Pöstler klagen: «Wir haben vor lauter Päckli zu wenig Platz im Roller»
Publiziert

Pöstler klagen«Wir haben vor lauter Päckli zu wenig Platz im Roller»

Die Kombination von Black Friday, Weihnachten und Pandemie soll in den nächsten Wochen eine nie da gewesene Päckliflut auslösen. Ein Pöstler über Paketberge, Extraschichten – und die drohende Verschärfung der Situation.

von
Joel Probst
1 / 8
So sieht der Anhänger von Pöstler Dominik Gerber* derzeit meistens aus.

So sieht der Anhänger von Pöstler Dominik Gerber* derzeit meistens aus.

Leserreporter
Mit der Pandemie, dem Black Friday und der Weihnachtszeit kommt eine nie da gewesene Päckliflut auf die Post zu.

Mit der Pandemie, dem Black Friday und der Weihnachtszeit kommt eine nie da gewesene Päckliflut auf die Post zu.

REUTERS
Pöstler Gerber steht deshalb immer wieder vor einem riesigen Päckliberg, wenn er morgens zur Arbeit kommt.

Pöstler Gerber steht deshalb immer wieder vor einem riesigen Päckliberg, wenn er morgens zur Arbeit kommt.

Leserreporter

Darum gehts

  • Wegen Pandemie, Black Friday und Weihnachten rechnet die Post mit einem Allzeit-Päcklirekord.

  • Ein Pöstler erzählt: «Wir werden überhäuft mit Paketen.»

  • Die Paketberge bedeuten für die Pöstler einen beträchtlichen Mehraufwand und viele Überstunden.

  • Die Post sagt, sie wolle die riesige Arbeit auf möglichst viele Schultern verteilen.

Schon jetzt macht sich bei der Post Weihnachten bemerkbar: Sie zählt bereits ein Fünftel mehr Pakete als letztes Jahr – und mit dem Black Friday stehe «die Spitze des Paket-Eisbergs» erst noch bevor, wie das Unternehmen sagt. Die Gewerkschaft Syndicom rechnet mit bis zu zwei Millionen Paketen am Tag, denn Onlineshopping boomt während Corona: Bereits jetzt sind es laut Post bis zu 900’000 Pakete täglich. Zum Vergleich: Letztes Jahr waren es in der Cyber Week maximal 800’000.

4400 Päckli in einem Monat

Die Flut an Paketen spürt der 17-jährige Pöstler Dominik Gerber* hautnah. Eigentlich trägt er mit seinem Roller Zeitschriften und Briefe aus – doch seit dem Lockdown ist auch die Verteilung von «kleinen» Paketen dazugekommen, um die Paketboten zu entlasten.

Ganze 4400 Päckli verteilten Gerber und seine zwei Arbeitskollegen im September mit dem Roller. «Wir haben vor lauter Päckli zu wenig Platz im Roller», sagt der Pöstler. «Mit dem Black Friday und Weihnachten wird das Platzproblem nur noch schlimmer.» Denn die Sendungen sind seiner Einschätzung nach nicht nur «klein», wie dies sein Arbeitgeber behaupte: «Die ganz grossen Päckli sind verrückt. Sogar ein ganzer Kinderwagen war schon dabei», sagt der Pöstler.

Am Morgen erwarte die Pöstler jetzt jeweils ein Päckliberg. «Und was uns geliefert wird, müssen wir auch verteilen.» Das bedeutet für Gerber lange Arbeitstage: «Wir werden überhäuft mit Paketen. Seit Corona arbeiten wir deutlich länger.» Der 17-Jährige zählte dieses Jahr bereits über 70 Überstunden – kaum ein Mitarbeiter hat laut Gerber unter 50.

«Ich mache mir Sorgen»

Auch der Job des Pöstlers ist wegen der zahlreichen Päckli mühsamer geworden. Denn diese müsse er direkt vor die Haustüre schleppen, so Gerber. Zudem reiche sein Anhänger nicht aus für die ganze Ladung: «Ich muss immer wieder nachladen, weil nicht alles in den Anhänger passt. Manchmal bis zu dreimal, das kostet viel Zeit.» Auch von der Post angeschaffte, leicht grössere Anhänger hätten das Problem nicht gelöst.

«Es gibt schon Momente, wo ich mich frage, weshalb ich als Briefpöstler diese Päckli bringen muss», so Gerber. Er fürchtet sich vor den kommenden Wochen: «Ich mache mir Sorgen. Da kommt schon einiges auf uns zu. Die Zeit vor Weihnachten wird hart.»

Gewerkschaft: «Viele Mitarbeiter am Limit»

Dominik Gerber ist laut der Gewerkschaft Syndicom einer unter vielen: «Wenn man vor Ort mit den Mitarbeitenden spricht, kommt die Überlastung aufgrund der gestiegenen Paketmenge schnell zur Sprache», so Sprecher Christian Capacoel. Zudem sei das Gewicht der Sendungen immer wieder ein Thema.

Stress, Druck und Überstunden sind bei der Post gemäss Einschätzung der Gewerkschaft «sehr weit verbreitet». Gleichzeitig würden die Pöstler aber ihr Bestes tun, damit die Sendungen pünktlich ankommen.

«Es bräuchte mehr fest angestelltes Personal für die Feiertage, aber auch darüber hinaus», sagt Capacoel. Denn viele der neu geschaffenen Ressourcen der Post seien Temporärangestellte oder befristete Verträge, die Paketmenge werde aber nach den Feiertagen nicht zurückgehen, so Capacoel.

Post will Arbeit auf viele Schultern verteilen

Dieses Jahr sei «sehr herausfordernd für unsere Mitarbeitenden», sagt Postsprecherin Denise Birchler auf Anfrage. Es sei «Weltklasse», was sie geleistet hätten und immer noch leisten würden. Das oberste Ziel der Post sei deshalb die Gesundheit der Mitarbeitenden. «Wir achten beispielsweise darauf, dass die Mitarbeitenden wenn immer möglich eine Fünf-Tage-Arbeitswoche sowie zwei Tage am Stück frei haben.»

Zudem habe sich die Post intensiv auf den «Kraftakt» vor Weihnachten vorbereitet: So seien etwa 400 neue Vollzeitstellen in der Zustellung geschaffen sowie 800 Mitarbeiter für die kommenden Wochen temporär angestellt worden. Diese Massnahmen haben laut Birchler ein gemeinsames Ziel: «Die riesige Arbeit auf möglichst viele Schultern zu verteilen.»

* Name geändert

Deine Meinung

271 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Didu

27.11.2020, 14:49

Wen ihr kein Platz habt im Anhänger müsst ihr die großen Pakete dem Paketlieferdienst überlassen, ist doch klaro.

spediteur

27.11.2020, 13:04

dan fahrt zweimal ! muss ich auch.

Jeffrey Spector

27.11.2020, 07:48

Nochmals für die Begriffsstutzigen: es ist die Aufgabe der Post Päckli zuzustellen. Dafür nimmt sie Geld entgegen und hat Paketzentren. Jetzt läuft das Geschäft noch besser und sie müssen sich der Nachfrage anpassen. Dies ist ein völlig normaler Wirtschaftsvorgang.