Ein Dorf, 750 Flüchtlinge: «Wir haben uns das nicht ausgesucht»
Aktualisiert

Ein Dorf, 750 Flüchtlinge«Wir haben uns das nicht ausgesucht»

750 Flüchtlinge im 100-Seelen-Dorf Sumte in Deutschland. Wie mit dieser Situation umgehen? Ein Gespräch mit Ortsvorsteher Christian Fabel.

von
Ann Guenter

In den kommenden Tagen werden zunächst rund 500 und etwas später noch weitere 250 Syrer in Sumte unterkommen. Wie geht das 100-Einwohner-Dörfchen im Landkreis Lüneburg damit um? 20 Minuten fragte den stellvertretenden Bürgermeister Christian Fabel.

Wer ist anstrengender: die Flüchtlinge oder die Medien?

Die Medien. So einen Rummel habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Die ersten Flüchtlinge sind ja erst angekommen.

Wie verlief denn die erste Nacht?

Das werde ich erst später hören, wenn wir die erste Lagebesprechung im Camp abhalten.

Also keine Rückmeldungen über allfällige Probleme?

Nein. Höchstens, dass eine Frau hochschwanger gleich ins Spital gebracht werden musste.

Der erste syrische Sumtener?

Ne, das haben wir hier nicht. Die Frau kam nach Lüneburg ins Spital.

Gab es bereits Kontakte zwischen Syrern und den Anwohnern?

Nein. Die Menschen sind ja erst gerade angekommen und werden in der Notunterkunft versorgt, das ist ja alles noch ganz frisch. Im Dorf wurden sie noch nicht gesehen, und es wird auch schwer, wenn sie an der Shoppingmeile von Sumte flanieren gehen wollen – denn so etwas haben wir gar nicht.

Die Gelassenheit der Menschen hier sei ein grosser Vorteil des Landlebens, sagt Jens Meier, der Einrichtungsleiter der Notunterkunft. Ist das die berühmte Coolness der Nordlichter?

Eine Coolness sehe ich da nicht so, eher eine abwartende Haltung. Natürlich begleiten wir das alles positiv. Wir haben uns an den Dorf- und Einwohnerversammlungen im Vorfeld erklärt und gesagt, was wir wollen und was nicht, was geht und was nicht. Als wir mit der Zahl konfrontiert wurden – erst hiess es ja, dass 1000 Menschen nach Sumte kommen – war das erst mal ein Schock für uns. Wir haben 100 Einwohner im Dorf. Die Infrastruktur geht gegen null, im Ort gibt es keinen Shop, keine Post, keinen regelmässigen Busverkehr, der nächste Laden ist vier Kilometer entfernt und ohne Auto kaum zu erreichen. In dem Bürokomplex, der jetzt als Notunterkunft dient, haben früher 250 Leute gearbeitet. Die sind da jeweils zur Mittagszeit in Gruppen durch den Ort flaniert. Das hab ich dann mal hochgerechnet. Wenn dann 1000 oder eben 750 oder einige Hundert Flüchtlinge durch Sumte laufen – da wurde mir schon etwas angst.

Können Sie das weiter ausführen?

Wir haben hier unsere Höfe und Häuser, die teilweise keine Zäune haben, die Hoftore sind immer offen. Auf den Höfen sind die Autos geparkt, offen, meist mit Schlüsseln und Portemonnaie gleich daneben. Das wird man jetzt nicht mehr so machen können. Das ist einfach so. Unser Leben wird sich ändern, rund herum um den Ort, es werden Völkerscharen von 50er- und 100er-Gruppen in den nächsten Ort gehen. Das wird das Bild hier schon prägen, wenn hier 750 Flüchtlinge in Sumte sind, ein völlig neues Bild auf dem Lande, und das ist wirklich plattes Land hier. Es wird hier alles umdrehen. Das muss man erst mal einordnen. Aber wir werden das erst mal beobachten. Wir haben uns das nicht ausgesucht, es ist jetzt über uns gekommen. Wir müssen damit fertigwerden.

Was für konkrete Sorgen äusserten denn die Menschen in Sumte an den Versammlungen?

Die Strassenbeleuchtung wurde angesprochen, der Polizeischutz, den wir nun gerne rund um die Uhr hätten, aber auch die Internetverbindung, die so schon mangelhaft ist.

Mangelhafte Internetverbindung?

Wir haben kein DSL. Wenn da noch mehr Nutzer darauf zugreifen, dann kracht das doch alles zusammen. Ich habe etwa einen Familienbetrieb. Wenn ich nicht mehr kommunizieren kann, ist das ein Problem für mich.

Und wie wollen Sie das lösen?

Wir haben es auf der Bürgerversammlung mit dem niedersächsischen Ministerium angesprochen, es wird eigentlich jeden Tag angesprochen. Es gibt ja noch nicht einmal ein Telefon im Camp! Obwohl es eine Festleitung aus den alten Bürotagen gibt, bringt es die Telekom nicht fertig, diese zu aktivieren. Das ist unmöglich. Ich hoffe, dass das in den nächsten Tagen endlich erledigt wird. Aber es bleibt schwierig. Ich meine, das ist eine Halle unter Blechdächern. Mit dem Handy kann man kaum telefonieren. Da muss schnellstmöglich erledigt werden.

Auch ein Shuttleservice für das Camp soll geplant sein. Wie stehts damit?

Es wurde gesagt, dass ein separater Shuttleservice für die Flüchtlinge eingerichtet wird. Dann von der Bevölkerung die Frage, ob sie diesen auch nutzen dürfen, statt mit dem öffentlichen Nahverkehr ins nächste grössere Dorf zu fahren. Das ist jetzt auch noch in Klärung, inwieweit das möglich ist.

Wie stellen Sie die medizinische Versorgung sicher?

Es gibt ein Ärzteteam und Krankenschwestern im Camp. 40 Festangestellte arbeiten dort bereits, und es soll noch 100 weitere Bewerbungen vorliegen. In unserer strukturschwachen Gegend ist die Arbeitslosigkeit relativ hoch, und wenn Möglichkeiten gefunden werden, in der Nähe eine Arbeit zu bekommen, dann versuchen das auch viele Leute. Das scheint eine Möglichkeit zu sein, zumindest mittelfristig Arbeit zu finden.

Also schaffen die 750 Flüchtlinge in und um Sumte auch Arbeitsplätze.

Das ist richtig.

Und mit wie vielen neuen Stellen rechnen Sie insgesamt?

Jens Meier, der Leiter der Notunterkunft, sagte, dass bei Vollbelegung des Camps um die 90 neue Stellen geschaffen werden, die der Arbeiter-Samariter-Bund als sozialer Träger dieser Einrichtung einstellen könnte.

Es gibt ja auch positive Stimmen bezüglich der Abwanderung: Durch die Flüchtlinge kriegt Sumte frisches Blut. Teilen Sie diesen Optimismus?

Nein, auf keinen Fall. Das Camp ist, so wurde uns das angekündigt, eine temporäre Einrichtung. Sie ist eigentlich die Zwischenstation von der Ankunft der Flüchtlinge bis zu den drei Erstaufnahmelagern in Niedersachsen. Es kann einige Wochen dauern, bis die Menschen dorthin kommen und dann registriert werden. Aber dass sie nach Sumte zurückkehren, ist eher unwahrscheinlich.

Bewohner haben vor der Ankunft der Flüchtlinge etwa Lichtanlagen bei ihren Häusern gebaut. Wissen Sie von weiteren Massnahmen?

Nein. Aber die Bürger wollten vom Ministerium wissen, wer die Kosten tragen wird, wenn sie ihr Grundstück jetzt einzäunen wollen. Denn wenn da am Abend auf ihrem Grundstück etwa bei älteren Leuten plötzlich Fremde in Trauben umherwandern, weil nichts abgesteckt ist, dann beängstigt das etwas.

Und wie lautete die Antwort?

Das wird natürlich nicht bezahlt und der Minister sieht da auch gar keine Probleme. Da muss also jeder selbst abschätzen, was er da machen will.

Ortsvorsteher Christian Fabel: «Es wird alles umdrehen. Das muss man erst einmal einordnen.» (Bild: Screenshot Youtube)

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