wurden. Sie leiden bis heute unter den erlittenen Knalltraumata.

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Farbbeutel und Feuerwerk: Das Kollektiv «Oh du Fröhliche» leistete bei der polizeilichen Räumung heftigen Widerstand.

Farbbeutel und Feuerwerk: Das Kollektiv «Oh du Fröhliche» leistete bei der polizeilichen Räumung heftigen Widerstand.

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Die Besetzergruppe und die Polizei lieferten sich am 22. Februar 2017 eine regelrechte Strassenschlacht.

Die Besetzergruppe und die Polizei lieferten sich am 22. Februar 2017 eine regelrechte Strassenschlacht.

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Die Polizei setzte Gummischrot ein und fuhr mit einem Wasserwerfer auf.

Die Polizei setzte Gummischrot ein und fuhr mit einem Wasserwerfer auf.

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Darum gehts

  • Im Februar 2017 eskalierte die polizeiliche Räumung einer Liegenschaft an der Effingerstrasse in Bern.

  • Das Besetzerkollektiv wehrte sich mit Feuerwerkskörpern und Sprengfallen, die Polizei setzte Gummischrot ein.

  • 16 Besetzerinnen und Besetzer müssen sich seit dieser Woche vor dem Berner Regionalgericht verantworten.

  • Die Staatsanwaltschaft legt ihnen Gewalt gegen Beamte und Hausfriedensbruch zur Last.

  • Am Montag sagten Polizisten aus, die beim Einsatz verletzt wurden. Sie sprechen von «massiver Gewalt», mit der das Besetzerkollektiv gegen sie vorging.

16 Mitglieder des Kollektivs «Oh du Fröhliche» müssen sich seit dieser Woche wegen Hausfriedensbruchs sowie Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte vor dem Regionalgericht in Bern verantworten. Die Männer und Frauen, die meisten heute im Alter zwischen 25 und 40 Jahren, besetzten zwischen Dezember 2016 und Februar 2017 ein leerstehendes Gebäude der Bundesverwaltung an der Effingerstrasse 29 und wehrten sich gewaltsam, insbesondere durch Zünden von Feuerwerkskörpern, gegen die polizeiliche Räumung am 22. Februar. Drei Polizisten und ein Feuerwehrmann wurden bei den Tumulten verletzt.

Einschlafen nur mit Musik in den Ohren möglich

Die geschädigten Einsatzkräfte traten beim Prozessauftakt am Montag als Privatkläger auf. Bei der Räumung des Hauses sei man auf «massiven Widerstand» gestossen, der «so nicht zu erwarten gewesen» und «über das tolerierbare Mass hinausgegangen» sei, sagte Kantonspolizist F.: «Wir haben dort Situationen erlebt, in denen einem nicht mehr wohl ist.» Durch die Explosion eines Knallkörpers in der Nähe seines Kopfes erlitt F. einen Tinnitus, der bis heute bestehe. Durch das permanente Pfeifen im Ohr fühle er sich zuweilen beeinträchtigt, insbesondere am Abend und in der Nacht sei der Ton sehr penetrant. «Zum Einschlafen habe ich immer Musik in den Ohren», so F. Dafür höre er zeitweise den Sohn nachts nicht, wenn dieser schreie.

Auch sein Kollege W. gab an, bis heute unter den Folgen des Knalltraumas zu leiden. Das Pfeifen in den Ohren sei «zu jeder Tag- und Nachtzeit» wahrnehmbar. «Es ist nie mehr ganz still», so W. Manchmal könne er den Ton zwar verdrängen. Doch wenn er alleine sei und beim Einschlafen sei er sehr störend. Auch könne er Gesprächen zuweilen nicht mehr folgen. Weiter gab W. an, dass ein Dialog mit den Besetzerinnen und Besetzern an besagtem Morgen nicht möglich gewesen sei, da die Einsatzkräfte von Beginn weg mit Gegenständen beworfen worden seien. Dass die Polizei beim Einsatz Gummischrot einsetzte, erachte er daher als verhältnismässig.

Mit Feuerlöschern besprüht

Laut Anklageschrift warfen die mit Sturmhauben vermummten Mitglieder des Kollektivs unter anderem Böller, Knallpetarden, Farbbeutel und Ziegelsteine aus Fenstern der Liegenschaft. Aus dem vierten oder fünften Obergeschoss flog sogar eine Zimmertür aus Holz und landete «nur wenige Meter» neben einer Gruppe Polizisten. Um die Polizei am raschen Vordringen zu hindern, errichtete die Besetzergruppe im Innern des Hauses Barrikaden aus Metall, Schränken, Sofas und Matratzen. Beim Entfernen dieser Objekte wurden die Polizisten mit Flüssigkeiten, Farbe sowie Schaum- und Staubfeuerlöschern bespritzt, mit Bodenfliessen, Glasflaschen und Keramikplatten beworfen und wiederum mit Pyrotechnika beschossen. Zwei Polizisten und ein Feuerwehrmann erlitten ein Knalltrauma respektive einen Tinnitus. Ein weiterer Polizist zog sich durch die Detonation eines Knallkörpers eine Prellung am Fuss zu.

Die Beschuldigten werden erst in den nächsten Tagen vom Gericht befragt. Wahrscheinlich ist jedoch, dass sie wie bereits bei der polizeilichen Einvernahme die Aussage verweigern werden. Für vier der Hausbesetzerinnen und -besetzer verlangt die Staatsanwaltschaft unbedingte Freiheitsstrafen bis zu zwölf Monaten. Für den Rest werden bedingte Haftstrafen und Geldstrafen bis zu 270 Tagessätzen gefordert. Die Urteilsverkündung erfolgt voraussichtlich am 17. Juni.

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(sul)

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